Art-Basel-Satellitenmessen: Scheitern in der Idylle
Basel. Kühe grasen auf der Weide, Störche staksen übers Feld, Familien mit Kinderwagen spazieren über die Wege, dazwischen Kunst. Schon am Sonntag läutete der „Basel Social Club“ die „Art Basel“-Woche ein. Die Initiative mit lokalen Kulturakteuren ist in ihrer dritten Ausgabe aufs Land gezogen, ins Bruderholz an der Stadtgrenze, um dort zwei Bauernhöfe inklusive der dazugehörigen Ländereien zu bespielen.
Idyllischer geht es kaum, und der Kontrast könnte nicht größer sein zur Veranstaltung im letzten Jahr in einer ehemaligen Mayonnaisefabrik, als zumindest zur Eröffnung neben fast jedem Exponat ein Galeriemitarbeiter Auskunft geben konnte. Jetzt irren Sammler zwischen den Feldern umher und sind froh, wenn sie Julia Schers Eulen – die die Galerie Drei aus Köln hier platziert hat – eindeutig als Kunst erkennen.
Hipster aus dem professionellen Fußvolk des Art-Basel-Trosses (erkennbar an einschlägigen „Tote Bags“) stehen ehrfürchtig vor Objekten, bei denen durchaus die Frage aufkommt, ob das wegkann. Denn hier draußen in der Natur wird einiges von dem, was die teilnehmenden Galerien sonst auf der Hauptmesse, der „Liste“ oder der „June“ aufs Podest heben, einem harten Realitätscheck unterzogen.
Wenig hilfreich ist dabei die völlige Abwesenheit von Wegweisern oder Erklärungen. Ein deutschsprachiger Sammler fühlt sich „maximal verarscht“. Ihm geht es dabei noch besser als den Chinesen, die versuchen, den Erklärungstafeln des Naturpfads mit der Übersetzungsfunktion ihres Handys Informationen zur Kunst zu entlocken. Mit dieser Ausgabe muss sich die zuletzt strauchelnde Liste jedenfalls keine Sorgen machen, dass der Basel Social Club ihr den Rang ablaufen könnte.
Denn die Initiative war spätestens im letzten Jahr das „cool kid in town“, während der ehemals hippen Liste etwas die Luft ausgegangen war. Der zunächst coronabedingte Umzug aus dem angestammten rumpeligen Industriegebäude in die cleane Halle auf dem Messegelände hatte der Veranstaltung nicht gutgetan.
Hinzu kam der plötzliche Abgang der Direktorin Joanna Kamm, die der Messegründer Peter Bläuer interimistisch ersetzen musste. Jetzt ist mit Nikola Dietrich eine neue Leiterin gefunden, die sowohl Netzwerk und Erfahrung als auch Stallgeruch mitbringt. Vor ihrer letzten Tätigkeit als Direktorin des Kunstvereins in Köln war sie Kuratorin am Museum in Basel und am Frankfurter Portikus. Ihre Handschrift kann sie in der aktuellen Ausgabe natürlich noch nicht hinterlassen, und das ist vielleicht ihr Glück.
„Es ist Krise“, antwortet ein deutscher Aussteller am Eröffnungsnachmittag auf die Frage nach der Stimmung. Seine Kölner Kollegen von der Galerie Drei haben es besser getroffen. Sie teilen sich einen Stand mit Bel-Ami aus Los Angeles, und beide haben schon jeweils mehrere Arbeiten von Cédric Eisenring und Amedeo Polazzo verkauft, allerdings jeweils an ihre deutschsprachigen und US-amerikanischen Sammler.
Beim Rundgang fällt die hohe Zahl an Kleinformaten auf, ein Besucher sprach von einer „Koffermesse“, ein spöttischer Ausdruck für eine Messe, zu der Aussteller mit Ware reisen, für die kein aufwendiger Kunsttransport benötigt wird. Das ist das genaue Gegenteil zur „Art Unlimited“ in der benachbarten Halle, die man von den Rolltreppen zur Liste zwar erahnen, aber nicht betreten kann. Diesen absurden Widerspruch aufzulösen und die vollkommen uncharmante Präsentation in dem sterilen Zweckbau einladender zu gestalten, dürften die vordringlichsten Aufgaben Nikola Dietrichs sein.
Die „Design Miami“, an der die Art-Basel-Mutter MCH noch immer einen Anteil im unteren einstelligen Prozentbereich hält, bemüht sich um eine neue Inhaltlichkeit. Lange als „Lampenladen“ verspottet, legt die nach Corona wohl zunächst dauerhaft verkleinerte Veranstaltung ihren Fokus wieder mehr auf zeitgenössisches Design und die Einbettung in den Kunstkontext. Die früher übliche Großinstallation im Erdgeschoss wurde aufgegeben und der Parcours aus dem weitläufigen Obergeschoss hierhin verlegt.
Unter den nur 18 regulären Ständen finden sich mit Friedman Benda (New York) und Eva Presenhuber (Zürich/Wien) zwei Galerien für zeitgenössische Kunst, die hier Positionen an der Schnittstelle zum Design zeigen. Wenn die Sammler mitspielen, könnte das für die Zukunft ein gangbarer Weg sein.
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