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Der Kunstraub von Gotha Wurden die Altmeister für Westgeld verschachert?

Die fünf wieder aufgetauchten Gemälde, die in Gotha gestohlen wurden, werden auf ihre Echtheit untersucht. Ein Rätsel ist noch, wer sie stahl und in wessen Auftrag.
14.12.2019 - 10:53 Uhr Kommentieren
Das ist der Schauplatz des spektakulärsten Kunstdiebstahls der DDR. Quelle: imago/F. Berger
Schloss Friedenstein in Gotha

Das ist der Schauplatz des spektakulärsten Kunstdiebstahls der DDR.

(Foto: imago/F. Berger)

Düsseldorf Ein Kunstkrimi jagt derzeit den anderen. Noch steht die Kunstwelt unter dem Schock des Juwelenraubs aus dem Grünen Gewölbe in Dresden. Nur kurze Zeit später gibt es einen Durchbruch bei einem anderen spektakulären Kunstraub. Die berühmten fünf, in einer Dezembernacht des Jahres 1979 aus dem Gothaer Schloss Friedenstein gestohlenen und seither verschollenen Altmeistergemälde sind wiederaufgetaucht.

Der Diebstahl sorgte damals in der DDR für viel Aufsehen. Jetzt lagern die Kunstwerke seit einigen Wochen im Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Bilder sollen dort auf ihre Echtheit, den restauratorischen Zustand und ihre Zuschreibungen überprüft werden.

Schätzungen sind vorerst noch sehr schwierig, aber die Gemälde könnten heute einige Millionen Euro wert sein. Der Fall zeigt: Die Rückführung und Aufklärung von Kunstdiebstählen dauert lange. Auch bedingt das eine nicht unbedingt das andere. Wer die Täter waren, danach wird weiter geforscht. Eine Theorie: Die DDR selbst hätte die Bilder gegen Westgeld verschachert.

Die Befunde sind alarmierend

Kunstanwalt und Restitutionsexperte Ulf Bischof beobachtet zurzeit das Erwachen eines neuen Bewusstseins, wie sich die DDR mit diskretem und weniger diskretem Kunsthandel dringend benötigte Devisen beschaffte. „Im Grunde fängt die systematische Aufarbeitung gerade erst richtig an.“ Es gibt jetzt ein erstes Pilotprojekt, das sich punktuell mit ausgewählten Museen und deren Depots beschäftigt. Und die Befunde seien laut Bischof alarmierend, er geht von Hunderten von Objekten aus. Die würden oft in kleinen Museen hängen und hätten „ein Fragezeichen hinter ihrer Provenienz“.

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    Viele Stücke seien aber nicht nur in die Museen, sondern in den internationalen Kunsthandel eingeschleust worden und daher verstreut, so Bischof. „Bislang hat man sich auf die NS-Raubkunst fokussiert, und diese Fragen sind noch nicht systematisch verfolgt worden, weil man sich eben auf die Zeit bis 1945 beschränkt hat. Aber das Unrecht hat 1945 nicht aufgehört.“

    Das „Selbstbildnis mit Sonnenblume“ ist eine Kopie, vielleicht aus der Hand von Sir Peter Lely. Quelle: Schloss Friedenstein; dpa
    Nach Anthonis van Dyck

    Das „Selbstbildnis mit Sonnenblume“ ist eine Kopie, vielleicht aus der Hand von Sir Peter Lely.

    (Foto: Schloss Friedenstein; dpa)

    Wie die fünf Gemälde aus Gotha zurück in die Öffentlichkeit gelangten, ist eine filmreife Geschichte mit vielen ungeklärten Fragen. Im Juli 2018 traten über einen Anwalt anonyme Personen an den Oberbürgermeister von Gotha, Knut Kreuch heran. Sie gaben sich als Besitzer der vermissten Gemälde aus und signalisierten die Bereitschaft zur Rückgabe – gegen Zahlung einer Millionensumme. Nach monatelangen Verhandlungen und der Einschaltung der Ernst von Siemens Kunststiftung, die sich auch für die Rückführung von entwendeten Kunstwerken engagiert, gelang es, die Bilder an das Berliner Forschungslabor zu übergeben.

    Damit sind die Gemälde gesichert, wie Bischof im Gespräch mit dem Handelsblatt erläutert: „Dass die Bilder zusammengeblieben sind, ist ein Indiz dafür, dass die Quelle nah an den Ereignissen von 1979 liegt.“

    Ein alter Verdacht

    Reinhard Singer arbeitet seit 1996 als Experte für Alte Meister und als Auktionator beim Kölner Auktionshaus Van Ham. Er stammt aus der ehemaligen DDR. An den Kunstraub von Gotha vor 40 Jahren erinnert er sich noch sehr gut. „Er war noch ein Jahr später in aller Munde. In der Branche herrschte furchtbar große Aufregung“, erzählt der Kunsthistoriker auf Nachfragen des Handelsblatts. „Das war ein riesiges Tohuwabohu.“ Damals wäre man sich unter den Kollegen sehr schnell einig gewesen. „Das war Schalck-Golodkowski. Der hat das für Westgeld verkloppt.“

    Kunstanwalt Bischof dagegen ist eher skeptisch, was diesen alten Verdacht angeht: „Ich habe gewisse Zweifel daran, dass der Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) hinter diesem Raub steckt. Die KoKo war sehr mächtig. Die mussten keinen Seiteneingang benutzen, um an die Objekte zu gelangen. Die konnten durch die Vordertür reinspazieren und, wenn sie wollten, auf die ‚Ware‘ zugreifen.“

    Grundsätzlich aber, so Bischof, wäre es allgemein bekannt, dass Schalck-Golodkowski und seine KoKo auf Museen immer wieder Druck ausgeübt hätten, „Depotware abzugeben“. Aber das sei dann über „offizielle Kanäle gelaufen“. Und auf diesem Wege seien dann tatsächlich Kunstwerke verschwunden. Auf der anderen Seite gibt Bischof zu: „Aber bei diesen Herrschaften überrascht mich auch nichts. Es könnte auch sein, dass offizielle Stellen ihre Finger im Spiel hatten.“

    Die um 1509 gemalte „Hl. Katharina“ ist das wohl wertvollste der fünf gestohlenen Altmeister. Quelle: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha/dpa
    Hans Holbein d. Ä.

    Die um 1509 gemalte „Hl. Katharina“ ist das wohl wertvollste der fünf gestohlenen Altmeister.

    (Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha/dpa)

    Auf die Frage nach dem Wert der fünf Gemälde gibt es keine einfachen Antworten. Ob der 1980 mit 4,5 Millionen Mark (West) deklarierte Wert für die fünf Altmeister realistisch war, bezweifelt Van-Ham-Experte Singer. Die Kuratoren hätten gar nicht den erforderlichen Marktüberblick gehabt. „Und die konnten nicht einfach im Westen die Kollegen anrufen.“ Der Fall Gotha wäre offiziell nicht debattiert worden. „So was durfte es in der DDR nicht geben.“

    Für Singer stellen sich zunächst nur Fragen. „Handelt es sich bei den Bildern tatsächlich um jene Werke, als die sie deklariert werden?“, gibt er zu bedenken; und ob das die heutige Forschung genauso sehen würde. Wie oft wurden allein in den letzten Jahrzehnten Zuschreibungen revidiert, und es stellte sich heraus, dass ein ganz anderer Künstler das Werk schuf; oder der Sohn wie etwa bei Jan Brueghel d. Ä.

    Für den Kölner Experten ist darüber hinaus die Frage zentral, in welchem Zustand sich die Alten Meister von Gotha befinden und wie viel originale Farbsubstanz sie in ihrem langen Leben noch bewahren konnten. Alle fünf Bilder sollen dem Vernehmen nach in derselben Art und Weise restauriert worden sein. Das lässt, dem Kölner Auktionator zufolge, natürlich auch den Schluss zu, dass die Gemälde irgendwann in den letzten 40 Jahren ganz gezielt zum Restaurator gebracht wurden. Mit anderen Worten: „Es würde eine ganze Reihe von Mitwissern geben“, mutmaßt Singer. Es könne indes keinen ernst zu nehmenden Restaurator in Mitteleuropa geben, der nicht gewusst hätte, was er vor sich hat.

    Die Bewertung der Bilder ist besonders schwierig

    Das Rathgen-Institut wird, Singer zufolge, auch unter die zuletzt restaurierte Oberfläche gucken müssen. „In welchem Zustand befanden sich die Bilder vor 1979?“ Auch das fließe in eine Bewertung ein, sagt der Experte. Mit belastbaren Zahlen will ansonsten niemand dienen, schon gar nicht, bevor die kunsttechnischen Untersuchungen des Berliner Forschungslabors abgeschlossen sind.

    Marktpreise, etwa für authentische Arbeiten von Hans Holbein dem Älteren, sind zudem heute kaum mehr kalkulierbar. „Wenn hochkarätige Altmeister auf den Markt kommen, können verrückte Preise entstehen“, erläutert Singer. Auch damit würden die gewaltigen Preisspreizungen zusammenhängen. Wenn einmal ein sehr gutes Bild von Holbein auf den Markt komme, würden zwischen 500.000 und 40 Millionen Euro bezahlt.

    Die „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen“ war seit dem späten 18. Jahrhundert Teil der Kunstsammlung von Gotha. (Ausschnitt) Quelle: Schloss Friedenstein; dpa
    Jan Breughel d. Ä.

    Die „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen“ war seit dem späten 18. Jahrhundert Teil der Kunstsammlung von Gotha. (Ausschnitt)

    (Foto: Schloss Friedenstein; dpa)

    Das zweite wertvolle Bild des Falls, die „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen“ von Jan Breughel d. Ä., würde Singer auf 500.000 bis 800.000 Euro schätzen. Das wäre ungefähr das Niveau, auf das eine „Weite Landschaft mit Pferdekarren, Reitern und Wanderern“ im Herbst 2010 bei Lempertz kam. Nur aufregendere Motive kommen auf niedrige einstellige Millionenwerte, auch auf dem internationalen Auktionsmarkt.

    Der Wert der übrigen drei Gemälde dürfte schließlich im niedrigen sechsstelligen Bereich liegen: Jan Lievens Kopie nach Rembrandts „Alter Mann“, das „Selbstbildnis mit Sonnenblume“ nach Anthonis van Dyck und das „Brustbild eines unbekannten Mannes mit Hut und Handschuhen“ aus dem Atelier von Frans Hals. Werkstattbilder mit bekannten Persönlichkeiten würden allerdings Millionenpreise erzielen.

    Moderate Aufwandsentschädigung

    Die Frage nach dem Wert ist eigentlich nur deshalb interessant, weil der Unterhändler Forderungen stellte. Dem Vernehmen nach sollen irgendwann 5,25 Millionen Euro im Raum gestanden haben. Eine Summe, die weder Gothas OB noch Friederike von Brühl, Anwältin der Stiftung Schloss Friedenstein, und Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung, bestätigen wollen.

    Die Siemens Kunststiftung spricht offiziell nur von einer „moderaten Aufwandsentschädigung im Vergleichswege bzw. einem ‚Finderlohn‘“, der gezahlt wird, wenn es sich um Originale handeln sollte. Der liegt „bei derartigen Transaktionen bei zehn bis 15 Prozent des Werts“, erläutert Hoernes. Es komme aber immer darauf an, wie die „Finder“ auf eine Einrichtung zugehen würden.

    Kreuch hatte die Kunststiftung ins Boot geholt, als sich abzeichnete, dass die Stadt Gotha allein den Betrag nicht würde bezahlen können. Bereits im September 2018 sagte diese der thüringischen Stadt Unterstützung zu, nachdem sie schon mehrmals bei der Rückführung verloren gegangener Kunstwerke geholfen hatte. Sie sorgte auch für die juristische Begleitung durch die Anwältin von Brühl.

    Detail des Gemäldes
    Werkstatt Frans Hals

    Detail des Gemäldes "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen".

    (Foto: dpa)

    Offen ist nach wie vor, wer damals in Schloss Friedenstein einbrach und die Bilder stahl und in wessen Auftrag dies geschah. Zu DDR-Zeiten wurde die strafrechtliche Ermittlung nach fünf Jahren eingestellt. Der Straftatbestand des Diebstahls ist indes verjährt. Zu den Hausdurchsuchungen vergangener Woche gibt es noch keine Informationen vonseiten der Berliner Staatsanwaltschaft.

    Laut Aussagen des Sprechers soll jedoch gegen zwei Personen ermittelt werden, in erster Linie wegen versuchter Erpressung, aber auch wegen Hehlerei. Wer von ihnen aber war die treibende Kraft? Wie der Medienanwalt eines der Beschuldigten auf Nachfrage mitteilte, müssen die Ermittlungsbehörden in diesem Stadium nach allen Seiten ermitteln und sämtliche theoretischen Handlungsszenarien unterstellen. Man sei überzeugt, dass sich eine Vielzahl von Ermittlungsansätzen als falsch herausstellen würde.

    Der Held dieser Geschichte ist Oberbürgermeister Kreuch, der die Nerven behielt und anderthalb Jahre lang einsame Verhandlungen führte. Nur zwei enge Vertraute waren eingeweiht, um das Ergebnis nicht zu gefährden. Seinem Mut ist es zu verdanken, dass es Ende September zur Übergabe aller fünf Bilder kam – nachdem er einen Deal unterschrieben hatte. Nun spielt auch keine Rolle mehr, dass nach deutschem Recht die Ansprüche des Eigentümers auf eine Herausgabe nach 30 Jahren erlöschen.

    Mehr: Zu bekannt, um sie zu verkaufen. Lesen Sie hier die wechselvolle Geschichte der gestohlenen Juwelen aus dem Grünen Gewölbe in Dresden.

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