Medizin: Volkskrankheit Schlafmangel
Wer in der Nacht arbeiten muss, sollte schnellstens ins Bett, wenn er nach Hause kommt.
Foto: dpaWashington. Krankenschwestern, Ärzte und unzählige Servicekräfte arbeiten, wenn andere schlafen. Reisende nutzen Nachtflüge, feiernde und chattende Teenager machen die Nacht zum Tag. Gesund ist das nicht. Es mehren sich die Hinweise, dass Menschen, die regelmäßig zu wenig und zu den falschen Zeiten schlafen, langfristige Folgen zu fürchten haben, etwa ein höheres Risiko für Diabetes und Herzerkrankungen.
„Wir haben eine gesellschaftliche Verschwörung zum Schlafentzug“, beklagt Russell Sanna von der Harvard Medical School. So haben Untersuchungen gezeigt, dass Menschen mit weniger als fünf Stunden Schlaf pro Nacht stärker Gefahr laufen, Diabetes Typ zwei zu entwickeln. Auch rotierende Schichten mit drei oder mehr Nachtdiensten im Monat erhöhen das Risiko, wie jetzt eine Studie nach Analysen medizinischer Daten in den USA ergab.
Dabei gelten gesunde Ernährung und Bewegung als entscheidende Faktoren im Kampf gegen Diabetes. Und natürlich ist es schwieriger, um drei Uhr morgens der Versuchung von Schokolade zu widerstehen oder nach einer anstrengenden Nacht Sport zu treiben.
Doch eine weitere neue Studie weist auf eine weit komplexere Rolle des Schlafes bei der Entwicklung von Diabetes hin: Der Körper verändert sich nach Erkenntnissen von Neurowissenschaftler Orfeu Buxton vom Brigham und Women's Hospital in Boston bei Störungen des normalen Biorhythmus in einer Weise, die Zuckerkrankheit begünstigen kann.
Sein Team beobachtete und untersuchte 21 gesunde Freiwillige, die fast sechs Wochen in einem Labor verbrachten, wo ihre Ernährung, ihre körperlichen Aktivitäten, ihr Schlaf und das Licht streng kontrolliert wurden. Die Testpersonen starteten gut ausgeruht, dann wurde ihnen drei Wochen lang der Schlaf reglementiert auf fünfeinhalb Stunden täglich – zu unterschiedlichen Tageszeiten, um ungünstige Schichtarbeit oder andauernden Jetlag nachzustellen.
Damit wurde der Biorhythmus überwältigt. Die Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten stiegen nach Berichten Buxtons im Fachmagazin „Science Translational Medicine“ deutlich an, weil die Bauchspeicheldrüse nicht mehr genug Insulin ausschüttete. Gleichzeitig verlangsamte sich der Stoffwechsel um acht Prozent.
Unregelmäßiger Schlaf und Schlafstörungen werden außerdem mit hohem Blutdruck, Herzproblemen, Übergewicht, Depression oder einem geschwächten Immunsystem in Verbindung gebracht. Zudem hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Nachtarbeit wegen eventueller Beeinträchtigung eines Hormons, das Tumorzellen unterdrücken kann, als möglicherweise krebserregend klassifiziert.
Wer in der Nacht arbeiten muss, sollte nach Ratschlägen Buxtons schnellstens ins Bett, wenn er nach Hause kommt. Auf dem Heimweg sollte man so wenig Licht wie möglich tanken. Hilfreich sind nach Angaben von Experten gelb oder orange getönte Brillen, die stimulierendes kurzwelliges Licht blockieren können. Und wie für alle anderen gilt: Ein dunkler, ruhiger und kühler Raum fördert den Schlaf, ebenso wie möglichst gute Entspannung vor dem Zu-Bett-Gehen.