Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Halbjahresbilanz 2020 Der Kunstmarkt ist im Umbruch

Die Coronakrise verändert die Gewichte auf dem Kunstmarkt. Die Branche ist im Umbruch. Auktionshäuser, Galerien und Messen müssen sich neu aufstellen.
06.08.2020 - 17:24 Uhr Kommentieren
Der Münchener Auktionator versteigert Gerhard Richters Bild für 2,6 Millionen Euro nach Hongkong. Quelle: Ketterer
Robert Ketterer

Der Münchener Auktionator versteigert Gerhard Richters Bild für 2,6 Millionen Euro nach Hongkong.

(Foto: Ketterer)

Berlin Was für ein turbulentes Halbjahr hat der Kunstmarkt hinter sich! Mit einem derartig einschneidenden Ereignis wie der Covid-19-Pandemie scheinen alle Vorhersagen für das Jahr 2020 über den Haufen geworfen. Oder doch nicht? Bei genauerem Blick auf einzelne Phänomene und Trends zeigt sich, dass die Krise eher Entwicklungen beschleunigt, die sich ohnehin bereits angedeutet haben, sie aber nicht verursacht. Die Analyse der drei Säulen des Kunstmarkts – Versteigerer, Galerien und Messen – birgt überraschende Erkenntnisse.

Donald B. Marron, der ehemalige CEO der US-Bank Paine Webber, starb im Dezember 2019. Der Private-Equity-Investor hinterließ eine Kunstsammlung, die auf 450 Millionen Dollar geschätzt wird. Unter den 300 Kunstwerken sind Arbeiten von Blue-Chip-Künstlern wie Pablo Picasso, Mark Rothko oder Cy Twombly.

Die Verlierer Im Wettbewerb um den Verkauf der Marron-Sammlung verloren die Auktionshäuser Christie‘s, Sotheby‘s und Phillips Anfang des Jahres gegen die Großgalerien Pace, Gagosian und Acquavella. Ihre jeweiligen Anteile wollten die Galeristen in koordinierten Ausstellungen ab April zeigen. Zwar mussten sie beim Vertrieb umdisponieren. Doch das Zeichen ist eindeutig: Die Galerien machen den Auktionsgiganten auf deren eigenem Terrain Konkurrenz. Damit deutet sich ein ähnlicher Paradigmenwechsel an wie Ende der 1990er-Jahre, als zuerst Christie‘s begann, zeitgenössische Kunst in eigenen Auktionen anzubieten.

Bis dahin hatten die Galerien die Oberhoheit über dieses Marktsegment und die Preisbildung gehabt. Seither läuft der Galerie- dem Auktionsmarkt nach. Preise für zeitgenössische Kunst werden im Auktionssaal gebildet – die Galerien können nur mitziehen. Das hat so lange funktioniert, wie der Markt für zeitgenössische Kunst insgesamt und das Preisniveau für einzelne Künstler auch in der Breite wuchsen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    In unsicheren Zeiten ist hingegen Bewährtes gefragt. Hier ist hochwertige Ware allerdings knapper, weil der Nachschub fehlt. Zudem hat sich Kunst aus dem oberen Preissegment sowohl als Renditeobjekt wie als Speicher von Geld etabliert und ist zum Finanzinstrument geworden. Art Lending, die Kreditvergabe gegen Kunst als Sicherheit, boomt in der Krise. Das sind gute Gründe für die Galerien, die im Millionenbereich mitspielen, den Auktionshäusern ihren Markt abspenstig zu machen. Parallel haben sich die Private Sales der Versteigerer als diskrete Alternative zur öffentlichen Versteigerung etabliert.

    Mit Barbara Gladstone (M.) und Rosalie Benitez auf einer Benefizveranstaltung.
    Galerist Gavin Brown

    Mit Barbara Gladstone (M.) und Rosalie Benitez auf einer Benefizveranstaltung.

    Ausgerechnet in dieser Umbruchsituation hat die Coronakrise Christie‘s, Sotheby‘s und Phillips auf dem falschen Fuß erwischt. Schon im traditionell schwachen ersten Quartal brachen ihre Umsätze ein. Statt 1,4 Milliarden Dollar erlösten sie laut dem Londoner Datenanalysten Pi-Ex zusammen lediglich 800 Millionen Dollar. In Windeseile disponierten die Unternehmen für ihre Frühjahrstermine um und verlagerten ihre Auktionen ins Internet.

    In Sälen rund um den Globus bemühten sich die Auktionatoren darum, in Videoschalten im Netz zumindest ein wenig Live-Stimmung zu vermitteln. Die Versteigerer selbst und ein Großteil der Medien feierten die Ergebnisse überschwänglich. Diese sogenannten Hybrid Sales spielten 363 Millionen Dollar bei Sotheby‘s ein und 420 Millionen Dollar bei Christie‘s. Dazu kommen die reinen Online-Auktionen, die mächtig zulegen: Sotheby‘s meldet 285 Millionen Dollar, während Christie‘s sich etwas verschlossener zeigt und lediglich von einer Zunahme der angebotenen Lose um 56 Prozent spricht.

    Massiv eingebrochene Umsätze

    Doch bei genauer Betrachtung sind die Ergebnisse katastrophal: Der Umsatz ist massiv eingebrochen, die Kosten laufen weiter. Daher tun die beiden Auktionsgiganten auch alles, um die Zahlen möglichst nicht vergleichbar zu machen – weder zu denen des Wettbewerbers noch zu den eigenen des eher schwachen Vorjahres. Sotheby‘s meldet insgesamt 2,5 Milliarden Dollar Umsatz, ohne ihn nachvollziehbar aufzuschlüsseln, Christie‘s kommt nach eigenen Angaben auf 1,6 Milliarden, allerdings ohne die immer wichtiger werdenden Private Sales.

    Zumindest Christie‘s und Sotheby‘s hatten sich bereits vor Corona eine Neuausrichtung des Geschäftsmodells verordnet: die Konzentration auf das margenstarke Topsegment im sieben- bis neunstelligen Bereich. Alles darunter wird es bei ihnen wohl auch in Zukunft nur noch online geben. Gedruckte Kataloge und Saalauktionen dürften den prestigeträchtigen Abendauktionen vorbehalten bleiben.

    Die Gewinner Davon werden die kontinentaleuropäischen Mitbewerber nur profitieren. Schließlich ist das, was den Giganten bestenfalls als Mittelware gilt, bei ihnen heiß begehrt. Mittlerweile wird auch immer deutlicher, dass die deutschen Auktionshäuser bisher recht gut durch die Krise navigieren.

    Der Berliner Platzhirsch Grisebach konnte mit rund 16 Millionen Euro inklusive Aufgeld zumindest beim Ergebnis business as usual verbuchen. Ketterer machte vor, wie es demnächst häufiger in deutschen Auktionssälen zugehen könnte: Mit „Christiane und Kerstin“ hatten die Münchener ein frühes Werk Gerhard Richters im Angebot, für das sie bei einer Schätzung von 600.000 Euro kräftig die Werbetrommel rührten. Am Ende ging das typische, aber nicht übermäßig attraktive Bild für über 2,6 Millionen Euro brutto nach Hongkong. Die Aussichten für den europäischen Auktionshandel sind also durchaus gut.

    Galerien unter Druck

    Bei den Galerien ist die Lage vielschichtiger. Programmgalerien, die jeweils für eine bestimmte Linie stehen und als Erstverkäufer atelierfrischer Ware gar nicht oder kaum im Sekundärmarkt der Auktionshäuser und Kunsthändler tätig sind, bilden das wirtschaftliche Rückgrat der aktuellen Kunstszene. Der Lockdown hat sie unterschiedlich hart getroffen.

    Die Verlierer Die Branche befindet sich ohnehin seit Jahren in einem Strukturwandel, dessen eine Folge der sogenannte „Middle Market Squeeze“ ist. Mittelgroße Galerien, die unter Umständen an mehreren Standorten vertreten sind, an etlichen großen Messen im Jahr teilnehmen und oft eine zweistellige Zahl an Mitarbeitern beschäftigen, scheinen am schwersten getroffen.

    2020 musste der Branchentreff in Hongkong und Basel abgesagt werden. Hier eine Lampeninstallation von Jorge Pardo von 2019.
    Art Basel

    2020 musste der Branchentreff in Hongkong und Basel abgesagt werden. Hier eine Lampeninstallation von Jorge Pardo von 2019.

    Das Ende der Galerie Blain|Southern in London, New York und Berlin im Februar dürfte weitgehend auf individuelle Gründe zurückzuführen sein. Mehr Aussagekraft für den Zustand der Branche hat der im Juli bekanntgegebene Entschluss von Gavin Brown, mit seiner Galerie Gavin Brown‘s Enterprise in New York und Rom bei Barbara Gladstone mit vier Standorten unterzuschlüpfen. Für viele der kleineren und mittleren Galerien stellen Messen den größten Kostenblock dar.

    Die Gewinner Die wenigen konzernartigen Mega-Galerien haben einen enormen Kostenapparat, der jedoch skalierbar ist: In schlechten Zeiten können sie Filialen schließen und Personal in Zwangsurlaub schicken oder entlassen. Genau das ist gerade passiert. Kleine Galerien sind bei den Kosten ebenfalls flexibel. Wer schon bisher nur an der Heimatmesse und vielleicht noch an ein oder zwei internationalen Messen teilnahm, spart diese Kosten ein und pflegt seine Bestandskunden individuell.

    Coronaopfer Messen

    Messen sind auf internationales Publikum angewiesen. Bei ihnen gibt es unter Corona keine Gewinner, nur Verlierer und Hoffende.

    Die Verlierer Galerien, die sechs oder gar zehn Messen im Jahr mitmachen und dort den Löwenanteil des Umsatzes generieren, haben aktuell ebenso ein Problem wie die Messen selbst. Die letzte bedeutende Veranstaltung war die „Tefaf“ Anfang März, die wegen reihenweise an Covid-19 erkrankter Aussteller vorzeitig abgebrochen wurde. Bis weit in den Herbst sind Veranstaltungen abgesagt worden, zuletzt die „Frieze“ in London.

    Die Schweizer sind ein Paradebeispiel dafür, wie Corona virulente Trends klar hervortreten lässt und beschleunigt. Die Messegesellschaft MCH Group, die Mutter der „Art Basel“, hat zu lange die Zeichen der Zeit nicht erkannt und mit der Baselworld ihren größten Umsatzbringer verloren. Ihr Eigenkapital zerrann. Das soll nach einer außerordentlichen Generalversammlung Ankerinvestor James Murdoch ändern. Seine Firma Lupa Systems darf sich mit bis zu 49 Prozent an der MCH beteiligen. Dabei wird frisches Geld nicht nur für den Erhalt der MCH gebraucht, sondern auch für die bisher eher halbherzig angegangene Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle.

    Die hastig aufgesetzten Online-Ausgaben der Kunstmessen nehmen sich nicht nur bei der Art Basel, sondern bei allen Messen recht dürftig aus im Vergleich mit den Viewing-Rooms der Mega-Galerien im Internet. Die Galerien David Zwirner und Hauser & Wirth haben ihren kleineren Kollegen zum Teil sogar schon virtuelles Obdach geboten. Denn auch die ganz Großen begreifen so langsam, dass es ohne die kleineren und jüngeren Galerien nicht geht. Denn die arbeiten an der Basis und pflegen den Nachwuchs.

    Wenn also die Coronakrise das Bewusstsein dafür schärft, wie sehr die jeweiligen Marktteilnehmer aufeinander angewiesen sind, lässt sich für die Zukunft wenigstens ein Erkenntnisgewinn verbuchen.

    Die Hoffenden Noch stehen die Termine für die „Viennacontemporary“, die „Highlights“ in München und die Berlin Art Week mit der „Positions“ und dem verlegten Gallery Weekend. Die „Art Cologne“ hat sich die schwächelnde „Cologne Fine Art and Design“ einverleibt und sich auf deren Novembertermin gesetzt. Doch selbst die Miami-Ausgabe der „Art Basel„ Anfang Dezember steht noch auf der Kippe, da sich Florida zu einem Hotspot der Pandemie entwickelt hat.

    Mehr: Weniger Wachstum: Was 2019 den Kunstmarkt bewegte

    Startseite
    Mehr zu: Halbjahresbilanz 2020 - Der Kunstmarkt ist im Umbruch
    0 Kommentare zu "Halbjahresbilanz 2020: Der Kunstmarkt ist im Umbruch"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%