Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kunst per Post Wie ein Galerist den Paketempfänger zum Aktionskünstler macht

Die Noroomgallery verschenkt zeitgenössische Kunst nach einem Gespräch am Telefon. Bilder für die Wand sind nicht dabei. Aber humorvolle Aktionen.
25.02.2021 - 14:58 Uhr Kommentieren
Die Kunst aus der Kiste flankieren Handlungsanweisungen für den Kunstfreund. Quelle: noroomgallery
Das Überlebenspaket der noroomgallery

Die Kunst aus der Kiste flankieren Handlungsanweisungen für den Kunstfreund.

(Foto: noroomgallery)

Hamburg Was tun, wenn unsere Grundversorgung mit Kunst massiv unterbrochen ist? Weil Kultur in Pandemiezeiten nicht zur Deckung der Grundbedürfnisse des täglichen Lebens gehören darf? Der Hamburger Galerist Jan Holtmann hat eine verblüffend einfache Antwort: „Wenn wir nicht zur Kunst können, weil alles geschlossen ist, dann muss die Kunst eben zu uns kommen.“

Das Ergebnis seiner Überlegung ist eine Art Notversorgung Kunst, die der Betreiber der „noroomgallery“ gern mit der Berliner Luftbrücke vergleicht. Über sie wurden 1948/49 CARE-Pakete mit Lebensmitteln in die eingeschlossene Stadt geflogen.

Holtmanns CARE-Pakete sind mit dem Über-Lebensmittel Kunst gefüllt. Und ebenfalls kostenlos. Die Nummer seines Rettungsdienstes lautet 0176.922 44 936. Wer endlich durchkommt, zählt zu den Glücklichen, auf die dann höchst attraktive aktuelle Kunst von renommierten Künstlern wartet.

Eine Hürde muss der Anrufende allerdings überwinden. Holtmann versendet seine Kunstpakete nur dann, wenn dieser plausibel machen kann, warum er ein kostenloses Paket von so bekannten und auch hoch dotierten Künstlern wie Tobias Rehberger, John Bock, Bogomir Ecker oder der Gruppe Poison Idea haben möchte. Das soll vermeintliche Schnäppchenjäger abschrecken, die nur auf den schnellen und lukrativen Weiterverkauf aus sind.

„Während des Telefongesprächs,“ so Holtmann über die 20 bis 50 Minuten dauernde abstandswahrende Unterhaltung, „finden wir das richtige Paket. Die Bestellung eines bestimmten KünstlerInnen-Pakets ist nicht möglich.“ Bereits mit dem Auspacken der Sendung, wenn sie denn endlich angekommen ist, beginnt dann die Kunstaktion.

Auspacken ist eine von den Künstlern geplante Performance, bei der sich Kunst und Betrachter wie die zwei Seiten einer Medaille zu einem Gesamtwerk verbinden. Der Empfänger wird so zum Assistenten, zum Mit-Künstler, durch den sich das Kunstwerk erst vollendet. Soweit der der Anspruch. Das Kunstwerk existiert – auch das gehört zum Projekt – nur im Machen, im Werden, nicht im Sein. Es lässt sich also nicht in einem Rahmen an die Wand hängen oder auf einen Sockel stellen.

Manchmal soll der Empfänger ein Gedicht über den Paketinhalt schreiben und das frankierte Paket dann samt Inhalt zurücksenden, damit ein nächster Interessent bedient werden kann.

Der Hamburger Galerist gründete 2017 einen temporären Hutladen für die Kreationen von Künstlern. Hier präsentiert er ein Modell von Oliver Ross. Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 für Oliver Ross; Foto: Wolfgang Oelze
Galerist Jan Holtmann

Der Hamburger Galerist gründete 2017 einen temporären Hutladen für die Kreationen von Künstlern. Hier präsentiert er ein Modell von Oliver Ross.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 für Oliver Ross; Foto: Wolfgang Oelze)

Oder es geht darum, die auf einem beigelegten Zettel formulierten Anweisungen zu befolgen. Unter dem Zettel lässt sich dann ein Handy entdecken, über das die weitere Kunst-Kommunikation läuft. Eine (Spielzeug-)Pistole liegt auch dabei, damit bei der Kunstaktion keine Angst aufkommt, wenn andere einen schräg anschauen.

Die Aufgabe lautet, kleine Zwischenräume in Mauerritzen aufzuspüren, in denen sich die mitgesandte Paket-Beigabe eines Künstlers, grauer Schaumstoff aus einem Tonstudio, hineinstopfen lässt. Kunst ist hier nicht nur Form, sondern vor allem Handlung, pralles, experimentelles Leben. Holtmann ist ein origineller Kopf. Er hat auch einen Kunsthasser-Stammtisch gegründet.

Kunst, Kunstgewerbe oder Blödsinn?

Seine Programmgalerie heißt Noroomgallery, kommt, wie der Name verrät, ohne Geschäftsräume aus und belebt das öffentliche Kunstleben von Hamburg schon seit vielen Jahren. 2017, zum 20-jährigen Jubiläum, gründete er einen temporären Hutladen und lief auch selbst mit den exzentrischen Hüten, die gut 30 Künstler und Künstlerinnen gestaltet hatten, durch die Straßen. Zur Verblüffung der Passanten. Ist das Kunst? Oder bloß Kunstgewerbe? Oder gar Blödsinn?

Die öffentliche Diskussion über genau diese Grenzziehungen, über Ein- und Ausgrenzungen, war sein Ziel, das Holtmann damit klug und auf humorvolle Weise ansteuern konnte. Jetzt hat er sich das Paket als Kunstform vorgenommen und die unterschiedlichsten Künstler dafür begeistert.

Finanzierung über Neustart Kultur

„Finanziert sind die Pakete und die Honorare der KünstlerInnen über das Programm ‚Neustart Kultur‘, das von der Stiftung Kunstfonds Bonn ausgeschrieben war“. Anders wäre die Kunstaktion nicht möglich gewesen. Nach dem Ausfüllen der Formulare, dem Formulieren von Begründungen und dem quälenden Warten auf eine Finanzierungsentscheidung kam das erlösende OK und ein gänzlich neuer kunstvoller Paketdienst wurde in Hamburg geboren. Auch einer zur Grundversorgung, aber eben mit aktueller Kunst. Die Lieferungen sollen noch bis in den März hinein sattfinden.

Mehr: Galerien in der Coronakrise: Die staatlichen Konjunkturhilfen gehen bislang an der Realität vorbei

Startseite
Mehr zu: Kunst per Post - Wie ein Galerist den Paketempfänger zum Aktionskünstler macht
0 Kommentare zu "Kunst per Post: Wie ein Galerist den Paketempfänger zum Aktionskünstler macht"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%