Ausstellung: Venezianische Malerei um 1500 – Blondinen bevorzugt
München. Die prächtige Lagunenstadt erlebte Anfang des 16. Jahrhunderts schwere Jahre. Pest, Einflusseinbußen und Kriege trübten die Stimmung. Die Kunst aber brachte eine Blütezeit hervor. Maler wie Giorgione, Tizian, Lorenzo Lotto oder Bernardino Licinio hauchten der Kunst der stolzen Republik Venedig unverwechselbare Noblesse und Modernität ein.
Über das Innovative dieser Periode reflektiert die Alte Pinakothek in München momentan in ihrer Ausstellung „Venezia 500“. Die Kuratoren sprechen im Untertitel von der sanften Revolution der venezianischen Malerei.
Die Kunst der Renaissance verlieh dem Menschenbild ganz allgemein Individualität. Die Venezianer aber brachten psychologische Tiefe hinein. Darstellungen wie etwa Tizians „Bildnis Giovanni Bellini“ von 1511/12 oder Paris Bordones „Juwelier mit einer Dame“ haben den repräsentativen Charakter früherer Dogenporträts abgelegt.
Der neue Habitus heißt Nachdenklichkeit. Melancholie kennzeichnet die Gesichter und die Bildstimmung. Während in Florenz klare Farben die Gemälde licht erscheinen lässt, entwickeln die Venezianer eine Harmonie aus gedämpftem Kolorit und einer delikaten Lichtsetzung. Sie lässt die Stoffe glänzen und macht die Haut der weiblichen Dekolletés umso verführerischer.
Nur selten sind die Frauenbildnisse reale Porträts. Sanft und selbstbewusst zugleich, verführerisch, anspielungsreich, bisweilen rätselhaft verkörpern sie einen Typus zwischen Ideal und Wirklichkeit. Blondinen bevorzugt. Die Schönen waren die malerische Antwort auf die gerade sehr populäre Liebeslyrik eines Petrarca.
Palma Il Vecchios „Bildnis einer Dame in blauem Kleid und Fächer“ von 1514 ist nur ein Beispiel für das in Venedig hervorgebrachte Genre der „Belle donne“, einem Wunschbild von schönen Frauen. Tizian übrigens hat seine Idealschöne gleich mehrfach in derselben Pose mit unterschiedlichen Attributen gemalt.
Venedig erneuerte die Malerei mit nie da gewesenen Bildfindungen. Die Maler verabschiedeten sich von historisierenden Bilderzählungen. Das Lyrische setzte sich auch in der Darstellung von Männern und Jünglingen durch. Kabinettstücke wie Giorgiones lockiger „Knabe mit Pfeil“ von 1505 luden mit ihren weichen Konturen und erotischen Anspielungen zu Muße und Kontemplation ein.
Humanistische Gedankenspiele statt biblischer Mythen. Giorgione, der schon früh starb, war unter ihnen zweifellos der Meister der Erfindungen. Die Münchner Schau geht nicht auf seine bahn brechenden Landschaftsvisionen ein, thematisiert stattdessen das von ihm entwickelte Schulterporträt. Dabei dreht eine von hinten ansichtige Person den Kopf über die Schulter.
Aufgrund dieser typischen Pose stellte die Kunsthistorikerin Johanna Pawis ein hauseigenes Gemälde mit Jüngling und Altem auf den Prüfstand. Recherchen zu den Dargestellten und eine Landschaftsunterzeichnung bestätigten ihre These: Das „Bildnis des Giovanni Borgherini und des Trifone Gabriele“ ist nun weltweit die zwanzigste Zuschreibung an Giorgione. Seine poetische Qualität und seine kompositorische Kühnheit sind selten übertroffen.
Malerstar Venedigs aber war Giorgiones Kompagnon und Rivale Tizian, der erfolgreichste Künstler der Stadt. Er legte den weich gezeichneten Stil Giorgiones bald ab und wechselte zu einer kraftvolleren, präsenteren Malweise. Die Leichtigkeit der „Belle donne“ war in seinem Bildnis der Isabella von Portugal nicht mehr gefragt.
Auch im Falle von Landschaftsgemälden waren Venedigs Künstler progressiv. Andreas Schumacher, Sammlungsdirektor der Alten Pinakothek, sieht in der frühen Hinwendung zur Landschaft den Traum von Arkadien und den Stolz auf die zauberhaften Regionen Veneziens gespiegelt. Die wachsende Bedeutung der Landschaft demonstriert die Ausstellung anhand der Andachtsbilder Giovanni Bellinis. Die Darstellung des Eremiten Hieronymus bot ihm die Gelegenheit, aus einer felsigen Schlucht heraus in die weite Ebene zu schauen.
Die wichtigste Innovation auf diesem Gebiet, Girogiones Gemälde „Das Gewitter“ von 1508 hat München jedoch bedauerlicherweise nicht als Leihgabe bekommen.
Venezianische Gemälde dieser Qualität sind bei Sammlern sehr gefragt. Laut der Datenbank artprice.com spielt sich nicht alles im sieben- oder gar achtstelligen Bereich ab. „Dame und Verehrer“ von Bernardino Licinio etwa, das hier als Leihgabe des Pariser Kunsthandels hängt, brachte 2012 bei Sotheby´s 362.000 Dollar (alle Erlöse inkl. Aufgeld).
Paris Bordones „Junge Dame mit Spiegel und Dienerin“ wurde 2014 im Dorotheum für 284.000 Euro verkauft. Elektrisiert ist der Markt bei Tizian. 2011 reichte Sotheby´s seine„Heilige Konversation“ für 16,8 Millionen US-Dollar weiter. Und als 2022 im Dorotheum eine Neuentdeckung der oft wiederholten „Büßenden Maria Magdalena“ vom Meister selbst auftauchte, vervierfachte sich die Taxe auf 4,8 Millionen Euro.
Nur fast ein Zehntel davon, nämlich 42.840 Euro inklusive Aufgeld erzielte Lempertz am 18. November für eine weitere Version dieses Motivs. So groß kann das Gefälle sein, wenn es sich lediglich um eine Werkstatt-Arbeit oder um eine Kopie aus dem Umkreis Tizians handelt.
„Venezia 500.Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei“, läuft bis 4.2.2023 in der Alten Pinakothek München. Katalog 39,90 Euro.