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Sammlung Uli Sigg Wie nord- und südkoreanische Künstler die Welt sehen

Eine bemerkenswerte Privatsammlung erschließt den Besuchern zeitgenössische Kunst aus Nord- und Südkorea. Gesammelt hat sie der weitsichtige Geschäftsmann Uli Sigg aus der Schweiz.
20.06.2021 - 08:26 Uhr Kommentieren
Ein Historienbild, das die nordkoreanische Herrscherfamilie im Stil des Sozialistischen Realismus verherrlicht. Quelle: Sigg Collection, Mauensee
Pak Yong Chol „The Missiles“

Ein Historienbild, das die nordkoreanische Herrscherfamilie im Stil des Sozialistischen Realismus verherrlicht.

(Foto: Sigg Collection, Mauensee)

Bern Seit Hongkong stark unter dem Einfluss von Festlandchina steht, gewinnt Seoul an Bedeutung für den Kunstmarkt. Die Frieze will in Südkoreas boomender Hauptstadt 2022 ihre erste Messe abhalten. Der Galerist Johann König aus Berlin hat dort vor Kurzem nach London seine zweite Dependance eröffnet. Die Großgalerien Pace und Perrotin machen hier schon länger Geschäfte mit globaler Kunst. Ab Herbst 2021 rückt auch die in Salzburg, Paris und London agierende Galerie Ropac ihren Sammlern im asiatisch-pazifischen Raum näher.

Der Kunstsammler Uli Sigg aber war schon lange vorher in Korea. Ab den 1980er-Jahren hatte der Schweizer Geschäftsmann in Nordkorea zu tun. Er war zunächst im Auftrag der Aufzugsfirma Schindler nach China gekommen und nach Geschäftserfolgen mit chinesischen Unternehmen auch zum Schweizer Botschafter für China und für Nordkorea ernannt.

So konnte der Privatmann, der als Erster die Kunst der Gegenwart aus China systematisch sammelte, in beiden koreanischen Teilstaaten unterwegs sein. „Ich war fasziniert von der gegenseitigen Unkenntnis und dem Unverständnis dem anderen gegenüber,“ erzählt Uli Sigg.

Mit der ihm eigenen Neugier und Offenheit für höchst unterschiedliche Kunststile erwarb Sigg auch Kunst aus Nord- und Südkorea. In beiden Ländern ermöglicht ihm die Kunst – wie in China - das Verständnis komplexer Sachverhalte. Diese einmalige Sammlung breitet das Kunstmuseum Bern jetzt in der bemerkenswerten, gut besuchten Ausstellung „Grenzgänge“ in der Hodlerstraße aus.

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    Seit 1953 ist die koreanische Halbinsel getrennt. Im kommunistischen Norden entwirft Propagandamalerei eine Welt, wie sie sein soll. Dabei verherrlichen Malereikollektive einerseits drei Generationen der Machthaber aus der Familie Kim und andererseits glücklich schuftende Arbeiter oder Soldaten. Diese Historienbilder seien noch emotionaler als die aus China oder Russland, hat Uli Sigg beobachtet.

    Rot drückt für den Künstler den Schmerz aus. Quelle: Sigg Collection, Mauensee
    Sea Hyun Lee „Between Red 33“

    Rot drückt für den Künstler den Schmerz aus.

    (Foto: Sigg Collection, Mauensee)

    Im prosperierenden Süden hingegen ist die Kunst frei, kritisch und medial up to date. Doch die Kunstschaffenden sind im Westen weitgehend unbekannt. Und haben im eigenen Land einen schweren Stand.

    Der Großsammler aus dem Kanton Luzern sammelt Kunstwerke, die Politik reflektieren und „sich mit dem Thema der Teilung beschäftigen.“ Und so sucht man global gehandelte Künstlernamen wie Nam June Paik, Lee Ufan, Lee Bul, Seo, Do-Ho Su und Haegue Yang vergebens in seiner Sammlung.

    75 teilweise riesige Arbeiten sind nach Themen geordnet, nicht nach Nationen. Der Sozialistische Realismus erzeugt mit Pathos und Komposition im westlich geschulten Betrachter zunächst einen Abwehrreflex. Und vielleicht sogar ein Überlegenheitsgefühl; schließlich instrumentalisieren wir Kunst nicht mehr für die Verehrung unserer Staatsführer.

    Kuratorin Kathleen Bühler aber vermeidet „die imperiale Haltung“. Und führt zu Recht einen erhellenden Vergleich an. Bei uns ist es die Werbung, die Menschen zeigt, wie sie sein sollen, gut gelaunt und bestens situiert. Emotional packend wird da sogar noch ein ins Glas gezapftes Bier gefilmt als sei es schäumendes Wildwasser und künde von Freiheit.

    Das Bild suggeriert eine verheißungsvolle Zukunft. Quelle: The Sigg Collection, Mauensee
    Guang Tingbo „Hua Guofeng in North Korea“

    Das Bild suggeriert eine verheißungsvolle Zukunft.

    (Foto: The Sigg Collection, Mauensee)

    Mühelos entdecken Betrachter in nordkoreanischen Historienbildern im Cinematoskop-Format Anleihen aus unserem Kulturkreis: sei es aus der christlichen Ikonographie der Trauernden, sei es aus Arbeiterbildern wie dem „Eisenwalzwerk“ von Adolph Menzel. Die „Grenzgänge“ sind ein inspirierender Lehrgang in Sachen verdeckter Vorurteile.

    Während die Malerkollektive Nordkoreas Staatssystem mit süßen Farben verklären, reflektieren die von Sigg angekauften Kunstschaffenden aus dem Süden die gemeinsame Geschichte. Sun Choi stellt die Relikte einer Performance aus.

    Auf der einen Hälfte von Chois langen Leinwand „Butterflies“ sind blaue kristalline Gebilde zu sehen. Sie entstanden, als Passanten Tintenflecken nur mit ihrem Atem verblasen hatten. Die andere Hälfte musste weiß bleiben, weil Sun diese Aktion nicht in Nordkorea wiederholen durfte.

    Die südkoreanische Künstlerin Kyungah Ham lässt ihre Bildmotive im Norden sticken, wo dieses Kunsthandwerk Tradition hat. Die Übergabe muss wie in einem Agentenfilm organisiert werden. Nicht nur weil es ein unerwünschtes Gemeinschaftsprojekt ist, sondern auch, weil die Künstlerin auf verhassten Motiven besteht: einem Kronleuchter oder Rauchpilzen von Atombomben.

    Rot ist die Farbe des Nordens

    Rot ist die nationale Farbe des Nordens, blau die des Südens. Von dort stammt Sea Hyun Lee. Der Maler erlaubt sich beeindruckende Landschaftspanoramen vom Grenzfluss samt Gebirgszügen zu malen. Vogelperspektiven ausschließlich in Rottönen. Das missverstanden seine Landsleute als Lobpreis des kommunistischen Teils von Korea. Doch für Lee steht die „Between Red“-Serie für das „Bewusstsein von Angst und Schrecken“.

    Aus Keramikteilen und Gold wird wieder ein Ganzes. Quelle: The Sigg Collection, Mauensee
    Yee Sookyung „Tanslated Vases“

    Aus Keramikteilen und Gold wird wieder ein Ganzes.

    (Foto: The Sigg Collection, Mauensee)

    Sigg gilt als der beste Kenner chinesischer Gegenwartskunst. Den Löwenanteil seiner immensen Sammlung hat er 2012 dem Museum M+ in Hongkong geschenkt und zu einem kleinen Teil verkauft. Der von Herzog & de Meuron entworfene Neubau für das M + soll Ende 2021 eröffnet werden. Noch ist unklar, ob Kunst von Dissidenten wie Ai Weiwei überhaupt ausgestellt werden darf.

    Sigg wäre nicht vertraut mit dem konfuzianischen Denken in Gegensätzen, wenn er nicht auch chinesische Künstler mit Korea-Bezug in seine Korea-Ausstellung integriert hätte. Wang Guofeng aus Peking hat sich einen Namen gemacht mit Aufnahmen symbolischer sozialistischer Architektur. Der Chinese durfte erst nach jahrelangen Anträgen mit seinem Team nach Nordkorea reisen.

    Dort entstanden Fotos von Großveranstaltungen, bei denen der einzelne Nordkoreaner zum Pixel des Spektakels wird. Wang schuf aber auch eine Videodokumentation seiner Recherchen. Diese Filme erzählen beiläufig von seiner Überwachung durch den Staatssicherheitsdienst, von der Gefügigkeit der Passanten, denen befohlen wird, aus dem Bild zu gehen, und der grauen Freudlosigkeit des Volks, dem jede Individualität untersagt ist.

    So klein Wangs Bildschirme, so groß die Anziehungskraft dieses stillen Werks. Hier bleiben die Museumsbesucher regelmäßig „hängen“.

    Während also die von China aus gelenkten Behörden in Hongkong offenlassen, wie sie mit kritischer Kunst umgehen werden, liebäugelt auch Pjöngjang mit einem Museum für Uli Sigg. Das suggeriert zumindest eine Museumsskizze im Katalog. Siggs stoische Antwort: „Das lässt sich nicht ausschließen.“ Und wiegelt ab: Der Anspruch seiner Korea-Sammlung sei doch anekdotisch, nicht repräsentativ wie in China.

    Mehr: Kunst in Asien: Auf Chinas Kunstmarkt gibt es viel Kapital - aber wenig Vertrauen

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