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IndustriekonzernThyssen-Krupp lud Betriebsräte zu Luxusreisen

Asien, Amerika, Brasilien, Kuba - der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat seine Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat offenbar mit großzügigen Auslandsreisen bedacht. Ein Betriebsrat gibt nun seinen Kontrollposten auf.Martin Murphy, Jürgen Flauger, Axel Höpner und Mark C. Schneider, Sebastian Ertinger 11.01.2013 - 12:01 Uhr Artikel anhören

Großzügige Geschenke: Thyssen-Krupp lud Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen ein - etwa zum Besuch des berühmten Zuckerhuts in Rio De Janeiro, Brasilien.

Foto: dpa

Düsseldorf. Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen wie Kuba, wie das Handelsblatt in der Freitagausgabe unter Berufung auf interne Unterlagen des Unternehmens berichtet.

Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter. So stand bei einer Brasilienreise neben der Besichtigung des neuen Stahlwerkes in der Metropole Rio de Janeiro ein Ausflug zum berühmten Zuckerhut auf dem Programm.

Thyssen-Krupp lud zudem mit Bertin Eichler, den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden, zu einem Rennen der Formel-1 ein. An der Rennstrecke in Shanghai hatte der Ruhrkonzern eigens eine Loge gemietet, um seine Gäste zu bewirten.

Die Schattenseiten von Thyssen-Krupp
Thyssen-Krupp soll den Wettbewerber Salzgitter bei einer Gemeinschaftsfirma betrogen haben. Im Zentrum der Vorwürfe steht GfT Bautechnik, an der Salzgitter bis vor einem Jahr beteiligt war und die exklusiv die Spundwände der Niedersachsen vertrieben hatte. Bei einer Prüfung im Sommer 2011 sei Salzgitter aufgefallen, dass der Ruhrkonzern zu wenig Geld an die Niedersachsen für die Lieferung dieser Stahlprodukte überwiesen habe.
Thyssen-Krupp muss sich wegen illegaler Preisabsprachen im Schienengeschäft auf eine Klage der Deutschen Bahn gefasst machen, allerdings wird auch weiter über eine außergerichtliche Einigung verhandelt. Thyssen-Krupp war Teil eines Karrtells, zu dem auch die österreichische Voestalpine und das Bahntechnikunternehmen Vossloh gehörten. Die Firmen sollen von 2001 bis 2008 und teilweise bis 2011 Preise – unter anderem zum Schaden der Bahn – abgesprochen haben.
Der Industriekonzern Thyssen-Krupp hat Gewerkschafter zu kostspieligen Reisen in der ersten Klasse eingeladen. Mehrfach flogen Vertreter des Arbeitnehmerflügels im Aufsichtsrat nach Asien und Amerika, aber auch zu exotischen Zielen. Die Reisen hatten zum Teil touristischen Charakter
ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen ließ im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen im Zusammenhang mit Luxusreisen Anfang Dezember 2012 sein Amt ruhen. Er wolle durch den Schritt „angesichts der derzeitigen öffentlichen Berichterstattung Schaden vom Unternehmen fernhalten“. Claassen war wegen luxuriöser Reisen in die USA unter Druck geraten, die er von seinem Arbeitgeber finanzieren ließ, obwohl sie nicht vornehmlich dienstlich veranlasst schienen.Wenige Tage später griff Aufsichtsratschef Gerhard Cromme durch und setzte nicht nur Claassen vor die Tür. Auch zwei weitere Vorstände mussten gehen – insgesamt die Hälfte der Mitglieder des Top-Führungsgremiums.
Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt gegen 14 Beschuldigte wegen des Verdachts auf Untreue. Im Zusammenhang mit einem Bauprojekt in Kasachstan soll es Schmiergeldzahlungen an eine Briefkasten-Firma im US-Bundesstaat Georgia gegeben haben. Die Ermittlungen gingen auf interne Ermittlungen von Thyssen-Krupp zurück.
Als Thyssen-Krupp 2005 seine Pläne für die Expansion auf den Stahlmarkt in Südamerika und den USA präsentierte, klang alles sehr einfach. Mit günstig in Brasilien produziertem Qualitätsstahl wollte der Ruhrkonzern den US-Hüttenbetreibern Marktanteile abjagen. Dass deutsche und asiatische Autokonzerne zeitgleich im Süden der USA Produktionsstätten errichteten, machte die Strategie plausibel.Problematisch war allerdings die Umsetzung. Die Stahlhütte vor den Toren der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro kostete nicht 1,3 Milliarden Euro, wie zunächst angekündigt. Die Investitionen summierten sich letztendlich auf mehr als fünf Milliarden Euro. Das Werk wurde weitaus teurer. Wegen Fehlplanungen muss die Kokerei umfangreich nachgebessert werden, auch bei anderen Teilen des Hüttenwerks gibt es Probleme.
Im Werk der lokalen Thyssen-Krupp-Tochter CSA wurde mehrfach Graphitstaub in die Luft gewirbelt. Der sogenannte „Silberregen“ setzte sich in etwa zwei Kilometern Entfernung vom Stahlwerk im Nachbarort Santa Cruz auf Straßen und Häusern ab. Die Anwohner klagten über Atembeschwerden und Hautausschläge. Seit der Eröffnung des Werks im Jahr 2010 hat Thyssen-Krupp-CSA wegen der Pannen mehrfach Strafen zahlen müssen: umgerechnet 700.000 Euro beim ersten, 1,1 Millionen Euro beim zweiten Mal und zuletzt vier Millionen Euro.
Auch beim Bau eines Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama hatte sich der Stahlkonzern verkalkuliert. Wegen Planungsfehlern und veränderten Rahmenbedingungen entwickelte sich auch diese Projekt zu einem Milliardengrab. Gemeinsam belasten die beiden Hütten die Bilanz mit mehreren Milliarden Euro. Insgesamt hat Thyssen-Krupp zwölf Milliarden Euro für die Werke ausgegeben.

Eichler räumt rückblickend ein, dass seine fünf Reisen in der ersten Klasse ein Fehler waren. Bei Thyssen-Krupp sei es Praxis gewesen, dass Überseereisen von Aufsichtsräten vom Unternehmen in der ersten Klasse gebucht wurden, sagte er dem Handelsblatt. „Aus heutiger Sicht ist es sinnvoll, diese Praxis zu überprüfen und klare Kriterien zu vereinbaren.“

Das IG-Metall-Vorstandsmitglied Eichler kündigte nun an, Thyssen-Krupp nachträglich die Differenz der Kosten der First-Class-Flüge zur Business-Klasse erstatten. Zudem werde er bei der 2013 anstehenden Wahl der Arbeitnehmerseite in den Aufsichtsrat des Industriekonzerns nicht mehr kandidieren. Den Vorwurf, durch diese Reisen sei seine Aufsichtsratstätigkeit vom Unternehmen beeinflusst worden, weist Eichler aber „entschieden zurück.“

Die Stärken von Thyssen-Krupp
Mutiger Chef: Mit Heinrich Hiesinger hat Thyssen-Krupp im Frühjahr 2011 einen entscheidungsfreudigen Chef erhalten. Schon Mitte vergangenen Jahres – wenige Monate nach seinem Amtsantritt – stellte er Bereiche wie Edelstahl zum Verkauf. Kurz danach folgte die Ankündigung, auch die Stahlwerke in Brasilien und den USA veräußern zu wollen. Thyssen-Krupp kann sich die Verluste dort nicht leisten. Wichtigstes Merkmal für Hiesinger ist, er ist vollkommen unabhängig. Dass gibt ihm laut Beobachtern die Chance, auch unpopuläre Entscheidung durchzuziehen.
Aufstellung: Im Konzern Thyssen-Krupp gibt es eine Reihe von Perlen, die nun entwickelt werden sollen. Stark sind vor allem die Sparten Aufzüge und Anlagenbau. Beide haben sich in den vergangenen Jahren als solide Erlösbringer erwiesen. Der Konzern will die Bereiche nun stärken.
Stahlsparte: Bei aller Kritik am Stahlgeschäft – Thyssen-Krupp ist einer der Qualitätsführer bei Flachstahl in Europa. Premiumhersteller wie BMW, Daimler und Volkswagen sind gute Kunden – Thyssen-Krupp verdiente auch im jetzigen schwierigen Marktumfeld noch Geld.

Thyssen-Krupp steht wegen der erheblichen Fehlplanungen bei den neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA enorm unter Druck. Die Kosten haben sich auf zwölf Milliarden Euro vervielfacht. Der Konzern will diese nun losschlagen – und muss dabei einen Verlust von neun Milliarden Euro hinnehmen.

Aktionärsvertreter haben für die Hauptversammlung in der kommenden Woche angekündigt, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Unter anderem die Aktionärsschützer der DSW bemängeln eine mangelnde Kontrolle bei den Überseewerken. Nach Informationen von „Capital.de“ empfiehlt auch der einflussreiche Aktionärsberater ISS den Investoren, dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern.

Dossier zum Download

Thyssen-Krupp-Aufsichtsratsprotokolle aus sieben Jahren

Die wichtigsten Eisenerz-Lieferanten
IranDen zehnten Platz der Top-10 Eisenerz-Nationen erreicht der Iran. Das Land Produzierte 2011 rund 30 Millionen Tonnen.
KanadaDer nördliche Nachbar der USA landet auf Platz neun der größten Eisenerz-Produzenten. 37 Millionen Tonnen kamen aus den Gruben des Landes.
USADie USA produzierten 54 Millionen Tonnen Eisenerz. Die Fördermenge stieg in den vergangenen drei Jahren leicht an.
SüdafrikaSüdafrika produzierte 2011 55 Millionen Tonnen Eisenerz. In den Vorjahren pendelte das Volumen ebenfalls um diese Marke.
UkraineMit 80 Millionen Tonnen landet die Ukraine auf dem sechsten Platz der Eisenerz-Nationen.
RusslandAuf dem fünften Platz der größten Eisenerz-Förderer landet Russland. Im Jahr 2011 holte das Land 100 Millionen Tonnen des Rohstoffs aus der Erde.
IndienIndien erreicht bei der Eisenerz-Produktion den vierten Platz. 240 Millionen Tonnen förderte das Land im Jahr 2011. Während andere Länder Zuwächse verbuchten, stagnierte die indische Produktion in den vergangenen drei Jahren weitgehend.
BrasilienDie größte Eisenerz-Lagerstätte der Welt liegt im Urwald Brasiliens. Das Land rangiert bei der Rohstoff-Produktion aber nur auf Platz drei mit 390 Millionen Tonnen.
AustralienDie Nummer zwei unter den Eisenerz-Exporteuren ist Australien. Der Kontinent produzierte 480 Millionen Tonnen.
ChinaDer größte Eisenerz-Produzent der Welt ist China. Im Jahr 2011 förderte das Reich der Mitte rund 1200 Millionen Tonnen des Grundstoffs für die Stahlproduktion. Zugleich ist China auch einer der größten Importeure von Eisenerz. Quelle: US Geological Survey

Es ist nicht das erste Mal, dass Unternehmen versuchen, Gewerkschafter oder Betriebsräte durch lukrative Posten oder Luxusreisen auf den Kurs des Vorstands zu bringen. So ließ der frühere VW-Arbeitsdirektor, Peter Hartz, mit Bargeld, Reisen und Prostituierten den Konzernbetriebsrat kaufen. Als die Vorwürfe im Sommer 2005 öffentlich wurden, erstatte Volkswagen Strafanzeige. Pischetsrieder schaltete die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein. Sie erarbeitete einen 120-seitigen Bericht.

Siemens hingegen leistete sich eine eigene Arbeitnehmervertretung. Der Konzern alimentierte mit Millionenzahlungen die arbeitgeberfreundliche „Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger“ (AUB), die ein Bollwerk gegen die kampferprobte IG Metall bilden sollte. Mehrere Beteiligte kassierten dafür Haftstrafen.

Die neuen Vorwürfe belasten den ohnehin schon krisengeschüttelten Stahlkonzern. Hauptgrund für die Misere von Thyssen-Krupp sind die Fehlinvestitionen in den USA und besonders in Brasilien. Das Prestigeprojekt bringt Deutschlands größten Stahlkonzern an die finanziellen Grenzen. Die Ratingagenturen bewerten die Anleihen des Konzerns mit „Ramsch“.

Eigentlich war die Idee durchaus sinnvoll. 2004 standen die Zeichen in der Stahlbranche auf Konsolidierung. In China und Indien wuchsen starke Konkurrenten heran. Vor allem der Billigstandort in Südamerika sollte Wettbewerbsvorteile in Europa und in den USA ermöglichen.

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Aber Brasilien ist schon heute kein Billigstandort mehr. Die Löhne sind genauso massiv gestiegen wie die Währung Real, allein durch den Export verliert Thyssen-Krupp heute pro Monat fast hundert Millionen Euro. Zudem erwies sich der Bau in dem brasilianischen Sumpf als schwieriger und teurer als veranschlagt.

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