Rezension: Eva Menasse versucht, die „Digitalmoderne“ zu erklären
„Das Internet ist zu groß, um darüber zu schreiben“, lautet der erste Satz von Menasses literarischem Essay. Auf 190 Seiten versucht sie erfolglos, die eigene Anfangshypothese selbst zu widerlegen.
Foto: dpaKriege werden mit Waffen, immer stärker jedoch auch mit Bildern geführt. Was in den Golfkriegen noch Fernsehsender wie CNN waren, sind heute – wie im Hamas-Krieg – die großen Internetdienste à la WhatsApp, Facebook, Tiktok, Telegram oder X. Sie stacheln mit manipulierten Videos Hass und Gegenhass an.
Ein ergründendes, gründliches Buch zu Social Media wäre da ein Gewinn. Das neue Werk der so begabten Schriftstellerin Eva Menasse („Dunkelblum“) erfüllt diese Hoffnung jedoch nicht. „Das Internet ist zu groß, um darüber zu schreiben“, lautet der erste Satz ihres literarischen Essays. Auf 190 Seiten versucht sie erfolglos, die eigene Anfangshypothese selbst zu widerlegen. Neben all den schönen Formulierungen, blitzgescheiten Beobachtungen, Einzelwahrheiten, neben dem Furor gegen Mobbing, Stalking, digitalen Pranger und Hassreden fehlen jedoch: eine konsistente Analyse der Strukturen, die Ableitung begründeter Thesen, eine Art Maßnahmenkatalog. Vieles hat man, zumindest ähnlich, schon gelesen und immer wieder gehört. Man mäandert um das Unfassbare herum.
Sicher, das Internet brach über die Menschen als „Weltkommunikation“ herein wie nichts zuvor. Aber ist deshalb die globale Digitalisierung auch gleich die „einzige und wahre Zeitenwende“? Klar, digitale Kommunikation erzeuge „fatale Illusionen von Gleichzeitigkeit und Nähe“, der digitale Diskurs ist enthemmt und brutalisiert, und wer in der Ich-Kultur gehört werden will (Journalisten, Politiker, Philosophen), braucht die große Selbstermächtigung.
Ja, alles richtig, aber wer treibt diese Entwicklung genau wie voran? Irgendjemand wird das Gerede-Gebräu ja programmieren. Und wie entziehen wir uns dem Ganzen? Die Antwort kann nur politisch sein, aber das interessiert die Autorin bei aller beiläufigen Kritik an „Kapitalismusriesen“ nicht besonders.
Richtig interessant wird das Buch von Eva Menasse erst zum Schluss. Da geht es um ihre jüdische Familie, die Identität sowie um Antisemitismus und den Nahen Osten. Diese Debatten prangert sie - pars pro toto – für die fehlgeleitete digitale Debattenkultur an. Die Barbarei des 7. Oktober und die Folgen lassen Menasses Äußerungen jedoch in neuem Licht erscheinen.
„Am Ende ist nämlich meistens der Deutsche der Mörder“
Jetzt wirkt es seltsam, dass sie sich über all die vielen Antisemitismus-Beauftragten genauso lustig macht wie über Kölner Straßenbahnen, die mit der Aufschrift „Shalömchen“ dahinrollten. Die deutsche Antisemitismus-Debatte sei banalisiert, oberflächlich, schädlich, schreibt sie. Man sei mit dem Vorwurf „Antisemit“ genauso schnell zur Hand wie mit dem Vorwurf „Rassist“ in den USA. Um nicht so genannt zu werden, würden die meisten Deutschen alles tun, „also schweigen sie zu fast jedem Unsinn“. Keine diese hochgejazzten digitalpublizistischen Debatten habe, so Menasse, einen klaren Bezug zur Lebenswirklichkeit oder Sicherheit von Juden in Deutschland.
Jetzt wirkt die These weltfremd, wonach für Leib und Leben der Juden nur die Rechtsradikalen und Neonazis gefährlich sei – auf diesem „urdeutschen Auge“ sei die aufgeregte Antisemitismusdebatte aber „völlig blind“. Denn: „Am Ende ist nämlich meistens der Deutsche der Mörder.“ Der linke, „woke“, israelbezogene Antisemitismus treffe dagegen das empfindliche Selbstverständnis der Deutschen (ihre Schuldgefühle).
Die Resolution des Bundestages zur internationalen BDS-Boykottbewegung gegen Israel bewirke so nur, „dass es die Muslime sind, die heute besonders schnell in Pauschalverdacht geraten (nicht nur für Antisemitismus, sondern auch Extremismus, Terrorismus, Rückständigkeit)“. Jüdische Mitbürger, die in Deutschland wieder in Angst leben müssen, dürften für diese rabulistische Essay-Kunst wenig Verständnis haben.
Menasse steht auf der Seite derer, die versuchen, die Anliegen der Palästinenser zu erklären, oder die „brutale, israelische Besatzungspolitik“ kritisieren. Sie könnten „umstandslos zum BDS-Unterstützer und damit zum gefährlichen Antisemiten“ gemacht werden: „Dieses – digital ins Unendliche vervielfältigbare – Labeling kriegt man kaum wieder los.“ Was dieser Konflikt im Nahen Osten jedoch am allerwenigsten sei, doziert sie noch: „einer, in dem es um Antisemitismus geht – sondern um Herrschaft und Boden“.
Die Realität widerlegt sie. Es geht auch um Antisemitismus. Und so wird sie selbst zum Beleg für ihre These, wonach der unendliche Überfluss an Kommunikation zur „Brachialvereinfachung an der Oberfläche“ führe, um der allgemeinen Überforderung Herr zu werden. Das Netz radikalisiert die Mitte, auch die linksliberale. Mal wieder ein Buch zu lesen oder einen Brief zu schreiben (auch dazu rät Menasse) wird da nicht reichen. Man muss nur auf X schauen.