Zeitgenössische Kunst: Kraft von innen

Zürich. Das Rheinland vibriert bis heute. Neu zugezogene, ambitionierte Galerien wie Gathering aus London, LC Queisser aus Tiflis, Josey aus Norwich beweisen die ungebrochene Anziehungskraft von Köln. Düsseldorf hat sich die Pariser Galerie Petrine ausgesucht für ihre erst im April eröffnete Dependance am Rhein. In beiden Metropolen bilden Kunsthochschulen den Nachwuchs aus, geben Sammler ihre Leidenschaft an die zweite und dritte Generation weiter, sorgen große Museen und Institutionen für Orientierung. Da fühlen sich neue wie alteingesessene Galeristen wohl.
Zum 17. Mal zeigen 28 Galerien aus Köln und 20 aus Düsseldorf während des langen Wochenendes von „DC Open“ das Beste aus ihrem Programm. Vertiefung bieten zudem Shows in acht eingeladenen Projekträumen und den weltbekannten Museen. Dafür reisen allein zehn Freundeskreise von Kunstvereinen und Museen an. Bis zu 20.000 so neugierige wie spendierfreudige Sammlerinnen und Sammler ließen sich in den letzten Jahren zählen.
Los geht es am heutigen Freitag um 18 Uhr. Die bewährte rheinische Leistungsschau endet am Sonntag um 17 Uhr. Da wird geschaut, gefeiert, gekauft und in feinen Hotels gewohnt, auch darum fördert das NRW-Wirtschaftsministerium die „DC Open“ von Anfang an.
Wer das Programm durchsieht, stellt fest, dass sich das Angebot vor allem auf Bilder und Skulpturen konzentriert. Junge Positionen finden sich etwa bei Drei, Queisser (beide Köln) und Boa (basedonart gallery) in Düsseldorf. Matthias Noggler etwa befragt bei Drei auf faszinierende Weise Alte Kunst auf das hin, was sie über Stand und sozialen Raum aussagt. Es überwiegen aber bekannte, gut eingeführte Namen, die sich längst in die Kunstgeschichte eingeschrieben haben. Das gibt ein Gefühl von Sicherheit in bewegter Zeit.

Seit nicht weniger als 193 Jahren gibt es Boisserée in Köln, seit 70 Jahren handelt die Galerie mit Kunst von der Drususgasse aus, nahe beim WDR und dem Hauptbahnhof. Zum Start in die Saison zeigen die Kölner Graphik von Georg Baselitz, dazu Unikate auf Papier mit Aquarell und Tusche. Auflagenwerke wechseln für Preise von 1500 bis 76.000 Euro die Hand, für Baselitz-Unikate muss man zwischen 78.000 und 91.000 Euro aufwenden.
Die Galerie Beck & Eggeling in Düsseldorf fokussiert den Blick auf das weniger bekannte, einnehmende Werk auf Papier des Farbmagiers Gotthard Graubner. Farbschichten bringen sich da gegenseitig zum Leuchten, wollen nichts anderes sein als verführerisches Kolorit. Eine Deckfarbenarbeit von 2002 ist für 9800 Euro zu haben. Ein kleiner, dunkelroter „Farbraumkörper“ – Graubners berühmteste Erfindung – kostet dagegen 96.000 Euro.
Die Galerie Schönewald wartet in ihrer mondän-eleganten Hinterhofgalerie in Düsseldorf auf mit farbigen, oft kugeligen Skulpturen von Wilhelm Mundt. Deren Oberfläche und Kolorit dürften in Verbindung mit dem Ausstellungstitel „Seltene Erden“ bei den meisten Betrachtenden eine Flut von Assoziationen zu Geopolitik und Wirtschaft auslösen.
Debütschau für 85-Jährige
Ebenfalls in Düsseldorf überrascht die Galerie Kadel Willborn mit einer Debütschau minimalistischer, stark abstrahierter Skulpturen von Hede Bühl. Die inzwischen 85-jährige Bildhauerin hatte einst bei Joseph Beuys studiert und für ihre Skulpturen nach Köpfen und der menschlichen, geknebelten Gestalt zahllose Preise eingeheimst. Ihre Bildwerke zeichnen sich aus durch eine Kraft, die von innen kommt. „Ich sehe darin ein Spiel der Kräfte zwischen Expansion und Hemmung“, sagt die Künstlerin. „Insofern haben die Bänder, die viele der Skulpturen umschließen, auch etwas Kontrollierendes an sich. Genau an diesem Punkt hat sich mein ganzes Leben lang ein Kampf abgespielt: zwischen Verlangen und Selbstverleugnung, zwischen dem Drang, ungehindert zu handeln, und von außen auferlegten Regeln.“ Iris Kadel erwartet für Bühls Skulpturen Preise zwischen 8000 und 90.000 Euro ohne Mehrwertsteuer.

Egal, wohin es den „DC Open“-Flaneur an diesem Wochenende zieht, die Kunst verhandelt das Ideal der Freiheit. Mal ist es die Freiheit auf der formalen Ebene, mal eine neue Technik. Oder die Kombination von beidem mit einem inhaltlichen Thema. Das gilt ganz besonders für Parastou Forouhar. Ihre Arbeiten sind in der Galerie Ute Parduhn für konsumfreundliche Preise zwischen 1000 und 6000 Euro zu haben. Die in Offenbach lebende Konzeptkünstlerin webt in ihre digitalen Zeichnungen die Themenkreise Menschen- und Frauenrechte ein sowie den Ruf nach Freiheit. Und das aus leidvoller Erfahrung, wurden doch ihre oppositionellen Eltern 1998 vom iranischen Geheimdienst in Teheran hingerichtet.
Forouhars Arbeiten der Serie „Revolver“ etwa sind aus einem für die Künstlerin typischen sublimen All-over-Muster aus Polizeischutzschilden zusammengefügt. Was als Ornament erscheint, ist nicht Dekoration, sondern Erinnerung an die Opfer und Niedergeschlagenen eines Terrorregimes. In dem Siebdruck „Augen“ blicken wir in viele Seelenfenster, manche weinen und bezeugen gleichzeitig, dass das Unrecht des Staatsterrors nicht vergessen wird.
Die eingangs erwähnte Galerie Gathering hat Alex Flick, Sohn des Großsammlers Mick Flick, 2022 in London-Soho gegründet. Letztes Jahr kam eine Filiale auf Ibiza hinzu. Nun eröffnet die erste deutsches Soloschau von Stefan Brüggemann die Räume in der Kölner Roonstraße 8. Die Vertretung von Brüggemann teilt sich Gathering mit Hauser & Wirth. 2026 will der Düsseldorfer Sammler Gil Bronner dem Künstler eine Soloschau in seiner Philara Collection einrichten.
Punk-Ästhetik stößt bei dem 50-jährigen Deutsch-Mexikaner auf strengen Konzeptualismus in Marmor, etwa in der unbetitelten Tischinstallation mit dem Untertitel „Faith“. Auf den schmalen Kanten der Marmorscheiben stehen die Buchstaben für „Sex“, „Sun“ und „Faith“ geschrieben, um dem Betrachter einen Bezugsraum anzubieten. Die Preisspitze der Ausstellung liegt bei 200.000 Euro, Brüggemanns Papierarbeiten sind für 5000 Euro zu haben.
Legendäre Galerien wie Capitain, Buchholz, aber auch Kaps und die Art Cologne seien für ihn neben biografischen Reminiszenzen der Grund gewesen, Köln auszuwählen für eine Zweiggalerie, schreibt Alex Flick dem Handelsblatt auf Anfrage. „Heute fühlt die Stadt sich wie ein dynamischeres Echo des früheren Berlins an, voller Möglichkeiten und doch in der Geschichte verwurzelt.“
Wer den Galerienrundgang am Eröffnungswochenende nicht schafft, kann in der Regel die Ausstellungen bis Mitte Oktober besichtigen. Genaue Angaben liefert die Website dc-open.de/shows.





