Jubiläum in der Autostadt: Als Kunst zum Standortfaktor wurde
Wolfsburg. Die Stadt Wolfsburg verdankt ihren kometenhaften Aufstieg als Wirtschaftsstandort einer Zeichnung. Zumindest der Legende nach. Ferdinand Porsche skizzierte 1934 die Formen eines einfachen und damit preiswerten und für die Massenproduktion geeigneten Autos auf einer Serviette. Die Idee des Volkswagens war geboren.
Der Auftrag kam von Adolf Hitler. Er wollte ein für die breite Bevölkerung kostengünstiges Auto herstellen lassen. Im Hintergrund schwang schon mit, dass sich ein solches Werk auch für Kriegszwecke nutzen ließe. Die Fabrik zählt seitdem zu den größten zusammenhängenden Produktionsstätten weltweit.
Das Problem aber war, wohin mit den Arbeitern, die das Werk erst aufbauen und dann Autos zusammenschrauben sollten. Eine neue Stadt entstand, auf dem Reißbrett, geplant für 90.000 Einwohner. Ihr Produkt, der Volkswagen, bekam wegen seiner Form erst nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands den Spitznamen „VW Käfer“. Vorher hieß er „Kraft durch Freude Wagen“.
Nach dem Krieg bedurfte es neuer Instrumente, um Arbeiter nach Wolfsburg zu locken. Italienische Gastarbeiter begannen in einer ersten großen Migrationswelle, das Stadtbild mitzubestimmen. Mit ihnen kamen weitere Bauten und viele repräsentative Gebäude, Kirchen wurden errichtet, die hatte Hitler verboten.
Das Zauberwort war, neben der Bezahlung, die Wohn- und später die Lebensqualität. Kunst wurde zum Standortvorteil. Hans Scharoun plante ein Theater, Alvar Aalto ein Kulturhaus mit Bibliothek. 2005 kam noch ein von Zaha Hadid entworfenes Wissenschaftsmuseum dazu. In der Reihe dieser Kulturhäuser entstand vor 30 Jahren auch das Kunstmuseum Wolfsburg, mit dem sich die Stadt 2024 feiert.
Carl Hahn, von 1982 bis 1993 Vorstandsvorsitzender von VW und Anfang vergangenen Jahres im Alter von 96 Jahren gestorben, nahm sich frühzeitig des Themas Kunstmuseum an. Er erkannte, wie wichtig Kunst und dementsprechend ein Kunstmuseum für das Image und auch für die Bevölkerung Wolfsburgs wären. Immer mehr Ingenieure und Manager wurden bei Volkswagen gebraucht. Sie sollten aber nicht im nahen Braunschweig oder weiter entfernten Berlin wohnen, eine Überlegung, die indes nicht wirklich aufging.
Das Museum liegt am Ende einer Magistrale, die in der Nähe des noch immer kleinstädtischen Bahnhofs beginnt und an den Bauten einiger der Meisterarchitekten in einer ansonsten eher trostlos wirkenden Fußgängerzone vorbeiführt.
Entworfen hat das Museum das Hamburger Architekturbüro Schweger & Partner als transparente Stadtloggia, die sich zu dem davorliegenden Platz öffnet. Eine große quadratische Halle mit 40 Meter Seitenlänge dominiert die Architektur. 16 Meter hoch erlaubt sie nahezu jede Form von Ausstellung. Die gesamte Ausstellungsfläche liegt bei 3500 Quadratmetern.
Opulenter geht es kaum in einem Ort mit gut 120.000 Einwohnern. Es zählt die Außenwirkung, die nicht nur Besucher aus Norddeutschland anzieht, sondern sich europaweit entfalten soll. Genau das haben viele der bisher über 150 Einzel- und Themenausstellungen geleistet. Mal ging es um das Werk von James Turrell oder um Arbeiten von Alberto Giacometti, aber auch überraschende Themen wie Kunst & Textil oder das Werk des Südafrikaners Robin Rhode wurden präsentiert. Alles wohl ohne den Einfluss von VW.
Der Konzern kümmerte sich derweil um sein eigenes Großmuseum, die Autostadt. Der Einfluss von VW wurde erst öffentlich diskutiert, als der Museumsdirektor Ralf Beil 2018 im Streit seine Position verließ. Er hatte eine Ausstellung zum Thema Erdöl geplant. Das war dann wohl doch zu viel in der vom Auto lebenden Stadt Wolfsburg. Davor hatte sich Beil mit „Wolfsburg Unlimited“ dem weltweit Wellen schlagenden Abgasskandal gewidmet.
Wie weit es mit der Ausstellungs- und Kunstfreiheit in Wolfsburg bestellt ist, wird seitdem immer wieder diskutiert. Die „Kunststiftung Volkswagen“ ist Träger des Museums, die Münchener Holler-Stiftung ist ein wesentlicher Finanzier, sowohl des Neubaus als auch der folgenden Ausstellungen.
Eingefädelt hat den Deal mit der Holler-Stiftung Carl Hahn, der lange Jahre ein Büro im Museum hatte und private Beziehungen zu dem Ehepaar Holler pflegte. Christian Holler gehörte seit 1948 der „Volkswagen Versicherungsdienst“. So kam generös über die Stiftung wieder zurück, was die Familie Holler über VW erwirtschaftet hatte.
Doch wenn ein Museum gute Ausstellungen machen möchte, dann ist Geld das eine; meist geht es aber auch darum, welche Leihgaben im Gegenzug ausgeliehen werden könnten. Das wusste der Gründungsdirektor Gijs van Tuyl; deswegen begann er auch zu sammeln.
Zusammengekommen sind bis heute über 1000 Werke von 144 Künstlerinnen und Künstlern. Eine kluge Auswahl zeigt die Jubiläumsschau. Sie gliedert den Weg durch die zeitgenössische Kunst in 15 Kapitel. Von Minimal Art über Arte Povera, Videokunst und großformatige Fotoarbeiten bis zu umfangreichen Installationen sind nahezu alle Jahrzehnte seit den späten 1960er-Jahren vertreten.
Auch der erste Ankauf, der „Tisch der Fruchtbarkeit“ von Mario Merz, ist aus dem Depot geholt worden. Er ist umgeben von Benedikte Bjerres' kurz über dem Boden schwebenden Hühnern, die sich wie Luftballons bei jedem Luftzug bewegen.Humor und die kritische Sicht auf die Welt kommen in dieser Ausstellung überzeugend zusammen.
Andreas Gurskys „Dubai World“ spiegelt den Größenwahn von Architekten und deren Auftraggebern. Thomas Schütte kommentiert mit dem VW-Logo die Zeit des Wirtschaftswunders auf ironische Weise. Aus dem Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum sind für die Ausstellung Alte Meister ausgeliehen worden, um den einzelnen Themen mehr Tiefe zu geben. Und um zu illustrieren, dass es wohl doch nicht so viel Neues unter der Sonne gibt. Was zu diskutieren wäre. Vielleicht in einer der nächsten Ausstellungen des Museums.
„Welten in Bewegung. 30 Jahre Kunstmuseum Wolfsburg“, bis 4.8.