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SchmuckDas Erbstück des letzten Kaisers

Die Auktion von Sammlerobjekten wie Diamanten und Uhren entwickelt sich zu einem einträglichen Geschäft. Nächste Woche versteigert Sotheby's in Genf ein preußisches Kronjuwel.Peter Brors, Tanja Kewes 13.05.2012 - 15:32 Uhr Quelle: Handelsblatt ePaperArtikel anhören

Der „Beau Sancy“ gilt unter Historikern als bedeutendster Diamant, der je bei einem der großen Auktionshäuser eingeliefert wurde.

Foto: AFP

Genf/Potsdam. „Sans Souci“, „ohne Sorge“, lautet der Sinnspruch, der - gemäß dem Geist der Zeit in französischer Sprache - am Potsdamer Sommerschloss Friedrich II. prangt. Der aufklärerisch gesinnte König suchte hier, inmitten ausgedehnter Parkanlagen, Zuflucht vor Kriegen und den Staatsgeschäften.

Fast drei Jahrhunderte später drücken im Hause Preußen nicht mehr blutige Schlachten und mühsames Regieren aufs Gemüt, sondern allenfalls ganz bürgerlich-materielle Nöte. Womöglich ist das der entscheidende Grund, weshalb nächste Woche, am 15. Mai, in Genf ein Diamant versteigert wird, in dessen Schliff sich wie in keinem zweiten Edelstein die Geschichte des europäischen Hochadels spiegelt.

Der „Beau Sancy“ ist 34,98 Karat schwer (das entspricht 6,996 Gramm), 22,78 Millimeter hoch und 19,58 Millimeter breit. Seine Geschichte lässt sich nahezu lückenlos bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Der Diamant ist ein Erbstück des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., dessen Urenkel Georg Friedrich Prinz von Preußen ihn nun verkaufen lässt.

Das Auktionshaus Sotheby's taxiert das Kronjuwel, das ursprünglich in Indien gefunden wurde, auf 1,5 bis drei Millionen Euro. Aber mehr noch als den materiellen Wert schätzt Philipp Herzog von Württemberg den in Tropfenform geschliffenen Stein wegen seiner „faszinierenden Historie“. Der Europa-Chef von Sotheby's sagt: „Diesen Stein können Sie nicht nur nach Karat und Reinheit bemessen. Sie müssen seine Geschichte sehen. Der Diamant ist Zeitzeuge von 400 Jahren europäischer Geschichte der Königshäuser in Frankreich und Großbritannien, von Oranien und Preußen.“

Nun könnte der Leser an dieser Stelle womöglich kurz innehalten und daran denken, dass der Herzog vielleicht ein bisschen besonders ins Schwärmen geraten ist, weil er natürlich die Fantasie interessierter Käufer anregen und so für einen möglichst hohen Preis sorgen möchte.

Der Wert des Edelsteins wird auf 1,5 bis drei Millionen Euro taxiert.

Foto: Reuters

Tatsächlich aber gilt der „Beau Sancy“ unter Historikern als der bedeutendste Edelstein, der je bei einem der international agierenden Auktionshäuser eingeliefert wurde. Und der wird nun im großen Saal des Genfer Luxushotels Beau Rivage versteigert. Es wird dort nächsten Dienstag wohl keinen einzigen freien Platz geben. Dazu werden bis zu 100 Bieter an den Telefonen erwartet, die anonym an dem Preistreiben teilhaben werden.

Und so erfährt der Auktionsmarkt für Diamanten, Ringe, Uhren und Briefmarken aktuell eine veritable Sonderkonjunktur. In den unruhigen Zeiten der globalen Schulden- und Finanzkrise besinnen sich viele Investoren wieder auf beständige Werte. Sotheby's macht allein mit der Versteigerung von Schmuck 400 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Tendenz: steigend.

„Sammlergegenstände sind zu einem ernsthaften Mittel geworden, seine Investitionen zu diversifizieren und das Risiko zu streuen“, lässt sich Jim Halperin von den „Heritage Auction Galleries“ in New York zitieren.

Es ist bereits die zweite aufsehenerregende Versteigerung von Schmuck binnen sechs Monaten. Im November gelangte das Geschmeide der 2011 verstorbenen Schauspielerin Elizabeth Taylor zum Verkauf, darunter die Peregrina, die berühmteste Perle der Welt. Im 16. Jahrhundert vor der Küste Panamas gefunden, ging sie bald in den Besitz der spanischen Krone über, ehe Richard Burton die Perle 1969 für seine damalige Geliebte erwarb. Taylors Pilgerin wurde dann im vergangenen Jahr auf bis zu drei Millionen Dollar geschätzt. Verkauft wurde die Riesenperle schließlich für 11,8 Millionen Dollar. Die gesamte Auktion von Christie's in New York mit Perlen, Ringen und Colliers aus Smaragden und Rubinen erbrachte 137 Millionen Dollar.

Das Auktionshaus erwartet ein mindestens zehnminütiges Bietergefecht um den Diamanten.

Foto: AFP

Sollte der „Beau Sancy“ nächste Woche einen ähnlichen Preis erzielen wie die Peregrina, wäre Auktionator von Württemberg wohl nicht unzufrieden. Der Sotheby's-Manager ist gerade im Umgang mit Schätzen des Hochadels ein sehr erfahrener Mann. 2005 versteigerte er Kunst und Hausrat, darunter Bilder, Ritterrüstungen und Porzellan, der Welfen auf der Marienburg bei Hannover. 41,7 Millionen Euro kamen damals an mehreren Auktionstagen zusammen. Für den „Beau Sancy“, der in den vergangenen Jahrzehnten zumeist eine Existenz in Banktresoren gefristet hat, rechnet er mit einem relativ langen Bietergefecht von bis zu zehn Minuten.

Und in dem Moment, wo er das sagt, spürt man seine Vorfreude, blitzen seine Augen. Vor dem kleinen Konferenzraum in einem Seitentrakt des Hotels Beau Rivage hat sich jetzt ein halbes Dutzend Sicherheitskräfte postiert. Der Herzog hat sich ein Paar weiße Handschuhe angezogen und öffnet behutsam eine purpurfarbene Schatulle. Und dann liegt er da, in seiner wattierten Hand: der „Beau Sancy“, den schon Maria von Medici bei ihrer Krönung am 13. Mai 1610 trug. Der nach dem Tod ihres Mannes, Henry IV., in den Besitz von Oranien-Nassau gelangte, eher er 1702 von Preußens erstem König Friedrich I. gekauft wurde.

Der Mann hinter der königlichen Auktion ist selbst eine wahrhaft aristokratische Erscheinung: elegant, gern in einem blauen Zweireiher gekleidet, groß gewachsen und leicht ergraut, ausgebildet in Kunstgeschichte und mit reichlich Charme ausgestattet. Bildung und Ausstrahlung wird der Herzog bei der Auktion weithin nutzen, dabei mit den weiblichen Kunden gern auch ein wenig flirten.

Meist auf einem kanzelähnlichen Holzpodest stehend, nimmt er bei der Auktion die Gebote entgegen, schnellt bei jedem wie ein Habicht aus seinem Horst nach vorn, lehnt sich über das Pult, zieht die Augenbrauen heftig nach oben, die Beute fest im Visier, den Hammer in der Hand. Von Württemberg sagt: „Eine Auktion ist Marktwirtschaft pur. Nirgendwo entwickeln sich die Preise so transparent, und dabei wird ja niemand gezwungen mitzumachen.“ Einerseits.

Andererseits aber hat der Herzog vor der Versteigerung bereits tüchtig ins Marketing investiert, um der Marktwirtschaft gegebenenfalls ein wenig auf die Sprünge zu helfen. So hat der Diamant in den Wochen vor der Auktion eine echte Roadshow hinter sich gebracht: Hongkong, New York, London und Paris - an all diesen Orten wurde er mit Glanz und einer gewissen Glorie gezeigt.

Parallel dazu hat von Württemberg Abendessen für interessierte Kunden organisiert, um schon vor der Auktion die Vorzüge des Steins in kleiner Runde zu preisen. Nach St. Moritz etwa hatte er im März zehn Paare zu einem opulenten Dinner samt Inaugenscheinnahme des Diamanten eingeladen, alles langjährige und solvente Sotheby's-Kunden.

Der Herzog hält derart ausgegebenes Geld für eine gute Investition. Tatsächlich wissen wird er dies aber erst, wenn der Stein veräußert ist. Vom Käufer bekommt Sotheby's dann zwölf Prozent des Auktionspreises, die Verkäuferkommission ist vertragsabhängig und kann ebenfalls bis zu zwölf Prozent betragen.

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Dass der Stein nicht in Berlin oder Potsdam, also an historischer Stätte versteigert wird, sondern in Genf, ist ebenfalls betriebswirtschaftlichen Überlegungen geschuldet. Der Herzog sagt: „Natürlich würde ich mich freuen, wenn der Diamant bei einem Käufer in Deutschland bleiben würde, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich.“ Was er nicht offen ausspricht, dass hier an den Gestaden des gleichnamigen Sees, das Massiv des Mont Blanc im Blick, besonders viele finanzkräftige Araber leben, die womöglich ein gesteigertes Interesse an einer Investition in königliche Kulturgeschichte haben könnten.

Dass auch Georg Friedrich von Preußen als Verkäufer in Genf anwesend sein wird, glaubt von Württemberg indes nicht. „Der Herzschmerz wäre wohl zu groß.“ Seine königliche Hoheit wird aber wohl einen Abgesandten nach Genf bitten, auch und natürlich um zu beobachten, wie viel der Stein letztlich einbringt. Dass die Preußen überhaupt verkaufen müssen, liegt wohl daran, dass der Familie, anders als der engen Verwandtschaft aus Sigmaringen mit den Zollern-Werken, eine renditeträchtige Industriebeteiligung fehlt. Oder wie es Michaela Blankart, „Leiterin der Generalverwaltung des vormals regierenden Preußischen Königshauses“, ausdrückt: „Georg Friedrich von Preußen hat als Chef des Hauses Hohenzollern auch diverse Zahlungsverpflichtungen übernommen: Beihilfen, Apanagen und Renten für Bedienstete.“ Und weiter: „Der Prinz verdient sein Geld durch seiner Hände Arbeit.“

Unter Bürgersleut würde sich das vielleicht schlicht und einfach so anhören: Der Mann geht einer geregelten Arbeit nach - als Unternehmensberater.

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