Prostitution in Frankreich: Manifest fordert „Hände weg von meiner Nutte“
Prostituierte bei der Arbeit: In Frankreich soll ein Gesetz künftig Freier treffen – dagegen organisiert sich Widerstand.
Foto: dpaParis. Frédéric Beigbeder ist nicht unbedingt ein begnadeter Schreiber. Doch einen gewissen Spürsinn für wirksame Provokationen kann man ihm nicht absprechen. Das „Manifest von 343 Dreckskerlen: Hände weg von meiner Nutte!“ des Herausgebers der Männerzeitschrift Lui bringt nicht nur die Medien in Wallung, sondern sorgt auch in den sozialen Netzwerken für hitzige Debatten unter völlig Unbeteiligten. Kein Wunder, das Thema lag – der Kalauer muss hier erlaubt sein – auf der Straße, seit die französischen Sozialisten eine Gesetzesinitiative zur Bestrafung der Kunden von Prostituierten angekündigt haben.
Wie so oft nimmt Beigbeder, der vor allem damit beschäftigt ist, das Geld durchzubringen, das sein Vater verdient, den Mund ziemlich voll. „Manifest der 343 Dreckskerle“, das ist ein fast wörtliches Zitat des „Manifest der 343 Schlampen“, das Simone de Beauvoir 1971 organisierte und in dem genau diese Zahl von Frauen bekannte: „Ich habe abgetrieben“. Abtreibung stand damals in Frankreich unter Strafe. Was der Kampf der Frauen für die Legalisierung der Abtreibung mit dem Wunsch von Beigbeder und seinen Kumpeln gemein hat, auch weiter ohne Strafzettel jede beliebige Prostituierte aufsuchen zu können, liegt nicht so ganz auf der Hand. Sicher, beides betrifft Sex. Das war’s aber auch schon. Eine weitere Provokation steckt in der Formulierung: „Hände weg von meiner Nutte!“, denn die gleicht im Französischen bis auf drei Buchstaben der Anti-Rassismus-Bewegung „Hände weg von meinem Kumpel“. Die leitete in den 90er-Jahren Harlem Désir, der heutige Vorsitzende der Sozialisten.
Der Titel von Beigbeders Manifest ist kühner als der Inhalt. Denn anders als die Forderung „Hände weg von meiner Nutte“ vermuten lässt, ist es gar keine Selbstbezichtigung von Freiern. Vielmehr heißt es im Text ziemlich verschwiemelt: „Wir haben Prostituierte aufgesucht, tun es noch oder werden es tun, jedenfalls einige von uns.“ Manche hielten gar nichts von käuflichem Sex. Wie nun? Tun sie’s oder tun sie’s nicht?
Dann folgt eine salvatorische Klausel: „Wir erwarten von der Staatsmacht, dass sie alles unternimmt, um gegen Menschenhändler-Ringe und Zuhälter vorzugehen“. Genau das nimmt die Gesetzesinitiative ja für sich in Anspruch. Aber jeder – besser müsste es wohl heißen: jede – habe das Recht, „frei seine Reize zu verkaufen und das sogar zu genießen.“ Die unterschwellige Behauptung, dass alle Prostituierten frei ihre Reize verkaufen und das lieben, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls zynisch. „Kein Parlamentarier darf uns Normen für unsere Lüste und Wünsche vorschreiben“, ereifern sich Beigbeder und Freunde. Das ist mit dem Gesetz auch nicht geplant.
Aber Beigbeder und den restlichen „Dreckskerlen“ – übrigens zusammen keine 343, sondern schlappe 19 – geht es beim besten Willen nicht um einen Beitrag zur Debatte um Prostitution, sondern vor allem um Selbstdarstellung durch Provokation. Das ist gelungen.
Indirekt allerdings hat das eitle Manifest aber doch eine positive Wirkung: In Frankreich nimmt die Debatte über die Gesetzesinitiative Fahrt auf. Und es wird die Frage gestellt, ob der Vorschlag der Sozialisten wirklich eine so gute Idee ist. Hilft die Bestrafung der Freier den Prostituierten? Oder treibt sie auch die, die heute legal und unter halbwegs akzeptablen Sicherheits- und Hygienebedingungen arbeiten können, in eine Unterwelt, die von gewalttätigen Zuhältern beherrscht wird?
Nur jeder fünfte Franzose unterstützt den Ansatz, Freier mit einer Geldstrafe von 1500 Euro zu belegen. Interessanterweise steigt dieser Anteil unter den Jugendlichen (18 bis 24 Jahre) drastisch an. Eine große Mehrheit aller Franzosen setzt sich aber dafür ein, erwischte Kunden zu zwingen, sich mit den Voraussetzungen und Folgen von Zwangsprostitution auseinander zu setzen. Der eher schlichte Aufruf von Beigbeder und seinen Freunden, der besser mit „Mein Dödel gehört mir“ überschrieben wäre, ist also nicht repräsentativ für die Franzosen.