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Privatmuseum„Die besten Arbeiten kommen ins Museum“

In Wiesbaden eröffnet der Unternehmer Reinhard Ernst ein Museum für abstrakte Kunst. Mit Wow-Effekten und schöner Architektur möchte er das Publikum für seine Kunstsammlung begeistern.Hans-Jürgen Jakobs, Regine Müller 20.06.2024 - 13:40 Uhr
Das von Fumihiko Maki erbaute neue Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden erinnert die Einheimischen an Zuckerwürfel. Foto: Frank Marburger, Klaus Helbig

Wiesbaden. Zehn Museen hat der japanische Meisterarchitekt Fumihiko Maki in aller Welt gebaut. Seine jüngste Museumskreation erdachte er für die Traditionskurstadt Wiesbaden: ein leuchtend weißes Gebäude, das Einheimische rasch „Zuckerwürfel“ nannten. Es geht zurück auf Reinhard Ernst, 78, einen findigen Unternehmer, der hier für mehr als 80 Millionen Euro eine Heimstatt für seine Sammlung abstrakter Kunst bauen ließ.

Am Sonntag öffnet das Museum – ein Spektakel sowohl für Architektur- als auch für Kunstliebhaber und die Kommune. Maki selbst wird die Premiere nicht mehr erleben: Er verstarb am 6. Juni.

Es gibt wenige Sachen, die hier normal sind
Reinhard Ernst
Museumsgründer

Kurz vor Eröffnung des Museums Reinhard Ernst treffen wir uns mit dem Initiator und Stifter zum Rundgang. Innen wird noch emsig gewerkelt, Schuhüberzieher sind Pflicht. Der Gründer, reich geworden durch den Verkauf zweier Maschinenbaufirmen, erklärt: „Unser Museum ist ja auch wieder ein kleines Unternehmen.“ Offen bekennt er, nun gehe es zu Beginn darum, mit Spektakulärem, mit Wow-Effekten, das Publikum zu gewinnen. So ließ er aus seiner persönlichen Oldtimer-Sammlung ein schnelles Auto in ein Werk des Glaskünstlers Karl-Martin Hartmann verbauen.

Leichtfüßig steigt Ernst drei Stockwerke voran. Er kennt jeden Winkel, jedes Detail. Ein Fan mit Sinn für Qualität: „Ohne Großzügigkeit, Ästhetik und auch Perfektion kann ich nicht leben.“ Der gelernte Speditionskaufmann hat die fast vollendete Baustelle in jeder Hinsicht im Griff. Doch es mag auch seinem Perfektionsdrang geschuldet sein, dass das Museum nicht wie geplant 2022 öffnete.

Auf dem Weg zum offiziellen Eingang passieren wir das Restaurant, das direkt an der Wilhelmstraße liegt und direkten Durchblick ins Museum bietet. Eine Terrasse lädt auch jene ein, die den puristischen Kubusbau noch als abweisend erleben. „Wir polarisieren mit unserem Gebäude“, weiß Reinhard Ernst, der seit 1999 in Wiesbaden lebt: „Das heißt aber, dass die meisten Menschen gar keine schöne Architektur erkennen.“

Das Stifterehepaar Reinhard und Sonja Ernst Foto: Tanja Nitzke 2023

Im Erdgeschoss blickt man in einen verglasten Innenhof. Dort wirkt ein 60-jähriger japanischer Ahorn neben einem Werk von Eduardo Chillida wie eine filigrane Skulptur. Rechts daneben ist eine große, fulminante Glasarbeit von Katharina Grosse zu sehen, ihre erste Glasarbeit überhaupt. Sie weist auf ein „Farblabor“, in dem Kinder und Jugendliche mit Farbe experimentieren können – mit Touchscreens und dank einer Software, die Bewegung in Farbe umsetzt. Ernst hat sie in Wien entwickeln lassen.

„Die Kreativität von Kindern wecken: Das ist der Hauptgrund, warum wir das überhaupt machen. Ich bin Unternehmer und ich weiß, wie wichtig es ist, dass man kreative Mitarbeiter hat“, gibt Ernst zu Protokoll. Morgens ist das Museum, bei freiem Eintritt, ausschließlich Schulklassen zugänglich.

Weiter geht es in die neun Ausstellungsräume, die sich weit und hell öffnen. Sie ermöglichen Ein- und Durchblicke und großzügige Sichtachsen. Bei der Innenausstattung traf der Museumsstifter selbst die Materialentscheidungen: „Es gibt wenige Sachen, die hier normal sind“, gibt Ernst zu. Die hohen Wände tragen aufwendigen Akustikputz, der bei hoher Besucherdichte den Geräuschpegel senkt. In einigen Räumen findet sich Stucco-Putz, der schimmert sanft wie Perlmutt.

Immer wieder überraschen die Lichtwirkungen, die von dem weißen Granit aus Vermont ausgehen. Ein zentraler, 14 Meter hoher Raum des Gebäudes scheint in der Luft zu hängen, tatsächlich ruht er lediglich auf der Glaswand des Museumsshops. Das Gewicht des Raums wird durch 30 Meter lange Wandscheiben nach hinten gelenkt. „Wir wollten in keinem Raum Stützen oder Säulen“, erläutert Ernst: „Im nächsten Leben werde ich Architekt.“

Das Museum Reinhard Ernst ermöglicht Ein- und Durchblicke und großzügige Sichtachsen. Im nächsten Leben möchte der Bauherr Architekt werden. Foto: Helbig Marburger 2023; Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, Museum Reinhard Ernst

Die Kunst verteilt sich luftig gehängt. Die Eröffnungsausstellung „Farbe ist alles!“ präsentiert ergiebig Ernsts Lieblinge: Helen Frankenthaler und Karl Otto Götz, aber auch Tony Cragg, Frank Stella, Josef Albers, Adolph Gottlieb, Künstler der Zero-Gruppe und jüngere Zeitgenossen wie Wolfgang Tillmans sowie Kunst aus Asien, etwa von Shōzō Shimamoto, Tōkō Shinoda, Kazuo Shiraga, Inoue Yūichi und vielen anderen.

Großformate entfalten besondere Wucht und Leuchtkraft, wie etwa Ernst Wilhelm Nays vibrierendes Bild „Chromatisches Schreiben“. Auffallend dramatisch eine Nagelarbeit von Günther Uecker: Ein schrundiger Riss geht durch das Werk „Geteiltes Bild“ wie eine gewaltsam in den Boden gerammte Furche. Auch ein Bild des legendären Otto Ritschl findet sich, der bereits 1932 in Wiesbaden eine Ausstellung abstrakter Künstler unterstützt hatte.

Privatmuseum

Markus Michalkes Tankstelle für Kunst

Reinhard Ernst, der nach eigenen Angaben über fast tausend museumsreife Werke verfügt, fand selbst über die Abstraktion zur Kunst. Er ist überzeugt, dass seine Leidenschaft ansteckend sein könnte: „Die Abstraktion beginnt jetzt an Bedeutung zu gewinnen, weil die jungen Menschen sie ganz anders sehen, als ältere Generationen dies getan haben.“

Zu jedem Bild kann er eine Geschichte erzählen. Vor einem Adolph Gottlieb erinnert er sich: „Der hing bei uns zu Hause, meine Frau hat ihn nur ungern ziehen lassen, aber: Die besten Arbeiten kommen bei uns ins Museum!“

Der Sammler lässt dem Besucher alle Freiheiten: „Es gibt hier keinen vorgezeichneten Rundgang. Ich will so wenig wie möglich Bevormundung. Und dann mein Appell: Lasst die Wände sauber, keine großen Lesetafeln, keine überbordende Didaktik …“

Katharina Grosses erste Glasarbeit: „Ein Glas Wasser, bitte“ ist ein Hingucker im Foyer. Alle zwei Jahre soll die Präsentation der Sammlung wechseln. Foto: Martin Url; VG Bild-Kunst 2024

Später kommentiert Direktor Oliver Kornhoff: „Unser Museum ist natürlich ein weihevoller Ort der Kunst-Bewahrung, aber genauso auch ein Ort gesellschaftlichen Lebens.“ Alle zwei Jahre werde die Präsentation der Sammlung wechseln, hinzu kommt jeweils eine Sonderausstellung. Die erste über den Architekten Maki. „Man kann schnell“, so Kornhoff, „zum Mausoleum werden, wenn an immer nur bestimmte Bilder aus der Sammlung zeigt.“

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Der Herr der Bilder selbst sagt, er habe zunächst seine Sammlung Museen angedient, aber kein Angebot überzeugte ihn. Dann also ein eigenes Haus, das zum Denkmal werden könnte. Reinhard Ernst: „Ich versuche, den Leuten beizubringen, dass im Leben alles auf einen zurückkommt. Wer Gutes getan hat, wird Gutes erleben.“ Sein Leben sei „voller Zufälle, die keine Zufälle sind“. So also kam es zu seinem „Zuckerwürfel“, der in Wahrheit ein Zauberwürfel ist.

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