Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Pandemie Corona bringt Künstler in Not

Für Kulturschaffende sind in der Coronakrise Hilfsprogramme angelaufen. Eine lobenswerte Sache, doch nicht immer passen sie in die Lebenswirklichkeit der Betroffenen.
07.04.2020 - 18:15 Uhr Kommentieren
Die fertig verpackten Stahlskulpturen sollten für eine Ausstellung nach Brasilien verschifft werden – doch daraus wird jetzt nichts. Quelle: Thomas Schönauer
Atelier von Thomas Schönauer

Die fertig verpackten Stahlskulpturen sollten für eine Ausstellung nach Brasilien verschifft werden – doch daraus wird jetzt nichts.

(Foto: Thomas Schönauer)

Düsseldorf Fertig verpackt warten in Thomas Schönauers Atelier zwölf Stahl-Skulpturen und 25 Gemälde auf einen Transport, der wahrscheinlich niemals stattfinden wird. Die 6,5 Tonnen schweren Objekte sollten längst per Schiff auf dem Weg nach Brasilien sein.

„Wir hatten drei Container reserviert, aber bereits im Februar ist der weltweite Umlauf der Spezialcontainer wegen Corona unterbrochen worden“, berichtet der Künstler. An die geplante Tour durch fünf Museen in Brasilien ist nicht mehr zu denken. „Ich sitze auf Material- und Produktionskosten von nahezu einer viertel Million Euro“, sagt er.

Zwei Mitarbeiter beschäftigt der Künstler im Atelier, für den Betrieb muss er pro Monat 10.000 Euro einsetzen. „Ich habe die Soforthilfe beantragt, wollte weder den Mitarbeitern kündigen noch in Kurzarbeit gehen“, sagt er und ist überrascht, wie schnell und unkompliziert das ging.

Bereits zu Beginn der radikalen Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise hatte Kulturstaatsministerin Monika Grütters der Kreativszene schnelle und unbürokratische Hilfen versprochen. Tatsächlich wurden in Windeseile milliardenschwere Hilfsprogramme auf den Weg gebracht, die teils verblüffend schnell wirken, aber auch für Verwirrung und Frustration sorgen. Denn zum einen sind einige Töpfe bereits ausgeschöpft, und zum anderen werden die Richtlinien für die Bundeshilfen in den Bundesländern nicht einheitlich ausgelegt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft in NRW hat sehr schnell ein Soforthilfeprogramm in Höhe von fünf Millionen Euro bewilligt, das eine „existenzsichernde Einmalzahlung von 2000 Euro“ über ein einfaches Antragsformular ermöglicht. Die Verwendung dieser Überbrückungsgelder wird nicht überprüft, und sie müssen auch nicht zurückgezahlt werden.

    Bei den Bezirksregierungen in NRW sind inzwischen mehr als 13 000 Anträge auf Soforthilfe eingegangen. Auf Anfrage teilt das Ministerium mit, dass die Mittel in Höhe von fünf Millionen Euro in absehbarer Zeit vollständig ausgeschöpft seien. „Derzeit werden verschiedene Optionen diskutiert, wie es danach weitergeht.

    Die Ausstellung war für Rostock geplant. (Ausschnitt) Quelle: Ivo Faber, Galerie Breckner, VG Bild-Kunst, Bonn
    Günther Uecker „Huldigung an Hafez-Mashad“

    Die Ausstellung war für Rostock geplant. (Ausschnitt)

    (Foto: Ivo Faber, Galerie Breckner, VG Bild-Kunst, Bonn)

    Fest steht: Freischaffende Künstlerinnen und Künstler werden in jedem Falle auch künftig verlässliche Unterstützung durch das Land erhalten.“ Von Kreativen, die diese Überbrückungshilfe beantragt haben, hört man Widersprüchliches: Einige berichten, das Geld sei schnell überwiesen worden, andere warten seit mehr als zwei Wochen auf eine Antwort.

    Wesentlich schneller geht es mit der NRW-Soforthilfe des Wirtschaftsministeriums, das „Zuschüsse zu den laufenden Betriebskosten für Soloselbstständige“ verspricht. Bis Anfang der Woche gingen beim Ministerium bereits über 360.000 Anträge ein. Auf Nachfrage des Handelsblatts antwortet das Ministerium, dass es nicht möglich sei zu sagen, wie viele davon aus dem künstlerischen und kreativen Bereich kämen.

    An der Lebenswirklichkeit vorbei

    Da das bundesweite Hilfsprogramm sehr allgemein auf Kleinunternehmen, Soloselbstständige und Freiberufler zugeschnitten ist, gehen einige der Voraussetzungen – die noch dazu in den Bundesländern unterschiedlich ausgelegt werden – an der Lebenswirklichkeit von Kreativen vorbei.

    In NRW sollen die Gelder, die einmalig 9.000 Euro für Betriebe bis zu fünf Angestellten vorsehen, für Betriebskosten wie etwa Büromieten oder Löhne für Angestellte eingesetzt werden. Das aber sind Kosten, die freischaffende Künstler häufig nicht haben, wenn sie einen Raum ihrer Wohnung als Atelier nutzen. Auch Musiker und Schriftsteller üben und arbeiten üblicherweise zu Hause und beschäftigen keine Mitarbeiter.

    Die Düsseldorfer Künstlerin Utta Hagen aus dem Team der Produzentengalerie plan.d. hat die 9.000 Euro beantragt: „Allgemein herrscht große Unsicherheit, wofür das Geld ausgegeben werden darf.

    Es geht nicht um Honorarausfälle

    Unklar ist auch, ob Beiträge zur Künstlersozialkasse als geschäftliche oder private Ausgaben zählen.“ Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann sieht die Probleme nicht gelöst: „Die größte Hürde für Künstler ist, dass es bei den Bundesmitteln, die über die Länder verteilt werden, eben nicht um entgangene Einnahmen oder Honorarausfälle geht, sondern um laufende Betriebskosten. Das sind keine Hilfen zum Lebensunterhalt.“

    Ein weiteres Problem sei die lange Unsicherheit und das Neben-, manchmal auch Durcheinander von Landes- und Bundesförderung, urteilt Zimmermann.

    Künstlern, deren Anträge abgelehnt werden, wird empfohlen, Grundsicherung zu beantragen. „Hartz IV hat einfach ein schlechtes Image. Auch wenn die Bedingungen im Rahmen des Sozialpakts deutlich verbessert wurden, keine Verpflichtung besteht, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, sondern im Gegenteil die Selbstständigkeit aufrechterhalten werden soll“, kritisiert Zimmermann. Viele scheuten davor zurück.

    Die Künstlerin erwartet, dass der Nachwuchs nicht mehr so leichtfüßig ein Kunststudium wählt. Abgebildet ist das Gemälde
    Pia Fries

    Die Künstlerin erwartet, dass der Nachwuchs nicht mehr so leichtfüßig ein Kunststudium wählt. Abgebildet ist das Gemälde "Pylone kL" von 2019, geschaffen mit Ölfarbe und Siebdruck auf Holz.

    (Foto: Hans Brändli, VG Bild-Kunst, 2020)

    Dagmar Schmidt, die Bundesvorsitzende des Bundesverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) blickt mit Sorge auf die Situation: „Durch die Coronakrise zeichnet sich extrem ab, wie prekär die ganze Kulturszene unterwegs ist. Unter welchen Bedingungen all das entsteht, sieht man jetzt in der Krise.“ Der BBK halte ständigen Kontakt mit der Politik, um zu diskutieren. „Es ändert sich ja gerade von Tag zu Tag. Der Politik den Blick zu schärfen gelingt nun aber schon besser als am Anfang“, sagt sie.

    Der Düsseldorfer Galerist Till Breckner vertritt unter anderem Großkünstler wie Günther Uecker, Tony Cragg und Jeff Koons. Breckner war gerade in Vorbereitungen einer Ausstellung in der Kunsthalle Rostock anlässlich des 90. Geburtstags von Uecker, an der auch acht iranische Künstler in Dialog treten sollten mit Ueckers Werk. Die Schau muss nun verschoben werden.

    Großkünstler atmen auf

    Die Großkünstler seien zwar auch betroffen von der Coronakrise, aber nicht nervös: „Mein Gesamteindruck ist, dass fast ein Aufatmen stattfindet, nachdem sich in den letzten Jahren das Rad immer schneller drehte.“

    Dennoch sieht Breckner langfristig große Gefahren: „Hat eine Künstlerin oder ein Künstler in der Vergangenheit viel an Spekulanten verkauft, die nun aus Liquiditätsmangel verkaufen müssen, kann das den Marktwert vernichten.“ Für Galerien sei die Lage kritisch: „Die Breite der Galerien ist klein und chronisch unterfinanziert. In dem aktuellen Nachfrageschock werden es die kleinen Galerien sehr schwer haben, da keine Ertrags- und Finanzierungsmöglichkeiten bestehen.

    Verzögertes Sterben

    Außer der NRW-Soforthilfe sehe ich alle anderen Hilfsinstrumente als vollkommen ungeeignet“, ergänzt Breckner. Wer solvent sei, käme mit seiner Hausbank ohnehin weiter. „Wer aber ertragsschwach und nicht solvent ist, dem verzögert ein Kredit nur das Sterben.“

    Die deutsch-schweizerische Künstlerin Pia Fries spürt im Moment nur eine große Verunsicherung, die sie aber auch für „eigenwillige“ neue Bilder nutzt. Bisher wurde keine ihrer Ausstellungen abgesagt.

    Ihre freiberufliche Arbeit finanziert die Künstlerin durch ihre Professur an der Akademie der Bildenden Künste in München. Für die Zukunft nach Corona prognostiziert sie: „Studenten und Studentinnen wählen vielleicht nicht mehr so leichtfüßig ein Studium der Kunst. Da zurzeit sehr viel von der prekären Lage der Kunstschaffenden berichtet wird.“ Vielen werde klar, wie abhängig die „freie Kunst“ von einer funktionierenden Wirtschaft sei. Ein Studium an einer Kunstakademie sei ein Wagnis. Das werde deutlich.

    Mehr: Coronakrise: Viele Künstler sind in einer prekären Lage

    Startseite
    Mehr zu: Pandemie - Corona bringt Künstler in Not
    0 Kommentare zu "Pandemie: Corona bringt Künstler in Not"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%