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Privatsammlung von Gil BronnerSchutzpatron der jungen Kunst

In einem Hinterhof in Düsseldorf hat Gil Bronner ein Privatmuseum eröffnet. Der lässige Immobilienentwickler hält große Stücke auf die Absolventen der hiesigen Kunstakademie. Ein Porträt.Susanne Schreiber 20.08.2016 - 15:22 Uhr Artikel anhören

„Ich sammle, was relevant und nachhaltig ist.“

Foto: dpa

Düsseldorf. Selbst in den Ferien kann er nicht von der Kunst lassen. Gil Bronner hat gerade das Prada-Museum in Mailand besucht und dazu noch zwei Privatsammlungen bei Florenz und Siena. Während er begeistert und schnell erzählt, fahren wir von seinem Düsseldorfer Wohnsitz aus zur Kunstsammlung Philara. Seine Kinder Philip und Lara standen Pate bei der Namensgebung.

Auch im Alltag beschäftigt den Immobilienentwickler Gil Bronner Kunst tagaus, tagein – und das nicht erst, seitdem der 53-Jährige kürzlich in einem Hinterhof in Düsseldorfs hippem Galerienviertel Flingern sein Privatmuseum eröffnet hat. Das Handy klingelt immer wieder, nicht immer ist er begeistert. An diesem Sommervormittag scheint es aber doch, als genieße es der überzeugte Rheinländer, so etwas wie ein Schutzheiliger zu sein für einen Teil der jungen aufstrebenden Künstler. Einer, der stolz ist, einen Track-Record zu haben mit Projekten, die er gefördert, mit Ausstellungen, denen er bereits eine Plattform gegeben hat. Von 2008 bis 2016 betrieb Bronner den Kunstraum Philara in einer alten Leitzfabrik am Stadtrand. Dort hat er über 60 schlichte Künstlerateliers eingerichtet und in seinen Räumen 40 Ausstellungen gezeigt.

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Seit den ersten eigenen Ankäufen 1997, als der damals in Leipzig lebende Immobilienentwickler Neo Rauch für sich entdeckte, ist die Sammlung auf rund 1300 Arbeiten angewachsen. Schwer, da den Überblick zu behalten. Obwohl der Umbau der ehemaligen Glasfabrik Lennarz zu dem neuen Kunst- und Atelierensemble eine Millionensumme verschlungen hat, konnte Bronner jüngst auf der Art Basel nicht widerstehen. Es waren kleinere Kunstwerke, die er unbedingt haben musste. Die Namen der Künstler fallen ihm auf Anhieb nicht ein. Erst der Blick ins Smartphone – da ist der himmelblaue Porsche Panamera schon in der Birkenstaße geparkt – schafft die Erlösung: „Bei Peter Freeman habe ich eine Arbeit von David Adamo ausgesucht. Ferner Yuri Pattisons MIT-Henge, das ist ein Werk, das ums Post-Digitale kreist. Dazu noch Rochel Goldbergs Maske und eine dreibeinige Skulptur von Nora Schultz.“

Bronner ist mit Kunst aufgewachsen. Seine Eltern leben mit Bildern von Picasso und Beckmann, besitzen Zeichnungen von George Grosz. Die Cary und Dan Bronner-Stiftung unterstützte auch den kostspieligen Umbau. Was reizt Gil Bronner an der zeitgenössischen Kunst? „Sammler fühlen den Juckreiz. Irgendetwas muss mich kratzen. Schön reicht nicht.“ 63 Werke hat Sammlungsdirektorin Katharina Klang für die Eröffnungsschau „On Display“ zusammengestellt, mal dialogisch, kontrastierend.

„Das musste ich haben. Schon wegen des Titels.“

International bekannte Künstler, u.a. Tomás Saraceno oder Rashid Johnson, treffen da auf einen Schwerpunkt mit Absolventen der Düsseldorfer Akademie. Bronner: „Ich habe versucht zu vermeiden, bei den Rundgängen zu kaufen. Allerdings habe ich da die Abschlüsse einiger Künstler gesehen, von denen ich fest der Auffassung war, dass sie erfolgreich werden. Zuletzt zähle ich Andreas Schmitten, Silke Albrecht, Leunora Salihu, Chris Knecht, Katja Tönnissen und Alex Grein dazu.“

Imposant ist in dem Industriebau die neun Meter hohe Halle, einer von sieben Decken-Kränen durfte bleiben, am Ende liegen sogar noch Bahngleise. Darauf ruht „Artichoke Underground“ von Jonah Freeman und Justin Lowe. Eine technisch komplexe Collage aus einer im Boden versenkten, heruntergekommen Druckerei mit Imbiss-Einrichtung und Drogenküche. Die Untergrund-Installation wird nicht mehr aus der 1700 qm Ausstellungsfläche wegbewegt werden. Von der Halle gehen kleinere Räume für Sonderausstellungen ab. Die Ehre des Debüts hat der in Kalifornien lebende Maler Friedrich Kunath. Ein wilder Mix aus romantischer Malerei mit harten Brüchen und Einsprengseln von Comic und Alltagsdesign.

Links die pinke Skulptur von David Renggli, in der Mitte die „Sonne“ von Björn Dahlem.

Foto: Susanne Diesner

„Kunath fühle ich mich verwandt – mit seinem Humor und seiner zynischen Selbstbetrachtung zum Beispiel im Hinblick auf seine Midlife-Crisis“, räumt der Sammler ein. Eigener Bestand ist hier durch Leihgaben erweitert. „Can’t Have It All“, ein Bild der Dämmerung voller Sehnsucht nach Natur, Heimat, Haus und Halt, hat eine Schlüsselfunktion. „Das musste ich haben. Schon wegen des Titels. Denn ich überlege nachts, wie ich all die Arbeiten bezahlen soll, die ich gekauft habe.“

Zurück zur Sammlungspräsentation: „On Disply“ stellt figurative Malerei und Installationen in den Vordergrund sowie abstrakte und gegenständliche Skulptur, aber keine Videos und wenig Fotografie. Alicja Kwades Konzeptarbeit einer pulverisierten „Kaminuhr“ in Weckgläsern steht in einem Raum mit dem Thema Zeit. Monika Sosnowskas so filigrane wie gequetschte Stahlskulptur hänge falsch, meint der Sammler beim gemeinsamen Rundgang, nicht ganz zu Unrecht.

Die Geschichte hinter den Lithos auf Zeitung von Leigh Ledare, „An Invitation“, sprudelt nur so aus dem Sammler heraus. Ledare macht 1976 auf Einladung eines auftraggebenden Sammlers Aktaufnahmen der Ehefrau und anonymisiert die Version für den Verkauf durch schwarze Quadrate, die den Frauenkopf verdecken. „Wie verändert uns Sexualität? Welche psychologischen Mechanismen löst sie aus“, das fragt sich Gil Bronner nicht nur hier.

In der Eröffnungsausstellung „On Display“ darf Tomás Saracenos Installation aus der Serie „Air-Port-City“ einen ganzen Raum einnehmen

Foto: dpa
Fotokünstler Thomas Struth

„Die Gier in der Welt nimmt zu“

Ein typischer Kauf könnte auch die große Skulptur aus Abfallmaterial und Hausstaub des Belgiers Peter Buggenhout sein. Wer „The Blind Leading the Blind # 26“ das erste Mal sieht, meint, nur Dreck und Stahl zu erkennen. Doch deren Schönheit offenbare sich erst beim zweiten, dritten oder vierten Blick, darauf besteht Bronner. „Bouggenhout schafft es, was per se hässlich ist, schön zu machen. Schauen Sie, das ist doch korallenartig“, und zeigt auf den eigens hingeklebten dicken Staub auf den feinen Verästelungen der meteoritenartigen Skulptur. Auf kunsthistorische Überhöhungen, Bouggenhout spiele auf Dantes „Inferno“ an, kann Gil Bronner indes gut verzichten. Er genießt lieber das Staunen des Besuchers.

Der impulsive Sammler kauft aus dem Bauch, was er für „relevant und nachhaltig“ hält. Er will Kitsch vermeiden und nicht allen Trends hinterherlaufen. Von einem gehypten Künstler, etwa dem Brasilianer Christian Rosa, für den schon 30 000 Euro verlangt werden, lässt er die Finger.

Matthias Bitzer hingegen ist Bonners erklärter Lieblingskünstler. „Sowohl sein malerisches als auch sein bildhauerisches Werk werden auf einer schlüssigen Art und Weise miteinander vereint. Seine Formensprache erinnert an die Kunst der 1920er-Jahre, ist aber dennoch vollkommen zeitgenössisch. Seine Arbeit befriedigt mich auf einer intellektuellen und ästhetischen Ebene und wird nie langweilig.“

Die Skulptur ist einer der Hingucker in der Schau „Juckreiz“

Foto: dpa

600 Gäste strömten zur Eröffnung von Düsseldorfs vierten Privatmuseum (Stoschek, Kai 10, Kunstraum Dahmen). So mancher Besucher vermisste hinter vorgehaltener Hand den roten Faden der Sammlung. Iris Kadel, die Gründerin der Galerie Kadel & Willborn, vertritt u.a Bitzer und Shannon Bool. Kadel kennt viele Privatsammler, sie sieht das anders: „Gil Bronner zeigt, wie man mit großer Leidenschaft, fernab des üblichen Mainstreams, eine großartige Sammlung aufbauen kann. Das ist auf diesem Niveau tatsächlich einzig‧artig, authentisch und vor allem sehr beeindruckend.“

Lässiger Umgang

Gil Bronner hat kein fest umrissenes Budget für seine Leidenschaft. Er kauft nach Kassenlage und sehr spontan. Er sucht den Kontakt zu Künstlern, verkehrt in Künstlerkneipen. Er lässt sich ansprechen. Künstlerinnen und Künstler müssen nicht vorsprechen. Lässig ist auch Bronners Outfit. Die Shorts sind signalorange, dazu trägt der Geschäftsmann Turnschuhe und ein Shirt. Was uneitel wirkt, ist genau kalkuliert. Alles, nur kein Anzugsfuzzi sein, dann lieber gemusterte Pullover tragen wie in den 1960ern. Zurzeit mag Bronner Prada und Dior.

Englisch spricht der den Künsten ergebene Unternehmer wie ein Native Speaker. Der Grund: Gil Bronner hat die britische Armeeschule in Rheindahlen besucht, BWL studiert und danach in Kanada gearbeitet. Mit den kunstsammelnden Eltern zog er früh schon über Messen. Nur als Jugendlicher interessierte er sich eher für Musik als für Kunst. „Ich war Sänger in einer Band u. a. mit Andreas Gassen (Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung) und Schlagzeuger Kuddel (später Gitarrist bei den Toten Hosen). Eigentlich wollten wir Rockmusik machen, aber durch meinen Gesang wurde es zu Punk.“

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So begeisterungsfähig Gil Bronner ist, so grantig kann er werden, wenn sein Engagement für junge Kunst und den Standort nicht gewürdigt wird. Ungläubiges Staunen hat er übrig für den bis weit in den Herbst ausgebuchten Kalender von Kulturministerin Christina Kampmann (SPD). Deren Stab beschied Bronners Angebot, die Ministerin persönlich durch das neue Haus und die Sammlung zu führen, ablehnend. Da fühlte sich der Ermöglicher wie ein Bittsteller.

Kunstsammeln ist gleichwohl so sehr zum Lebenselixier geworden, dass Gil Bronner eine zweite Kunstsammlung aufbaut. Zusammen mit seinem Freund, dem Immobilienentwickler Steffen Hildebrand, der die private Kunsthalle G2 auf einem Betonbunker in Leipzig betreibt. Doppelt hält besser.

Sammlung Philara Birkenstraße 47, 40233 Düsseldorf, www.philara.de
Anmeldung erforderlich: fuehrungen@philara.de
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