Digitaler Konsum: Medienkunstfestival „Transmediale“: Im Strom seichter Geschichten
Berlin. Das Berliner Medienkunstfestival Transmediale trägt dieses Jahr den ironischen Titel „This is perfect, perfect, perfect“. Es fragt nach unserer Haltung zu den Konsumwelten am Bildschirm: „Konsumieren wir Content oder konsumiert der Content uns?“
Doch die Transmediale leidet 2024 an ungeahnter Auszehrung. Nachdem der Berliner Kultursenator Joe Chialo kurzfristig eine umstrittene Antidiskriminierungs-Klausel eingeführt hatte, zogen zehn Künstler ihre Teilnahme von der Transmediale zurück. Die Klausel besagte, dass wer eine Förderung beantragt, ein Bekenntnis gegen Antisemitismus ablegen muss. Der Rückzieher des Politikers kam dann zu spät. Was jetzt in den zwei Ausstellungen der aktuellen Ausgabe zu sehen ist, ist nur ein Torso mit insgesamt 14 Künstlern.
Im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien wird gleichwohl die Stoßrichtung der Schau evident. Es geht vorrangig um die Macht der Bildschirme, die unsere Gegenwart bis in die intimsten Bereiche prägt. Wie sehr die digitale Präsenz unsere Weltwahrnehmung prägt, ist das Thema der hier vertretenen Kunst. Sie will, den Worten der Ausstellungsmacher zufolge, aufzeigen, „wie in einem endlosen Ablenkungsstrom Geschichten geschaffen werden und Kommerz zur Lebensform wird”.
Einige der hier vertretenen Werke sind schlagkräftig genug. Mit Satire bekräftigt die Koreanerin Sungsil Ryu ihre Kapitalismus-Kritik. Hier setzt sie in einem mit knallbunter Malerei tapezierten Raum das digitale Fundraising einer fiktiven koreanischen Fluggesellschaft ein, um ihr korruptes Unternehmen vor dem Bankrott zu retten. Die Mechanismen der Online-Verbreitung und der zu kommerziellen Zwecken genutzten Meme-Bildkultur werden auf sarkastische, optisch überbordende Weise visualisiert.
Eindrucksvoll präzise rekonstruiert die französische Künstlerin und Filmemacherin Alice Brygo den Zeitgeist anhand von Emotionen. Sie nimmt Personen aus der fassungslos starrenden Menge in den Fokus, die auf die brennende Kirche Notre Dame blicken. Die einzelne Figuren und Gruppen heraushebende Technik der Fotogrammmetrie und eine bedrohlich wirkende Klanginszenierung geben dem Video seine suggestive Wirkung.
Nicht weniger herausragend ist eine Bücherwand aus Pappe, in der das Künstlerinnen-Duo Maria Guta & Lauren Huret eine erotisierte zweite Existenz im Internet inszenieren. Auf Monitoren werden Frauenfiguren von der Jungfrau bis zur gefährlichen Femme fatale als Prototypen eines vom verzerrten Frauenbild lebenden Konsums dargestellt.
In eine andere, weitaus bedrohlichere Welt führt der in Rosa gehaltene Jungmädchenraum der Palästinenserin Noura Tafeche. Darin erscheinen die kuscheligen Utensilien als verniedlichende Elemente einer aufgehübschten Kriegskultur, die sich transmedial verbreitet. Ein Sinnbild ist die Puppe mit Kalaschnikow. Von einer ferngesteuerten Desktop-Station können Besucher im Entertainment den digitalen Militarismus erkennen.
Auf den ersten Blick „stylisch” erscheint ein Auftritt des Pariser Performers und Videokünstlers Ndayé Kouagou, der in dem monumentalen Video „The Guru” sich selbst in Lebensgröße vor schwarzer Wand schreitend darstellt. Er wirft als modisch gekleideter Guru mit weiblich verfremdeter Stimme existentielle Fragen und Sprüche in den Raum: „Geht es um dich oder um uns?”, „Das Leben ist chaotisch”, „Vergiss Liebe”, „Das Zeitalter der Grandeur ist vorbei”.
Es geht bei Ndayé Kouagouum die in rascher Folge immer aufgesetzter wirkende Macht des Wortes, das sich der Banalität der Influencer annähert. Zugleich wird fraglich, ob die Besucher diese Sentenzen so ernst nehmen, sie auch zu hinterfragen.
Andere Exponate leiden an Überfrachtung oder bleiben in ihrer Reduktion eher vage. Das sind einerseits Rauminstallation und Tanzvideo des Multimedia-Künstlers Jenkin van Tyl, der mit subkulturellen Welten spielt; andererseits sei der mit einer „Ohnmacht-Couch” bestückte Raum von Laura Lulika genannt. Hier wird der problematische Zustand des Gesundheitswesens zur Diskussion gestellt.
Im Rundsaal des Weddinger Kulturzentrums Silent Green, der zweiten Ausstellungs-Station, zeigt ein raumgreifendes Rundvideo abwechselnd Ozeanfluten und eine exotische Landschaft. Besucher können auf Wasserbetten ruhen und den Worten indigener Sprecher lauschen, die immer wieder die Kraft der Stille und des Lauschens beschwören. Das 85-minütige Werk mündet in die Aussage, dass man die Menschen erziehen muss, dass man sie zur Spiritualität ihrer Vorfahren zurückführen muss. Das lässt sich allerdings nur in Gesellschaften erreichen, die noch frei von digitalen Versuchungen und Auswüchsen ist.
„this is perfect, perfect, perfect”, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin, bis 14. April 2024, So bis Mi, jeweils 10 bis 20 Uhr, Dos bis Sa 10 bis 22 Uhr; Eintritt frei
„„Uncensored Lilac“ und die Installation „Oceanic Refractions“, Kuppelhalle, silent green Kulturquartier, Gerichtstraße 35, 13347 Berlin, bis 14. April 2024