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KunsthandelEntdeckerin der Avantgarde

Die französische Kunsthändlerin und Galeristin Berthe Weill gründete 1901 als erste Frau eine Galerie. Endlich wird sie mit einer großen Schau gefeiert. Nach einer Station in New York ist sie momentan im Montreal Museum of Fine Arts zu sehen, ab 8. Oktober im Musée de l’Orangerie in Paris.Lisa Zeitz 11.07.2025 - 12:43 Uhr Artikel anhören
Suzanne Valadons Meisterwerk „La chambre bleue“ von 1923 wird ab Herbst in der Berthe-Weill-Schau in Paris zu sehen sein. Foto: Centre Pompidou, MNAM

Berlin. „Peng! Mitten ins Auge!“ Der Titel von Berthe Weills Memoiren zielt auf die visuelle Wucht der Moderne ab. Eine Wucht war auch sie, die im Jahr 1901 ihre Galerie in Montmartre eröffnete und sich vierzig Jahre lang für junge Kunst engagierte. Endlich wird die Kunstmarktpionierin mit einer großen Schau gefeiert. Nach einer Station in New York ist sie bis 7. September im Montreal Museum of Fine Arts zu sehen, ab 8. Oktober im Musée de l’Orangerie in Paris. „Berthe Weill, Art Dealer of the Parisian Avant-Garde“ umfasst Malerei von Picasso, Matisse, Modigliani, Chagall und Suzanne Valadon, auch Plakate von Toulouse-Lautrec und Skulpturen von Maillol und der afroamerikanischen Bildhauerin Meta Vaux Warrick.

Im Angesicht der von ihr präsentierten Künstlernamen würde man denken, „sie habe eine Limousine in der Größe einer Lokomotive vor ihrer Haustür“, schrieb ein Kritiker 1923. Doch so war es nicht, wirtschaftlich hatte sie wenig Erfolg. Sie entdeckte zwar immer wieder junge Talente, die jedoch oft nach ein paar Jahren zu etablierteren Kunsthändlern wie Ambroise Vollard oder Daniel-Henry Kahnweiler abwanderten. So war das Geld meist knapp. Weill musste immer wieder Bücher aus ihrer eigenen Bibliothek verkaufen, um über die Runden zu kommen.

Raoul Dufy malte Berthe Weill 1931 zum 30. Galeriejubiläum das Ölbild „Trente ans ou La vie en rose“. Foto: Paris musées, musée d'Art moderne

Die Kunstszene um 1900 war vor allem eine Männerwelt. Wie kam also Berthe Weill dazu, eine Galerie zu eröffnen? Geboren 1865 in Paris als fünftes von sieben Kindern in eine jüdische Familie von bescheidenen Verhältnissen, war Berthe kränklich und wurde daher nicht Näherin wie ihre Schwestern, sondern kam im Antiquitätenladen eines Verwandten unter. Fast zwei Jahrzehnte arbeitete sie bei ihm, um dann mit ihrem Bruder Marcellin selbst ein kleines Geschäft zu eröffnen, in dem sie auch Zeichnungen und Karikaturen verkaufte. Der katalanische Geschäftsmann Pedro Mañach ermutigte sie, daraus eine Kunstgalerie zu machen. Anfangs stand nur „B. Weill“ an der Tür, es sollte nicht gleich jeder wissen, dass sich hinter dem Namen eine Frau verbarg.

Im Dezember 1901 fand die erste Vernissage mit Aristide Maillol und Pierre Girieud statt. Besonders die ganz Jungen lagen ihr am Herzen: Zu ihren ersten Verkäufen zählten drei Pastelle von Pablo Picasso, den sie kennengelernt hatte, kurz nachdem er im Jahr 1900 achtzehnjährig nach Paris gezogen war. Anlässlich ihres Galeriejubiläums 1931 veröffentlichte die Weltkunst einen Artikel, in dem Berthe Weill das erste Treffen in eigenen Worten beschreibt: Mañach, der Picasso und seinen Mitbewohner, den Bildhauer Manolo, gut kannte, hatte den Termin arrangiert, damit sie sich Picassos Arbeiten anschauen konnte. „Ich steige also die sechs Treppen hinauf, klingle …, läute Sturm …, nichts regt sich. Wütend gehe ich hinunter, treffe Mañach:  ‚Waren Sie schon oben? Picasso ist zu Hause.‘ – ‚Niemand ist da, ich habe ja geklingelt!‘ – ‚Aber ja, kommen Sie nur!‘  Wir steigen also wieder hinauf, treten ein. In zwei alten Betten entdecke ich zwei formlose Knäuel, die sich so gut wie möglich zu verstecken suchen: Picasso und Manolo. Diese beiden frechen Gauner hatten sich den Spaß gemacht, mein wütendes Gesicht zu zeichnen, als ich vergebens klingelte – und das waren die ersten Picassos, die ich zu sehen bekam.“

Berthe Weill in einem Porträt von Émilie Charmy, entstanden zwischen 1910 und 1914. Foto: Julie Ciot/MMFA/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

1902 verkaufte sie ihr erstes Bild von Matisse für „130 Francs, davon bekam er 110“, schreibt sie in ihren Memoiren. Malerei der „Fauves“ zeigte sie 1905, noch bevor diese als Gruppe überhaupt so genannt wurden. Während der mexikanischen Revolution lebte Diego Rivera in Paris. Zu den Werken, die er bei Berthe Weill ausstellte, gehörte wohl auch die kubistische Ansicht des Eiffelturms von 1914, die jetzt zu den Exponaten in Montreal zählt. „Wie Gulliver bei den Liliputanern“ erschien der Künstler der Galeristin bei der Vernissage – sie selbst maß nur 150 Zentimeter, er dagegen hatte eine beachtliche Körperfülle und war 185 Zentimeter groß. „Ich konnte mir gut vorstellen“, so schreibt sie in ihren Memoiren, „wie er ein Feuer löschen könnte, indem er darauf pinkeln würde.“

Viele Kunstschaffende hatten ihre Premieren bei Weill, so etwa Kees van Dongen oder Mau­rice de Vlaminck, Raoul Dufy oder Amedeo Modigliani – für ihn war es die einzige Soloschau seines kurzen Lebens. Modigliani war mit 22 Jahren von Italien nach Paris gezogen und arbeitete zunächst vor allem als Bildhauer, wandte sich aber immer mehr der Malerei zu. Weill beschreibt einen Atelierbesuch bei ihm als traurig, „so ein feiner Geist – und so betrunken!“ Trotzdem willigte sie ein, ihm eine Schau auszurichten.

Skandalöse Vernissage

Die skandalöse Vernissage am 3. Dezember 1917 wurde zu einem Ereignis, das in keiner Biografie des Künstlers fehlen darf. Unter den 34 ausgestellten Gemälden und Zeichnungen von Modigliani waren vier Akte, die von der Straße aus durchs Fenster zu sehen waren. Es bildete sich ein Auflauf von Neugierigen, sodass die gegenüberliegende Polizeistation Beamte schickte, um die Schau zu inspizieren. Die Galeristin wurde in die Polizeistation zitiert und aufgefordert, den „ganzen Müll“ abzuhängen. Sie hielt dagegen: warum? Daraufhin geriet der Polizist ins Schwitzen und stotterte „poils“, Schamhaare, sie seien ein Verstoß gegen die Sittlichkeit. Seine Kollegen, so Weill, sollen dabei gekichert haben. Um die Beschlagnahmung zu vermeiden, hängte sie die fraglichen Bilder ab. Die Ausstellung fand viel Aufmerksamkeit, doch keine Kundschaft. Nur Weill selbst kaufte ein paar Werke, um den Künstler zu unterstützen. Fast forward: Modiglianis „Schlafender Akt“, Teil der Skandalschau, erzielte 2015 bei Christie’s in New York 170 Millionen Dollar. In Montreal ist der „Akt mit Korallenkette“ ausgestellt, wohl auch eines der Bilder, die den Polizisten so in Rage brachten.

Amedeo Modiglianis „Akt mit Korallenkette“ ist aktuell in Montreal zu sehen. Foto: Allen Memorial Art Museum / Bridgeman Images

Auch Künstlerinnen bot Berthe Weill immer wieder eine Bühne, vor allem ihrer Freundin Suzanne Valadon. Sie hatte als minderjähriges Modell gearbeitet, bevor sie selbst Malerin wurde. Zwischen 1913 und 1936 zeigte Weill sie in dreiundzwanzig Ausstellungen. „Eine großartige Künstlerin“, urteilte die Galeristin. „Sie hatte so viele Kritiker. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie sich nicht beirren ließ.“ Valadons Meisterwerk „La chambre bleue“ von 1923 wird ab Herbst in der Berthe­Weill-Schau in Paris zu sehen sein. Selbstbewusst chillt das füllige Modell mit Zigarette und Büchern im Bett, eine Ikone der modernen Frau. In Montreal ist Valadon mit verschiedenen Bildnissen von Freundinnen und Freunden vertreten.

Überhaupt, der Freundeskreis. Als die Deutschen in Paris einmarschierten, war die mittlerweile 75-jährige Jüdin Weill in Lebensgefahr. Im April 1940 hatte die „Entdeckerin der Avantgarde“, wie die Kunsthistorikerin Marianne Le Morvan sie nennt, noch eine letzte Ausstellung veranstaltet, dann musste die Galerie schließen. Mittlerweile gebrechlich, überlebte sie die Nazizeit wohl versteckt im Atelier ihrer Freundin Émilie Charmy. Nach dem Krieg waren ihre Verhältnisse prekär, doch alte Freunde kamen zu Hilfe: 80 Werke von Picasso und anderen erzielten auf einer Benefizveranstaltung genug, um ihr einen würdigen Lebensabend zu finanzieren. 1951 starb Berthe Weill. Die letzte Ruhe fand sie auf dem Friedhof Père-Lachaise, auch hier umgeben von lauter alten Bekannten, einer illustren Künstlergesellschaft.

„Berthe Weill, Art Dealer of the Parisian ­Avant-Garde“, Montreal Museum of Fine Arts, bis 7. September; Musée de l’Orangerie, Paris, 8. Oktober bis 26. Januar 2026

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