Kunstmesse Viennacontemporary: Der Hunger nach Kunst ist groß
Die Hallen sind Schauplatz der Kunstmesse Viennacontemporary in Wien.
Foto: ViennacontemporaryWien. Es wirkt wie Lockdown überall in Wiens Kulturszene. Sogar Opernkarten sind problemlos noch für den selben Abend zu bekommen. Zehn Personen dürfen sich maximal gleichzeitig in einer Galerie aufhalten. An den üblichen Vernissagetrubel ist nicht zu denken. Für die Kunstmesse Viennacontemporary wirkt die Ausgangslage wenig vielversprechend (bis 27.9.).
Doch Totgesagte leben länger, weiß das Sprichwort, und Abgesänge auf die Wiener Kunstmesse sind fast so alt wie die Veranstaltung selbst. Dass gerade die Viennacontemporary mitten in der Corona-Pandemie doch stattfindet, sagt viel über die Persistenz des privaten Eigentümers und den Kunstmarktstandort Wien und nicht zuletzt über den Kunstmarkt allgemein aus.
Denn die Hürden für die erfolgreiche Durchführung eine Kunstmesse in Wien sind hoch. Nicht erst, seit die ÖVP-geführte Bundesregierung die angeblich schlecht gemanagte Corona-Krise des SPÖ-regierten Wien als Wahlkampfthema entdeckt und das Bundesland zum Risikogebiet gemacht hat. Dabei sind die Auflagen ohnehin streng.
Zusammen mit den Begleitumständen wie der praktisch zum Erliegen gekommenen Reisetätigkeit des Kunst-Jet Sets, hat das dazu geführt, dass die einheimischen Galerien eine Halbierung der Standkosten haben durchsetzen können. Nicht wenige Kollegen pausieren trotzdem oder sind zur deutlich preiswerteren und qualitativ sehr gemischten Satellitenmesse „Parallel“ ausgewichen. Von den westlichen Galerien haben viele ganz abgesagt. Der Fokus auf Südost- und Osteuropa bleibt jedoch bestehen, da österreichische Galeristen die Stände etwa der Ungarn mit betreuen, die nicht persönlich anreisen können.
Statt über 100 nehmen in diesem Jahr daher nur 65 Galerien teil, die Hälfte davon aus Österreich. Aus Deutschland sind lediglich sieben Galerien angereist, fast alle aus Berlin. Lediglich Philipp von Rosen ist aus Köln dabei, wenn auch nicht persönlich, denn er befindet sich aufgrund eines Treffens mit einem Corona-Opfer des Berliner Gallery Weekends in Quarantäne. Den Stand hat ein Mitarbeiter mit neun Positionen der Galerie in Petersburger Hängung ausgestattet, hauptsächlich in kleinen Formaten, was tatsächlich gut funktioniert.
Einige Absagen in letzter Minute waren dennoch zu verkraften: Jochen Hempel baut seinen geplanten Messestand in seiner Galerie in Leipzig nach, während die Messekoje jetzt mit den beim Publikum sicher willkommenen Biertischgarnituren der gegenüber gelegenen Bar bestückt ist. Ernst Hilger aus Wien bespielt mit seiner jungen Galerie Hilger Next zusätzlich den Stand eines Kollegen, der aktuell nicht reist.
Der Wiener Intrigantenstadel, mit dem sich die Einheimischen traditionell gegenseitig das Leben schwermachen, ist Rosemarie Schwarzwälders Sache nicht. Für sie ist es selbstverständlich, mit ihrer Galerie Nächst St. Stephan an der einheimischen Messe teilzunehmen.
„Wir haben ja auch eine Verantwortung den Künstlern und den Sammlern gegenüber“, erklärt Schwarzwälder Im Kontext bedeutet das für sie: „Die großen internationalen Messen sind sehr teuer und können gar nicht stattfinden, weil niemand aus den USA, Lateinamerika oder Asien anreist.“ Diese Veranstalter könnten ihre normale Leistung gar nicht erbringen. Bei einer kleineren und regionaleren Veranstaltung wie dieser hier müsse sie bei den reduzierten Standkosten nicht so viel umsetzen, und sie könne sich intensiver um ihre Sammler vor Ort kümmern.
Deutsche Galerien im Nachteil
Schwarzwälders Auftritt spiegelt die aktuelle Situation nicht nur ihrer Künstler. Fast alle Arbeiten am Stand sind in diesem Jahr entstanden. Der 70-jährigen Alice Attie hat die Galeristin ein Kabinett mit Arbeiten in kleineren Formaten eingerichtet wie sie viele Künstler unter dem Lockdown bevorzugen. Das ist teils den Umständen geschuldet, weil viel zuhause statt im Atelier gearbeitet wurde.
Die Preise für die in Tinte ausgeführten zarten Abstraktionen bewegen sich zwischen 5.200 und 10.500 Euro, inklusive 5 Prozent Mehrwertsteuer, wie die Galerie betont. Deutsche Galerien, die mit umständlichen Konstruktionen hantieren oder 16 Prozent abführen müssen, wird diese Aussage einen Stich versetzen.
Dmitry Aksenov, der russische Unternehmer, der die Messe 2013 mehrheitlich übernommen hat, steht zu seinem Engagement, trotz der immer noch abwartenden Haltung der Politik und einiger Galerien. Dass er dieses Jahr mit der stark verkleinerten und verbilligten Messe einen Verlust einfährt, dessen Höhe er nicht beziffern möchte, spricht für sich.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt bestätigt Aksenov Überlegungen zur Zukunft: „Ja, es gab interne Diskussionen, ob wir wirklich diejenigen sein müssen, die sich am meisten engagieren in der zeitgenössischen Kunstszene dieser Stadt. Einfacher wäre es gewesen, abzusagen. Aber ich glaube, wir müssen uns alle anpassen und lernen, auch mit schwierigen Situationen umzugehen.“ Um die nähere Zukunft scheint man sich also keine Sorgen machen zu müssen: „Wir haben diese Vereinbarung mit der Marx Halle bis 2027 und wir sind entschlossen, sie einzuhalten.
Einheimische helfen auswärtigen Galerien
Aksenov beobachtet angesichts der Krise zudem einen Wandel im Umgang der Marktteilnehmer untereinander: „Schwierige Zeiten können auch Möglichkeiten eröffnen. Wir sehen jetzt mehr Engagement und den Willen zur Kooperation unter den Galerien, etwa, dass einheimische Galerien den Auswärtigen aushelfen, die angesichts der Reiserestriktionen selber nicht kommen können.“
Überhaupt sind alle Beteiligten erstaunlich flexibel und solidarisch. Weil Miriam Charim aus Wien sich dem Risiko nicht aussetzen möchte, kümmern sich die jungen Kollegen von KOW aus Berlin jetzt um einen Doppelstand. Ohne sich abzusprechen, präsentierten beide Galerien ausschließlich weibliche Positionen, erklärt Nikolaus Oberhuber von KOW. Sie zeigten unter anderem Anna Ehrenstein.
Preiswerte Standgebühren
Die Zusammenarbeit mit Ehrenstein, einer angesagten Vertreterin einer ganzen jungen Generation, ist ganz frisch; und schon im Vorfeld konnte eine Arbeit von ihr vermittelt werden. Kargl aus Wien hat den Stand von Vintage aus Budapest übernommen; den Künstler Andreas Fogarasi teilen sie sich sowieso.
Diesen Geist der Kooperation nimmt auch Messedirektorin Johanna Chromik wahr. Das Preismodell mit nur zwei Standgrößen von 25 und 35 Quadratmetern und Preisen von lediglich 2500 bis 6000 Euro habe die Messe in konstruktiv geführten Gesprächen mit den Galerien ausgearbeitet, der Online-Auftritt sei jetzt kostenlos.
Auf Dauer ist eine solche Preispolitik für keinen Messeveranstalter nachhaltig zu betreiben. Jetzt kommt es auf die lokalen Sammler an und darauf, ob sie die Anstrengungen von Messe und Galerien durch Käufe honorieren. Doch der Hunger nach Kunst und Kultur ist groß, nicht nur bei den Wienern, die in diesem Jahr jedoch wohl weitgehend unter sich bleiben werden.
Mehr: Viennacontemporary: Die osteuropäischen Galerien sind zurück