Lada Taiga im Handelsblatt-Autotest: „Verdienter Held der Sowjetunion“
Irgendwie knuffig der Kurze - wenn nur dieser California-Aufkleber nicht wäre.
Foto: Sebastian SchaalDüsseldorf/Moskau. Mein „Schätzchen“! So würdet ihr in Deutschland "Lada Niva“ übersetzen. Und ich bin der Meinung, das passt besser als „Taiga“ – so wie ihr Fritzen ihn neuerdings umgetauft habt. „Taiga“ – das klingt nach Nadelwald und Dauerfrost. In Niva dagegen steckt Gefühl, da steckt Seele, darin steckt Russland. Deswegen bleibt euer Taiga für mich mein Lada Niva. Ich habe den Geheimdienst gefragt: „Warum nehmen die Deutschen einen neuen Namen?“ Die Antwort war, dass der Niva die deutschen Crash-Vorschriften nicht schafft.
Und da unsere Ingenieure gerade U-Boote, Raumfahrzeuge und Raketenabwehrkanonen konstruieren und keine Zeit haben, sich um so etwas zu kümmern, haben unsere Exporteure vorgeschlagen, den Niva umzubenennen und ihn in Deutschland als Kleinserienfahrzeug anzumelden. Da sind die Vorschriften dann nicht so streng. Findige Leute, diese Exporteure.
Ich habe gesagt: Macht, was ihr wollt mit den pingeligen Fritzen. Die können nicht mal eigene Mondraketen bauen, aber wollen uns Russen etwas in Technik vormachen? Nein – das macht ihr nicht mit mir. Nicht mit Waldimir Wladimirowitsch, der sein Schätzchen liebt. So wie ich einst Ljudmila liebte, bevor wir uns auseinander gelebt haben. Aber was rede ich da.
Ich fahre Niva. Basta. Der Schröder hat mir gesagt, bau hinten einen Gastank ein, dann kannste Gazprom tanken. Der Schröder ist ein Schlitzohr. Hatte wieder seinen eigenen Vorteil im Kopf – und vergaß glatt darüber, dass Gazprom auch in Öl macht. Ich hab es ihm zu Liebe und wegen der deutsch-russischen Freundschaft dennoch gemacht. Habe für 2.850 Euro einen Gastank einbauen lassen, schön unsichtbar unter dem Kofferraum. Wenn ich mehr als 10.000 Kilometer pro Jahr mit dem Schätzchen fahre, habe ich den Preis nach gut drei Jahren drin.
Dafür ist mein Niva etwas langsamer mit Gas. Ich kann aber mit einem Knopfdruck auf Benzin umschalten. Dann habe ich zwei Tanks und komme glatt von Moskau bis Polen ohne zu halten. Hätte Väterchen Stalin gefallen. Auch dass er säuft, egal ob Benzin oder Gas, hätte ihn nicht gestört. Ich selbst finde das auch nicht so schlimm. Ich kann mich zwar zügeln, aber ich werde doch russische Urtugenden nicht unterdrücken. Ich bin ja nicht der Zar!
Alles drin, alles dran, was willst du mehr? Airbags? Fehlanzeige, weswegen das Modell irgendwann aus dem Verkehr gezogen werden dürfte. Rechts über dem Radio ist der Knopf zum Umstellen von Benzin auf Gasbetrieb. Das geht während der Fahrt.
Foto: Sebastian SchaalDas Getriebe macht abenteuerlichen Radau ab Tempo 130. Radio hören kann ich vergessen, mache ich aber sowieso nicht mehr, seit die nur noch Pussy Riot rauf und runter spielen. Beim ehemaligen kapitalistischen Klassenfeind wird der Lärm auf unsere russischen Wälzlager zurückgeführt. Sie sind in der Tat eine hervorragende Erfindung aus der Sowjetunion – aber gehen eben wie alles wahrhaft Lebendige irgendwann über die Wolga. Wer will schon ewig leben?
Dass alle im Lada verbauten Wälzlager noch von einer sozialistischen Planungspanne mit anschließender Überproduktion aus den siebziger Jahren stammen, ist eine böse Unterstellung des Klassenfeinds. Ich sage ja auch nichts gegen die rollenden Reisschüsseln aus Korea und Japan, die in den Schlämmen Sibiriens aufgeschmissen wären. Gut – der Zylinderkopf und das Verteilergetriebe waren vor 35 Jahren, als der von mir sehr geschätzte Genosse Leonid Illjitsch Breschnew den ersten Lada Niva betrachtete, eine Eigenkonstruktion.
Den Rest haben wir damals von Fiat bekommen. Irgendwie hielt das, was die Italiener machten, länger, während unsere Zylinderköpfe dauernd platzten. Ich habe damals dafür gesorgt, dass der Berlusconi an die Regierung kommt, seitdem geht es mit Italien bergab, während wir uns mit russischer Ausdauer nach vorne kämpfen.
Die Schaltkulisse: Fünf Gänge fürs Vorwärtskommen, eine Differentialsperre und ein zuschaltbares Untersetzungsgetriebe. Das ist Maschinenbau pur und hört sich auch so an. Eigenwillig, dass der Haupt-Schalthebel am weitesten der drei vom Fahrer entfernt wurde.
Foto: Sebastian Schaal
Einen Fehler habe ich gemacht, als ich befahl, dass der Niva vor allem fahren muss, bremsen hatte ich für verzichtbar gehalten. Ich wollte höher, weiter und schneller sein, wie unsere Athleten. Es war - und dafür werde ich eine Ikone stiften – wirklich ein Fehler. Ich weiß heute, dass Taktik auch Kurven bedeutet, und dass sich Verzögerungen manchmal auszahlen.
Der neue Niva hat deswegen Servolenkung und ABS, er fährt ordentlich geradeaus und kann auch abbiegen. Ansonsten verzichten wir auf neumodische Details, der Niva ist ein echter Kerl, er hat Charakter. Wie ich. Ich liebe klassischen Maschinenbau und pfeife auf Airbags. Leben bedeutet Gefahr und nur, wer die Gefahr meistert , spürt das Leben.
Fenster können wir Russen kurbeln, das macht Muskeln da, wo sie hingehören. Genauso wie die Schaltung. Wer den Rückwärtsgang einlegt, spart sich das Armdrücken am Abend. Schminkspiegel? Imperialistische Verweichlichung. Hauptsache, die Aschenbecher sind groß.
Typisch Lada: Der Reservereifen liegt im Motorraum. Da stört er keinen. Und wird vorgewärmt. Wie in der Formel 1.
Foto: Sebastian SchaalFernbedienung kriegen nur die, die den Nahkampf nicht schätzen, und die sollen dann eben extra dafür zahlen. Klimaanlage haben wir – aber nur in warm. Kalt genug ist es bei uns von ganz allein. Eine Wegfahrsperre gibt es auch, wenn ich sie entriegeln will, muss ich ein daumennagelgroßes Plastikteil links unten neben das Steuer halten. Kommt nie einer drauf und ist meines Erachtens das ganze Geheimnis, warum der Lada im Gegensatz zum BMW X5 so selten geklaut wird. Reinregnen tut es auch nicht - Seele, was willst du mehr?
Und das, obwohl er ohne Zweifel besser aussieht als seine asphaltverweichlichten Artgenossen, die diese amerikanischen Cowboys so schätzen. Diese Lifestyle-Cruiser, denen dicke Alufelgen und verchromte Rammbügel wichtiger sind als ein zuschaltbares Sperrdifferenzial und eine Geländeuntersetzung. 58 Prozent Steigfähigkeit. Das sind wahre russische Werte! Deswegen prangt „Made in Russia“ auf der Heckscheibe.
Wieso die Fritzen dann noch auf die Türen den Schriftzug „California“ kleben, ist mir schleierhaft. Wenn schon Zierrat, dann muss da „Odessa“ stehen.
Zum „Held der Sowjetunion“ wird mein Niva abseits fester Pisten. In den Schlämmen der Tundra und Taiga. So was ist in Deutschland ja quasi ausgestorben. Ich habe gehört, es wird bei Euch eigens für Allrad-Genossen angelegt. Vielleicht können wir es Euch liefern gegen harte Euros, wenn ihr welche habt.
Wir jedenfalls haben genug Matsch in Russland, und wenn ich die beiden Hebel neben dem beinlangen Schaltknüppel umlege – den einen für die Untersetzung, den anderen für die Differenzialsperre – komme ich überall hin. Und darauf kommt es mir an.
Ihr sagt, der Weg ist das Ziel? Dekadentes Gerede. Ich sage: Das Ziel ist das Ziel. Und wenn der Weg dahin ein bisschen länger dauert, dann schlag ich nach bei Tolstoi, Leo Nikolajewitsch Tolstoi. Da steht: „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“
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