Hermès: Wo ein Seidentuch 2000 Stunden Arbeit bedeutet
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen des Pariser Luxushauses Hermès verlangt kein Gehalt, keinen Urlaub und keine Sonn- oder Feiertagszuschläge. Sie ist schweigsam und klaglos, nicht gewerkschaftlich organisiert, dafür bescheiden, rund um die Uhr im Einsatz und geradezu unfassbar produktiv. Im Grunde ist sie der Traum jedes Unternehmens, denn sie lebt für ihre Arbeit.
Eigentlich müsste man ihr ein Denkmal setzen, dieser anonymen Fachkraft, die zeit ihres kurzen Daseins im Dienste ihres Unternehmens nicht einmal einen Namen bekommt – aber so ist es eben, das Leben einer Seidenraupe, der das Haus Hermès zugleich den so eminent wichtigen Grundstoff einer seiner größten Klassiker verdankt: „Ein Schmetterlingspaar ergibt ein Seidentuch“, erklärt Kamel Hamadou, der sich selbst einen Geschichtenerzähler nennt. Etwas weniger prosaisch ist er einfach der Kommunikationschef von Hermès in dessen Tüchermanufakturen bei Lyon.
„Ein Schmetterling, das sind 300 Eier, die 300 Seidenraupen ergeben. Das werden 300 Kokons und 450 Kilometer Faden.“ Das wiederum ist fast die Strecke zwischen den Designbüros der Firma in Paris und ihren Fabriken in Lyon. Und so viel zarten Faden braucht es nun mal für jedes der quadratischen Tücher, die später rund 360 Euro kosten.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Viel Geld, könnte man sagen, für ein Stück Stoff, das am Ende gerade mal 65 bis 70 luftig-leichte Gramm wiegt. Einerseits. Andererseits ein Spottpreis, wenn man bedenkt, dass es zwei Jahre dauern kann vom ersten Entwurf bis zum fertigen Tuch und dass die Kokons, zart wie winzige weiße Ostereier, eigens aus Brasilien eingeflogen werden müssen, weil von dort eben die hochwertigste Seide stammt.
Vielleicht färbt die prachtvolle Fröhlichkeit der Tücher auf die Beschäftigten ab, vielleicht heuern hier aber eh nur Menschen an, die wie Hamadou diese bunte Lebensfreude schon in sich tragen. Jedenfalls ist auch Hamadou, heute im bordeauxfarbenen Samtanzug (natürlich von Hermès) ähnlich seinen Kolleginnen und Kollegen, eine echte Erscheinung wie die Tücher, denen er auch schon 30 Jahre seines Lebens widmet.
Hermès scheint weniger ein Unternehmen als eine Philosophie zu sein, kein Job, sondern eine Einstellung. Und vielleicht ist damit auch zu erklären, dass dieses Unternehmen sich bis heute seine Selbstständigkeit bewahrt hat, sogar gegen die Attacken eines Bernard Arnault, des großen Luxuswelten-Architekten des LVMH-Konglomerats, der am Ende keine Chance sah, die ersehnte Hermès-Mehrheit zu kontrollieren. Seidenraupen lassen sich ja auch nicht dressieren.
Und wo, bitte, manifestiert sich diese typische Hermès-Mischung aus Tradition und Moderne, aus Unabhängigkeit und Familiensinn, Korpsgeist und Kreativität klarer als in der Geschichte und Entwicklung jener Carrés, die ja auch zweierlei sind: fest formatierter Rahmen von vorwiegend 90 mal 90 Zentimetern (obwohl es heute auch andere Größen gibt) und zugleich ein schier grenzenloser Kosmos der unterschiedlichsten Stile, Designs, Künstler und Generationen?
Die Künstler
Bis zu sechs Monate dauert es allein, ein Motiv zu erarbeiten. Gemeinsam mit Christine Duvigneau, der Chefin des Studio Dessin, und in Absprache mit der französischen Designerin Bali Barret, künstlerische Direktorin für das Damenuniversum von Hermès, sowie Pierre-Alexis Dumas, dem künstlerischen Direktor des Luxushauses und Enkel von Robert Dumas, arbeiten rund 50 Freelance-Designer.
Henri d’Origny ist mit 84 Jahren lediglich der älteste, erfahrenste und berühmteste unter den Hermès-Tuchmachern. Schon seit 1961 entwirft er in der Pariser Zentrale die seidigen Träume, aber daneben auch Uhren oder Krawattenmuster für Hermès. D’Origny entstammt einem französischen Adelsgeschlecht und nennt sich selbst schmunzelnd den wohl ersten Spross seiner Familie, der einer normalen Arbeit nachgehen musste.
Bereits als Kind zeichnete er gern. Inzwischen hat er allein über 50 Seidentücher für das Luxushaus entworfen. Pferde und Zaumzeug sind seine bevorzugten Themen. „Bei Hermès arbeitet man immer nahe an der Perfektion“, meint er und verewigt seine Entwürfe deshalb nicht auf großen Leinwänden, sondern auf Millimeterpapier. D’Origny ist so etwas wie die Seele des Teams geworden: zurückhaltend, leise fast wie die Seidenspinnerraupen, mit denen hier immer alles anfängt.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Zur jungen Generation, die daneben bei Hermès heute aktiv ist, gehört indes der Zeichner Pierre-Marie Agin, den alle nur Pierre-Marie nennen. Der Franzose ist erst 35 Jahre, hat aber in zehn Jahren schon um die 30 Motive für Hermès entworfen, nicht nur für die klassischen Carrés. Ihn fasziniert der „unglaubliche Sinn für die Komposition“ der Tücher.
Pierre-Marie, der auch für die Modedesignerin Agnès b. aktiv war, arbeitet eng mit dem Team von Hermès zusammen. Schon zwei Jahre im Voraus wird von Clan-Mitglied Pierre-Alexis Dumas das Thema des Jahres bestimmt, das die Künstler dann frei interpretieren.
Pierre-Marie begann im Jahr des „Märchens“ von Hermès, womit für ihn ein großer Wunsch in Erfüllung ging: „Ich habe schon immer Hermès-Tücher getragen und liebe Farben“, erzählt der Franzose in Paris. Für ihn ist das Unternehmen eng mit Geschichte, Natur und Folklore verknüpft. Er hat so unterschiedliche Carrés wie Orgelspiele oder Sporttrophäen gestaltet, entscheidend sei dabei: „Das Auge muss wandern.“
Álle Abläufe und Prozesse vom ersten Motiv in Paris bis zur Produktion in Lyon werden genau ausgesteuert. Ein Einblick in den Herstellungsprozess.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt MagazinDer Weg zum Hermès-Carré ist lang und bunt: Vom Kokon der Seidenraupe...
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin...über das Nachzeichnen des Designs...
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin...und die Farbauswahl...
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin... bis zur Herstellung vergehen bis zu zwei Jahre.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt MagazinDer Produktionsprozess der Tücher wird mal dominiert von Hightech-Maschinen...
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin...die von Fachkräften kontrolliert werden...
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin...und mal von purem Handwerk wie dem finalen Vernähen der Carrés, das allein 45 Minuten beansprucht.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt MagazinBei den Tüchern existieren keine Lieferengpässe.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt MagazinWas die Chefin des Designstudios und der Zeichner in Paris entwerfen...
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin...wird am Ende in traditionellem Hermès-Orange verpackt.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt MagazinLangweilig soll es einem nie werden beim Betrachten der Tücher. Nur wer dabei ins Träumen gerät, erlebt die wahre Tiefe der Quadrate.
„Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, sagt Studiochefin Christine Duvigneau, selbst wenn man gleich mit drei Grenzen konfrontiert wird: dem unverhandelbaren Grundformat, der Zahl der möglichen Farben und dem jeweiligen Thema des Jahres. Für sie ist es wichtig, dass die Hermès-Tücher Persönlichkeit und Gefühle ausdrücken.
Seit Bali Barret 2003 die Leitung fürs Seiden- und Textilgeschäft übernommen hat, habe sie mit Farben und Formen das Seidencarré neu interpretiert, auch wenn aktuelle Trends bei Hermès nicht im Vordergrund stehen. Die Seidentücher sollen trotzdem nicht nur Frau Mama gefallen, sondern auch ihrer Tochter.
Die Historie
Ein zeitloser Klassiker sind die Carrés dabei dennoch geblieben und zugleich immer auch ein Objekt, das von Generation zu Generation vererbt wird wie ein Familienschmuckstück, Gegenwart und Geschichte zugleich, 90 mal 90 Zentimeter Farbenpracht, Kreativität hoch zwei, Schönheit zum Quadrat.
Das Kultobjekt geht auf das Jahr 1937 zurück, genau hundert Jahre nach der Gründung des Unternehmens durch den gebürtigen Krefelder Thierry Hermès, der einst mit Sätteln und Zaumzeug sein Geschäft startete. Als das Pferd dem Auto wich, wandelte sich auch Hermès zum Lieferanten neuartigen Reisegepäcks aus Leder. So erfand sich selbst dieses Traditionshaus immer wieder neu.
Und weil sich auch die Tücher schnell zu einem Verkaufshit entwickelten, wurden bis heute insgesamt bereits 2000 Motive entwickelt. Pro Jahr kommen zwei Kollektionen mit jeweils zehn neuen Bildideen hinzu.
Jedes Jahr wird ein Motto ausgegeben, für 2018 lautet es „Le Jeu“ (deutsch: Die Lebenskunst im Spiel), erzählt Kamel Hamadou. Unter der Leitung von Robert Dumas entstand einst der erste Hermès-Seidenschal namens „Jeu des Omnibus et Dames Blanches“ mit 17 Farben, der ein Spielbrett aus den 1830er-Jahren und die damals populären öffentlichen Verkehrsmittel von Paris zeigt. Das Motiv wird derzeit neu aufgelegt.
Zahlreiche Designer haben seither immer wieder neue Geschichten erzählt, die oft wie Märchen anmuten und mitunter auch an Wimmelbilder für Kinder erinnern. „Sie vermitteln Emotionen, man geht mit ihnen auf Reise in geheimnisvolle Welten“, beschreibt Hamadou die Kraft der Carrés – egal, ob da Pferde und Kutschen zu sehen sind, hochherrschaftliche Parks, exotische Länder, Blumenmuster oder Tiere, die über die Jahrzehnte viele, teils prominente Anhängerinnen fanden.
Auch die Geschichten, die sich ums Carré ranken, haben es berühmt gemacht: Grace Kelly trug die Seidentücher nicht nur als Kopfbedeckung, sondern benutzte sie sogar mal als Schlinge für ihren gebrochenen Arm. Audrey Hepburn, Jackie Kennedy, Brigitte Bardot oder Romy Schneider liebten die Farben- und Formenvielfalt ebenso, und selbst die englische Queen nutzt die quadratischen Tücher nicht nur im schottischen Hochland als Kopftuch.
Lange Zeit galten die Tücher als Inbegriff der französischen Bourgeoisie – und als beliebte Mitgift. Dennoch ist das Carré kein Relikt aus vergangenen Zeiten. Es hat den Wechsel und die Transformation geschafft – wie das Unternehmen an sich. Junge It-Girls wickeln es heute mit der gleichen Selbstverständlichkeit als modisches Zitat um ihre Handtaschen, wie es sich ihre Mütter einst um den Hals banden. Madonna entfremdete es als Bustier, und Beyoncé zog es sich in die Haare. Mehr Aufmerksamkeit geht nicht.
So wurde aus einem Accessoire selbst ein Objekt der Begierde – und ein erreichbares wie bezahlbares obendrein, wenn man sich die Wartezeiten und Preise anderer Ikonen des Hauses anschaut, etwa die Kelly- oder die Birkin-Bag, für die man mitunter einen Mittelklassewagen bekäme – wenn man denn genug Geduld aufbringt, darauf auch mal ein, zwei Jahre zu warten.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Bei den Tüchern existieren keine Lieferengpässe. Wie viele Hermès-Tücher weltweit im Jahr genau verkauft werden, bleibt dabei ein gut gehütetes Geheimnis. Der Umsatz im Bereich von Seide und Textil legte im vergangenen Jahr erneut um sechs Prozent zu. Die Sparte steuert rund zehn Prozent zum Gesamtumsatz des Unternehmens bei, der im vergangenen Jahr ebenfalls gestiegen ist – auf mittlerweile über 5,5 Milliarden Euro.
Das alles wiederum wäre gar nicht möglich, wenn aus der Manufaktur nicht längst auch ein effizienter Hightech-Konzern geworden wäre, der alle Abläufe und Prozesse vom ersten Motiv in Paris bis zur Produktion in Lyon genau auszusteuern vermag.
Die „Seidenstraße“
Seit mehr als einem halben Jahrhundert werden die Carrés in Bourgoin-Jallieu in den Gandit-Manufakturen und den Ateliers AS in Pierre-Bénite bei Lyon hergestellt, wo insgesamt 800 Mitarbeiter beschäftigt sind. Dort rattern riesige Maschinen, Roboter sausen durch die Luft, die hier – ja – so bunt riecht, wie die Tücher später sein werden.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt Magazin
Mit bis zu 46 Farben werden die Carrés im Siebdruckverfahren mit eigens hergestellten Metallrahmen bedruckt. Pro Farbe ein Siebdruckrahmen, dessen Polyesterbespannung über durchlässige Negativpartien für das jeweilige Muster verfügt, das dann in einer Farbe gedruckt wird.
„Für jede Farbe fährt eine Maschine mit einem Druckrahmen über die Seide“, erzählt Carré-Clan-Mitglied Hamadou in der konzerneigenen „Seidenstraße“. Die verfügt über einen 150 Meter langen Produktionstisch, auf dem die Tücher bedruckt werden. Auf keinen Fall darf ein Staubkorn in den Raum gelangen, kein falscher Tropfen Farbe ist erlaubt, sonst besteht das Tuch die strenge Qualitätskontrolle nicht.
„Versuchen Sie mal, den Fehler zu finden“, sagt Hamadou und zeigt lachend einen Seidenschal. Da … ein winziger Punkt, groß wie ein Bleistifttupfer, in einem aufwendigen Motiv. Trotzdem wird das Tuch ausgemustert.
Nach dem Druck muss die Farbe fixiert werden. „Das geschieht unter Wasserdampf bei exakt 103 Grad, nicht mehr, nicht weniger, sonst ändern sich die Farben oder der Druck ist nicht fest“, betont Hamadou.
Dann werden die Carrés noch gewaschen. In einer Nebenhalle, der „Farbküche“, in der überall Rohre und Schläuche verlaufen, als seien’s die Innereien einer Winzerei, wird derweil die Farbe angerührt und mit Harz dickflüssig gemacht. Hamadou zeigt einen Ordner mit firmeneigenen Farben: „Seit den ersten Hermès-Seidentüchern gibt es schon 75.000 Farben und Farbschattierungen. Die Basis sind 40 Grundfarben.“
Die einzelnen Noten haben so poetische Namen wie indisches Rosa, Lagune, Himmel, Smaragd oder Kirsche. Und doch ist neben der Lyrik auch hier viel Präzision gefragt:
Vor dem Einfärben etwa muss jedes Motiv Strich für Strich von einer Zeichnerin per Grafiktablett übertragen werden. Ihre Hand darf dabei nicht zittern. Für ein Carré-Design braucht sie 400 bis 600, für aufwendigere Entwürfe bis zu 2000 Stunden, so viel wie für ein luxuriöses Haute-Couture-Kleid.
Die seidigen Preziosen von Hermès sind nicht nur ein Produkt, sie sind eine Philosophie.
Foto: Stephanie Füssenich für Handelsblatt MagazinAuch die Auswahl der Farbkombinationen ist ein langer Prozess. Jedes Muster wird in acht bis zehn verschiedenen Farbtönen aufgelegt. Mehrere Farbdesigner beschäftigen sich mit der perfekten Komposition, die vier bis fünf Monate in Anspruch nehmen kann. Und ganz am Ende rollieren Näherinnen nach all der überbordenden Kreativität und maschinellen Präzision – wieder von Hand – die Ränder jedes einzelnen Carrés und vernähen sie. 45 Minuten pro Tuch.
Wenn Freunde den alten Henri d’Origny fragen, warum er denn immer noch arbeite, immerhin wird er bald 85, dann antwortet er gern, „dass ich doch im Grunde nie gearbeitet habe und deshalb auch nicht aufhören kann“. Die Seidenspinnerraupe, mit der zum gleichen Zeitpunkt im fernen Brasilien schon wieder alles von vorne beginnt, könnte es wohl nicht besser erklären.
Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°2/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 16. März 2018 am Kiosk erwerben.