Alte Kunst: Die Bilder sollen Geschichten erzählen
New York. In ihrem soeben veröffentlichten Report „Old Masters Auction Market 2023” beschreibt die Londoner Firma ArtTactic das schwächelnde Segment trotz eines „angespannten Kunstmarktes” als robust. Gemälde Alter Meister hätten 2023 zwar einen Umsatzrückgang von 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen, aber die Zuschlagsraten in New York und London von durchschnittlich 70,8 Prozent belegten einen regen Handel.
Der Report streicht aber auch heraus, dass sich die Auktionsergebnisse seit dem Jahr 2020 unter den Mindesterwartungen eingependelt hätten. Da machte die jüngste Runde der New Yorker Altmeisterauktionen keine Ausnahme. Zu hohe Taxen und ein wenig attraktives Angebot habe Christie’s und Sotheby’s Offerten gnadenlos ausgesiebt, war die Händlermeinung. Highlights fehlten.
Ein von Sotheby’s im November angekündigtes Porträt der jungen spanischen Königin Isabel de Borbón (1602-1644) von Diego Velázquez, das am 1. Februar um 35 Millionen Dollar einspielen sollte, war von den amerikanischen Besitzern bereits im Dezember zurückgezogen worden.
Eines der nur zwei Lose, die es in Christie’s Versteigerung „Old Masters” am 31. Januar über die Millionen-Dollar-Hürde schafften, war Lo Scheggias Darstellung der Legende des römischen Kriegshelden Coriolanus in toskanischer Landschaft. Das querformatige Bild zierte im 15. Jahrhundert eine Hochzeitstruhe, eine Cassone. Zu hohen 993.250 Pfund in London von der bekannten „Alana”-Sammlung im Jahr 2010 eingekauft, realisierte die Holztafel nun – dank Garantie einer dritten Partei – immerhin 1,6 Millionen Dollar brutto. Das entspricht der mittleren Schätzung.
Wurde Christie’s Gemälde-Offerte nur zu 58 Prozent für 13,8 Millionen Dollar akzeptiert, verkaufte Sotheby’s am folgenden Morgen in der Leitauktion „Master Paintings &Sculpture” auch nur 61 Prozent zu immerhin 21 Millionen Dollar.
An die Spitze setzte sich ein Gemälde von dem zu Lebzeiten beliebtesten deutschen Orientmaler Gustav Bauernfeind aus dem späten 19. Jahrhundert. Um seine akribische Schilderung der Jerusalemer Klagemauer, die verschiedene jüdische Gruppen im Gebet vereint, warben drei entschiedene Telefonbieter ab dem Aufruf bei 1,6 Millionen Dollar. Das Bild sprang über die untere Erwartung von 2 Millionen Dollar auf 2,8 Millionen Dollar. Das macht 3,45 Millionen Dollar brutto.
Sotheby’s belegte aber auch, dass sich eine gute Spürnase auszahlt: Anthonis van Dycks spätes Selbstporträt mit erhobener linker Hand (ca. 1637-39) hatte zuletzt 2006 in einem der damals bei Christie’s üblichen New Yorker „House Sales” mit preiswerten Objekten die Hände gewechselt. Das verunstaltete Bild galt als Kopie, war mit maximal 1500 Dollar bewertet und brachte immerhin 3120 Dollar ein.
Nach einer aufwendigen Restaurierung wurde es nun als eigenhändiges Werk van Dycks aufgerufen, das sehr wahrscheinlich einst zur legendären Sammlung von King Charles I. gehörte. Grund genug für den einzigen Bieter, wahrscheinlich der Garantiegeber, bei Sotheby’s 2,4 Millionen Dollar zu bewilligen. Die Schätzung für das Selbstbildnis hatte zwischen 2 und 3 Millionen Dollar gelegen.
Erfolgreich waren beide Häuser jedoch im Nischenmarkt der Altmeisterzeichnungen. Über Sotheby’s bot der auf französische Kunst des 18. Jahrhunderts spezialisierte New Yorker Kunsthistoriker Joseph Baillio, eine Reihe von Gemälden und Pastellzeichnungen feil. Er war jahrzehntelang bei Wildenstein & Co. als Händler tätig.
Elizabeth Vigée Le Bruns zauberhaftes Selbstporträt im schlichten Reisekostüm von 1789 bestätigte beim Vielfachen der Erwartung zu 3,1 Millionen Dollar ihren stetig wachsenden Markt. Damit setzte Sotheby’s den bisher höchsten Preis für eine Papierarbeit einer Alten Meisterin.
Der ArtTactic-Report zitiert auch Christopher Bishop, Händler und Präsident der Messe „Master Drawings“ in New York, der eine Hinwendung zu „Geschichten und eindrucksvollen Darstellungen” beobachtet. Die Lust am Narrativen löst die bisherige Fixierung auf Namen oder Perioden ab.
Insgesamt zwölf Live-Auktionen wurden vom 30. Januar bis zum 2. Februar veranstaltet, Christie’s „Classic Week” und Sotheby’s neuerdings in „Masters” getaufte Auktionsrunde. Sie bedienten Sammler von der Antike bis in die Gegenwart.
„Rüstungen sind auch Skulpturen“
Beeindruckend war auch Christie’s Angebot mit ersten 35 Positionen aus der aufgelösten Großsammlung antiker Waffen und Rüstungen des privaten Musée d’Art Classique de Mougins am 30. Januar. Dieses Sammelgebiet wird nur selten in amerikanischen Auktionen bedient. Jetzt wurden sämtliche Lose abgesetzt und über Erwarten gute 6,6 Millionen Dollar eingespielt.
„Rüstungen sind auch Skulpturen. Wir verkaufen oft an Sammler zeitgenössischer Kunst, die sowohl die Form und als auch den Kontrast durch Materialien und Textur schätzen", erklärte der Londoner Spezialhändler Peter Finer gegenüber dem Handelsblatt.
Und der Spitzenpreis der Woche? Den lieferte Sotheby’s Auktion „The One”: Sechs Air Jordan-Basketballschuhe, in denen Michael Jordan in den 1990er-Jahren Meistertitel gewann, erzielten gut 8 Millionen Dollar brutto. Ihre Schätzung hatte bei 7 bis 10 Millionen Dollar gelegen.
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