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Fotokünstler Thomas Struth„Die Gier in der Welt nimmt zu“

Thomas Struth ist einer der erfolgreichsten Fotokünstler seiner Generation. Im Interview spricht er über das Heilsversprechen der Technikindustrie, das Handgemachte an Raumfähren und seine neueste Installation für Siemens.Susanne Schreiber, Christian Rickens 24.06.2016 - 14:14 Uhr Artikel anhören

Thomas Struth vor der Installation „Coordinates – A Curated Siemens History“ im Foyer des Palais Ludwig Ferdinand: „Das Explosionsartige wäre verloren gegangen, hätte ich versucht, die Firma in nur einer großformatigen Arbeit zu beurteilen.“

Foto: Erich Hochmayer/Siemens AG

Berlin. Das Aufbauteam wuselt noch eifrig in den Ausstellungshallen umher, bringt großformatige Fotos an und schraubt Leuchten ein. Der Künstler Thomas Struth empfängt uns kurz vor der Eröffnung seiner Ausstellung in einem nüchternen Besprechungsraum des Martin-Gropius-Baus. Hochkonzentriert steht der Fotograf aus der berühmten Becher-Schule Rede und Antwort. Erst als wir auf sein jüngstes Projekt zu sprechen kommen, zückt er sein Handy und zeigt uns begeistert Bilder aus dem riesigen Siemens-Archiv.

Herr Struth, Ihre Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau nennt sich „Nature and Politics“. Was ist das Politische an den hier gezeigten Fotografien?
Zum Fotografieren braucht man einen Grund. Mich motiviert, was als Zeitgenosse um mich herum passiert. Ich glaube, dass die Besessenheit nach Technik, der Glaube an sie und ihrem nahezu alleinigen Heilsversprechen zunimmt. Ich habe nichts gegen technologische Entwicklung, aber das ist absurd. Gier, Eitelkeit und Nationalismus werden stärker, die Durchbrüche im Politischen weniger. Dabei wären es gerade die Fortschritte im Sozialen, in der Art, wie wir miteinander leben und umgehen, die wahren Fortschritt bräuchten.

Die Natur zeigen Sie in einem Freizeitpark als künstlich angelegt oder von Megacitys bedrängt. Wie haben Sie die Politik in den Blick genommen?
2008 habe ich einen Workshop gegeben am Atlantic Centre for the Arts, in Florida, eine Stunde nördlich von Cape Canaveral. Am Ende meines Aufenthalts habe ich dort bei der Nasa zunächst die allgemeine Besucherführung mitgemacht, die einen verblüffenden Eindruck auf mich hinterließ. An die Berichte über die Mondlandung habe ich noch persönliche Erinnerungen. Bei der Führung wurde mir dann stärker bewusst, wie sehr das Apollo-Programm eine Kampfansage war, eine Triumphgeste, mit der sich die USA ihrer eigenen Größe versichern und ihre Dominanz behaupten wollten.

Sie führen den Betrachter an Orte, an die er nicht gelangen kann. Wie bekamen Sie schließlich vier Tage Zutritt zum Innersten von Cape Canaveral?
Zuerst versuchte es meine New Yorker Galeristin, aber dann gab mir ein Freund in London den Namen eines Mannes, der sich bei der Nasa um mein Anliegen gekümmert hat und der auch die Kunstsammlung betreut.

Sie durften die Reparatur der Hitzekacheln des Spaceshuttles fotografieren …
… aber was dabei herauskam, war etwas anderes, als ich mir vorgestellt hatte. Denn das politische Denken in Blöcken in den 1960er-Jahren, der Dominanzgestus und der Wettstreit um die Vorherrschaft, all das lässt sich an den Hitzekacheln, dem Spaceshuttle als solches nicht darstellen.

Was haben Sie dargestellt?
Vielleicht eine subtilere, andere Behandlung des Themas. Das Heilsversprechen durch Technik funktioniert nur durch Idealisierung, durch Überhöhung. Wenn Sie aber unter dem Spaceshuttle stehen, sehen Sie: Alle Kacheln sind handgemachte Einzelstücke genauso wie alles andere an der Raumfähre. Endeavour ist wie ein Prototyp und wirkt eher verletzlich.

Die Bohrinsel „Semi Submersible Rig“ von Thomas Struth.

Foto: Kunstsammlung NRW

Ist das desillusionierend?
Das macht es menschlicher. Man spürt, wie mühsam solch ein Unterfangen ist. Dass es nie perfekt ist. Der Gestus, die Propaganda macht das Individuum klein, weil die Versprechungen so groß sind. Aber es sind Menschen, die diese Kacheln formen, und wir sind nicht perfekt.

Sie haben dann noch weitere Orte der Großtechnologie fotografiert. Bei Ihren Fotos aus dem Max Planck Institut für Plasmaphysik in Garching ist eine kühle Distanz spürbar, aber auch ein Blick für die Ästhetik golden schimmernder Reaktorwände.
Das Detail des „Stellarator Wendelstein 7-X“ ist für mich wie ein Gehirnabdruck. Die Gedankenwelt der Wissenschaftler schlägt sich hier gewissermaßen skulptural nieder.

Man erkennt auf dem Foto zwei fast symmetrisch liegende blaue Handschuhe. Durften, wollten Sie Ihre Bilder inszenieren?
In Cape Canaveral durfte ich nichts anfassen. Offiziell durfte ich noch nicht einmal ein Kabel auf dem Boden zur Seite schieben – verständlicherweise –, aber die Mitarbeiter halfen dann doch ohne Umstände. Ich gehe aus von dem, was ich vorfinde, und verändere meistens nichts. Über einen längeren Zeitraum gilt es dann hinterher, die Resultate zu bewerten, was sich inhaltlich, bildnerisch, von der Komposition her hält.

Die Schönheit einer Anlage, in der 100 Millionen Grad heiße Plasmen erzeugt werden: „Tokamak Asdex Upgrade Interior 1, Max Planck IPP, Garching“ (2010) von Thomas Struth.

Foto: Kunstsammlung NRW
Thomas Struth – zur Person
Seine Vita
Seine Ausstellung

Sie haben bei Ihren Besuchen in Großforschungseinrichtungen Vertreter der Wissenschaftselite kennen gelernt, in den von ihnen fotografierten Industrieanlagen die der Wirtschaft. Wie unterscheidet sich beider Habitus von dem eines Künstlers?
Menschen, die in der Produktion arbeiten, unterscheiden sich eigentlich von denen, die forschen. Industrielle Produktion folgt planmäßigen Abläufen mit genau vorhersagbaren, möglichst gleichmäßigen Ergebnissen. Forscher experimentieren, sie kennen den Ausgang eines Projekts genauso wenig wie ich als Künstler. Ich hatte den Eindruck: Da gibt es eine gewisse Verwandtschaft.

In der Ausstellung variieren Ihre Fotos zu einem Themenbereich im Format. Erstellen Sie von einem Motiv Abzüge in verschiedenen Abmessungen?
Das Motiv gibt die Größe vor. Dieses Format gibt es nur einmal als Zehnerauflage und seit einiger Zeit nur noch in einer Auflage von sechs Exemplaren. Dass manche Bilder kleiner ausfallen als andere, hat einen einfachen Grund: Ich vergrößere nicht über 1:1, die Objekte sind auf den Bildern niemals größer zu sehen als in der Realität.

Ihre Fotografenkollegen sind da weniger pingelig. Die sehen das Geschäft und bedienen den Markt mit schwer zu überschauenden Größenvarianten eines einzigen Motivs.
Die Auflagen sind natürlich Handelsware, davon lebe ich. Aber es gibt Grenzen. Ich bin oft gefragt worden, die Museumsserie ...

... eine berühmte Serie großformatiger Fotos, die Menschen in Museen beim Betrachten von Gemälden zeigt ...
... genau. Ich bin oft gefragt worden, sie kleiner aufzulegen. Das mache ich aber nicht.

Gier und Eitelkeit in der Welt nehmen zu, sagten Sie eingangs. Klingt, als würden Sie über den Kunstmarkt sprechen.
Es klingt zwar wie eine Plattitüde, wenn man älter wird und sagt: Früher war es besser. Die Kunstwelt war aber tatsächlich anders, als ich studiert habe. Zu einer Eröffnung in der Galerie von Konrad Fischer in Düsseldorf kamen damals vielleicht 30 Leute. Heutzutage gibt es zu viele Künstler, zu viele Galerien, Kunst wird missbraucht. Da ist es schwierig, Qualität auszumachen. Kategorien der Bewertung verlieren an Boden. Aber was hat noch allgemeine Geltung, nicht nur rein persönliche Motivation, die langweilt, wenn sie nichts Übergreifendes will?

Woran arbeiten Sie gerade?
Ich habe gerade eine Installation für die Siemens Hauptverwaltung in München gemacht. Mit Hilfe von Archivaren und Experten bei Siemens habe ich rund 60 historische Bilder aus dem Firmenarchiv ausgewählt, die gemeinsam mit Werken von mir in einer Petersburger Hängung installiert sind.

Sie fürchten, dass Ihre Bilder von der Hochtechnologie als Glorifizierung aufgefasst werden könnten. Dann bittet Sie Siemens um einen Auftrag für seine Hauptverwaltung. Liegt da nicht ein großes Missverständnis vor?
Vor fünf Jahren hat mal ein mexikanischer Unternehmer angefragt. Der hatte meine Aufnahme einer Bohrinsel in Korea gesehen und dann gefragt, ob ich nicht auch seine fotografieren würde. So nach dem Motto: Fotografier’ mal meinen Hund. Das habe ich abgelehnt.

Aber für Siemens, Deutschlands Technologiekonzern Nummer eins, machen Sie Auftragskunst?
Das Projekt hat mich als Künstler fasziniert. Mit dem Siemens-Bildarchiv habe ich mich lange auseinandergesetzt und dann als Kurator agiert. Ich habe eben gerade kein Einzelwerk spektakulär an die Wand gehängt. Diese große Firma interessiert mich auch menschlich, sie hat ja auch eine vielfältige Energie.

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Sie haben Familienbilder ausgewählt, solche von Produktionsstätten und Eisenbahnwagen, aber auch von Zwangsarbeitern und ein Foto vom ersten Dynamo.
Die Bilder aus der Geschichte des Unternehmens gaben mir den Anreiz für eine andere Art von Installation. Diese hängt im gerade sanierten Altbau von Siemens im Foyer am Wittelsbacherplatz …

... ja, den kennen wir beim Handelsblatt besonders gut.
Wer das Foyer betritt, soll durch die vielen historischen Assoziationen, die die Bilder auslösen, überraschende Einblicke erleben: wie komplex die Schauplätze sind und was die jeweiligen Mitarbeiter alles investiert haben. Dieses Explosionsartige wäre verloren gegangen, hätte ich versucht, die Firma in nur einer großformatigen Arbeit zu beurteilen.

Herr Struth, vielen Dank für das Interview.

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