Umstrittene Einäscherung: Orthodoxe in Rumänien auf den Barrikaden
Ein Rumänischer orthodoxer Priester bespritzt die Anwesenden mit Weihwasser. Die Orthodoxen laufen Sturm gegen eine Einäscherung.
Foto: dpaBukarest. Als die Witwe Dana Nicolaescu ihren verstorbenen Mann auf den letzten Weg begleitete, rief eine wütende Menschengruppe ihr zu: „Du sollst in der Hölle brennen!“ Dies geschah Anfang dieses Jahres vor dem Bukarester Krematorium. Trotz der Eiseskälte waren die Demonstranten gekommen, um der trauernden Frau ihre Empörung zu zeigen darüber, dass die Leiche entgegen der Vorschriften der Rumänisch-Orthodoxen Kirche eingeäschert wurde. Der Fall schlug Wellen in Rumäniens Medien, weil es sich bei dem Toten um den im Land sehr prominenten Filmregisseur Sergiu Nicolaescu handelte.
Tagelang beherrschte nicht Nicolaescus umstrittenes Lebenswerk die öffentlichen Debatten, sondern die angeblich gotteslästerliche Einäscherung seiner Leiche, die der Mann testamentarisch verfügt hatte. Ungefragt mischte sich sogar die oberste Kirchenleitung ein: Feuerbestattungen seien unzulässig, erklärte das Patriarchat in Bukarest und bot an, die Kosten für eine „christliche“ Grablegung Nicolaescus zu übernehmen. Der Christenmensch müsse nach seinem Tod beim Jüngsten Gericht leibhaftig vor seinen Schöpfer treten und nicht als ein Haufen Asche, dozierten Popen in TV-Talkshows.
Deshalb sei bei Feuerbestattungen auch kein Gottesdienst gestattet. Um zu prüfen, ob irgendein Pope es wagt, dieses Verbot zu übertreten, schickte das Patriarchat sogar verdeckte Beobachter zu Nicolaescus Bestattung. Anschließend berichtete die Boulevardpresse vorwurfsvoll, dass die Witwe ausgerechnet an dem für Orthodoxe wichtigen Feiertag Sankt Johannes' des Täufers (7. Januar) auf ihrem Balkon Wäsche aufgehängt habe. Diese Frau sei durch und durch gottlos, lautete die Botschaft.
Rumäniens Mainstream ist christlich-orthodox. Nichts mobilisiert die Menschen mehr als äußerliche Aspekte ihrer Konfession, zu der sich fast 90 Prozent der Rumänen bekennen. Regelmäßig prügeln sich Menschen um den Vortritt zu Ikonen, Reliquien und Weihwasser bei den Massenprozessionen an Festtagen für verschiedene Heilige. Lokale Revolten in Dörfern und Kleinstädten richten sich so gut wie nie gegen Politiker, meist geht es dabei um Kirchenfragen. Mal erregen sich die Menschenmassen, weil der Pope zu tief ins Glas oder in ein Dekolleté schaut, mal richtet sich der Volkszorn gegen die Kirchenführung, weil ein beliebter Pfarrer an einen anderen Ort versetzt wird. Proteste gegen die Sparpolitik der Regierung, die immerhin Löhne um ein Viertel gekürzt hatte, blieben dagegen schwach.
Kaum jemand protestiert dagegen, dass nach dem Fall des Kommunismus im Land mehr als 4000 neue Kirchen gebaut wurden, während zum Beispiel viele Schulen aus Geldmangel geschlossen wurden. Im Gegenteil: Trotz weit verbreiteter Armut spenden die Rumänen massenhaft für eine neue Riesenkirche. 30 Stockwerke hoch werden soll diese „Kathedrale zur Erlösung des Volkes“, die gerade in Bukarest gegenüber vom Mammutpalast des früheren Diktators Nicolae Ceausescu gebaut wird. 600 Millionen Euro soll das Gebäude kosten, samt Tiefgarage, Café, Büros und Wohnungen.
Vieles deutet darauf hin, dass die neue Attraktivität des Religiösen mit allgemeinem Frust zu tun hat, der sich gegen die eigenen Politiker und gegen die EU richtet. Die politische Klasse Rumäniens gilt als korrupt, über Parteigrenzen hinweg. Die EU wiederum ist bisher in Rumänien vor allem als Kontrolleur und Mahner aufgetreten. Von ihren Segnungen hat das Volk kaum etwas zu spüren bekommen, zumal Rumänien wegen schwacher Verwaltung und Korruption gerade einmal ein Zehntel der verfügbaren Milliardenbeträge aus Brüssel abrufen konnte.
Die EU und die USA strebten eine Auslöschung nationaler Identitäten und Werte in Europa an, schreibt etwa der extrem christlich-orthodoxe Aktivist Iulian Capsali immer wieder auf seiner Facebook-Seite. „Westliche“ Werte wie etwa Toleranz gegenüber Homosexuellen drohen nach seiner Lesart „die Substanz“ des rumänischen Volks auszuhöhlen. Capsali hat gerade mehr als 40 Vereine zu einem öffentlichen Protest gegen eine Veranstaltungsserie des rumänischen Homosexuellen-Verbands ACCEPT in Bukarest mobilisiert.
Der Zorn von Capsali und seiner Freunde richtet sich vor allem gegen den Direktor des staatlichen Bukarester Museums des Rumänischen Bauern (MTR), weil dieser Veranstaltungen von ACCEPT erlaubt hat, die von den Botschaften der USA und der Niederlande gefördert werden. „Schwule Propaganda“ in diesem Museum, so Capsali, sei ein Affront gegen den „Geist“ der rumänischen Nation. Der zum Mythos verklärte rumänische Bauer gilt den Ultra-Religiösen als Sinnbild der „Reinheit“ und der „gottgefälligen“ Heterosexualität.
Vorerst hat Nitulescu sich von den Ultra-Orthodoxen nicht einschüchtern lassen. Ob er dies politisch durchsteht, bleibt fraglich, zumal bisher noch keine rumänische Regierung offen gegen die orthodoxe Kirche aufgetreten ist. Seit Jahrzehnten ist diese Kirche laut Umfragen die Institution, der die Rumänen am meisten vertrauen.