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Bootswerft Gerhard Bicker So entstehen individuelle Segelboote in Handarbeit

Die Bootswerft Gerhard Bicker baut als eine der wenigen ihrer Art Segelyachten in Serie noch in Handarbeit. Auch die 90-jährige Großmutter packt mit an.
23.01.2020 - 10:08 Uhr Kommentieren
Der Kaufpreis für das mittlere Modell beginnt bei rund 75.000 Euro plus 16.000 Euro für den Motor. Quelle: Ben Scheurer
Boot der Werft Gerhard Bicker

Der Kaufpreis für das mittlere Modell beginnt bei rund 75.000 Euro plus 16.000 Euro für den Motor.

(Foto: Ben Scheurer)

Ahlen Ein Körper wie ein Koloss, die linke Wade wild tätowiert: Wenn der 36-jährige Sebastian Bicker in seinen Arbeitsshorts und dem olivgrünen Polohemd vor einem steht, wirkt er wie eine Mischung aus Claas Störtebecker und William Bligh. Hier der Pirat, der einen Vier-Liter-Humpen Bier oder Wein angeblich auf einen Zug austrinken konnte. Dort der Kapitän des legendären englischen Segelschiffs Bounty, der Seekarten so genau anzufertigen verstand, dass sie bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch blieben.

Beides, zulangen können und der Sinn fürs Detail, vereint der gelernte Tischler wie ein Ziseliermeister den Umgang mit Hammer und Gravierstift. „Manche schreckt das hier ab, der ganze Staub“, sagt Bicker beim Rundgang durch sein Etablissement im westfälischen Ahlen.

Doch schon nach wenigen Minuten schwinden Graues und Grobes – und Feines und Filigranes umschmeicheln das Auge des Betrachters: glänzende Edelstahlbeschläge, Planken so glatt wie Babypopos, Kajüten wie aus dem Kuschelkatalog.

Der Mittdreißiger ist zusammen mit seinem Vater Gerhard einer der letzten in Deutschland, der Segelyachten in Serie in Handarbeit baut. „Ganz ohne Chichi, bodenständig und ehrlich“, nennt Bicker sich und seinen Altvorderen, der in zweiter Generation als Chef der Gerhard Bicker Werft fungiert. Kein Schild an der Straße weist darauf hin, dass hier im Ortsteil Dolberg seit 1954 die kleine Familienfirma residiert.

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    Wenn das Navi im Auto sagt, „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, steht der Ankömmling zunächst ratlos vor einem Wohngebäude, bevor sich dahinter das Werksgelände mit vier Hallen erschließt. Allenfalls der Sattelschlepper im Hof deutet daraufhin, dass hier Größeres vom Gelände soll.

    Auch vor Jahrzehnten war bei der Bicker Werft schon Handarbeit angesagt. Quelle: Bootswerft Gerhard Bicker GmbH
    Die Anfänge

    Auch vor Jahrzehnten war bei der Bicker Werft schon Handarbeit angesagt.

    (Foto: Bootswerft Gerhard Bicker GmbH)

    Rund 650 Segelboote werden hier zu Lande produziert und etwa 750 jährlich verkauft. Doch passionierte Segler müssen auf der zurzeit in Düsseldorf laufenden Messe „Boot“ Ausschau halten, um unter den ausgestellten Modellen etwas zu finden, das den Booten der Bickers vergleichbar ist.

    Auf der einen Seite stehen die drei großen Serienhersteller Bavaria Yachtbau im bayrischen Giebelstadt, die börsennotierte HanseYachts AG im ostdeutschen Greifswald mit ihrer Tochter Dehler sowie die französische Werft Bénéteau. Bei ihnen können die Kunden in der Regel nur zwischen bestimmten Ausstattungsmodulen wählen, beim Material überwiegt glasfaserverstärkter Kunststoff, kurz: GFK. Auf der anderen Seite tummeln sich Superindividualisten, die für viel Geld Einzelboote anfertigen.

    Dazwischen werkeln ungefähr zehn Anbieter wie die Bickers. Die Westfalen sind zwar nur mit vier Grundmodellen namens Biga in Längen von 7,60 bis 10,80 Meter und Breiten von 2,50 bis 3,0 Meter auf dem Markt. Doch in dieser Form verlässt so so gut wie kein Boot die Werkstätten. Wenn er überschlage, sagt Juniorchef Bicker, komme er auf rund 180 Details, die er an den Grundmodellen auf Verlangen der Käufer bisher geändert habe.

    So bauen die Zwei gerade mit ihren zehn Mitarbeitern zum Beispiel das mittelgroße Modell Biga 270 für den Geschäftsführer eines bekannten deutschen Schreibwarenproduzenten in eine Spezialversion um. Mit ihm will er allein oder in Begleitung der Gattin über den Starnberger See kreuzen.

    Die Sonderanfertigung wird 45 Zentimeter länger als die üblichen 8,50 Meter, um neben der Kajüte Platz für ein kleines Sonnendeck zu bieten. Statt im Standard-Beige-Braun soll der Rumpf in Blau erstrahlen. Und an Stelle der üblichen 20 Zentimeter dicken Matratze aus Kaltschaum soll eine Unterlage mit Federkern für Stunden der Ruhe und Entspannung sorgen.

    Vater und Sohn führen die Werft. Quelle: Bootswerft Gerhard Bicker GmbH
    Sebastian (l.) und Gerhard Bicker

    Vater und Sohn führen die Werft.

    (Foto: Bootswerft Gerhard Bicker GmbH)

    Ein anderer Kunde wünscht gar kein Segelboot, sondern eine Motoryacht, die aussieht wie ein Wassergefährt, das üblicherweise auf Lobsterfang geht. Der 1,6 Tonnen schwere 8,60 Meter lange und 3,20 Meter breite Sonderling besitzt einen Aufbau mit Fenstern nach allen Seiten und schlägt nach Fertigstellung mit mindestens 300.000 Euro zu Buche.

    Mit einem Bruchteil wiederum darf ein Auftraggeber kalkulieren, der in der Kajüte einen klappbaren Tisch eingebaut haben möchte, um Raum für eine Staffelei zu schaffen. Die Gemahlin malt.

    „Mehr als Qualität können wir nicht bieten“, sagt Bicker junior. Ob Parkett in Ahorn- oder Kirschholz-Ausführung, ob schwarz eloxierte Metallbeschläge, die sich ein Unternehmer aus der Region ersehnt, oder Blattgoldgold in Form von Rallyestreifen an den Rumpfseiten: Claus-Ehlert Meyer, Geschäftsführer des Deutschen Boots-und Schiffsbauerverbandes, bescheinigt dem Duo aus Westfalen geradezu „Detailbesessenheit“.

    Gleichwohl gelte das Preis-/Leistungsverhältnis als „sehr gut“, meint Bootskonstrukteurin Juliane Hempel in Radolfzell am Bodensee, die in der Branche als Koryphäe gilt. Die Beträge etwa für das mittlere Modell beginnen bei rund 75.000 Euro plus 16.000 Euro für den Motor. Extras und Sonderausstattungen vom Superkiel über Spitzensegel-Equipment bis zur Warmluftheizung läppern sich schnell auf weitere 20.000 Euro zusammen. In der Spitze kommen gut und gern 170.000 Euro zusammen. Die Entwicklung eines ganz neuen Bootes kostet 100.000 Euro.

    Dafür gleiten die Kunden auf Unikaten von schierer Menschenhand übers Wasser. Selbst der Rumpf aus GFK, der bei den meisten Konkurrenten vom Fließband kommt, stammt aus mühseliger manueller Fertigung.

    Schleifen, schleifen, schleifen

    Stundenlang legen Arbeiter eine riesige eingewachste Form mit Glasfasermatten aus und tragen flüssiges Kunstharz auf, so wie Anstreicher mit Pinsel und Rolle Wände bemalen. Ist die galertartige Schicht ausgehärtet, wird der Rohling aus der Form gehoben und mit einfachen Handmaschinen geschliffen, geschliffen und nochmals geschliffen, bis auch die kleinste Unebenheit verschwunden ist und das Teil lackiert werden kann.

    Derlei Fingerspitzengefühl lassen die Bickers jedem Winkel ihrer schwimmenden Kleinode angedeihen: sei es den Planken zumeist aus (zertifiziertem) Mahagoni-Holz, bevor sie den letzten Anstrich erhalten; sei es den Schaumstoffmatratzen, die sie selbst zuschneiden; sei es dem Interieur unter Deck von der Liege bis zur Einbauküche mit Espressomaschine.

    Für die Vorhänge und die Matratzenbezüge ist sogar jemand ganz besonderes zuständig, nämlich Anni Bicker, die 90-jährige Großmutter des Juniors und Ehefrau des inzwischen verstorbenen Werftgründers Gerhard senior. Die betagte Unternehmergattin besitzt noch eine alte Singer-Maschine, mit der sie Gardinen und Bezüge näht. „Alles ehrenamtlich“, sagt sie und lächelt, „so was gibt man nicht mehr auf.“

    Verbandschef Meyer sagt, er sorge sich – durch den Trend zu Individualität – nicht um die Zukunft solcher Segelbootsbauer. Juniorchef Bicker denkt trotzdem über den Tag hinaus. „Vielleicht ändere ich mal was, wenn ich an den Drücker komme, und expandiere nach England“, sinniert er. Aber noch denkt Vater Gerhard nicht ans Aufhören.

    Mehr: Die 51. Ausgabe der weltgrößten Indoor-Wassersportmesse in Düsseldorf steht bevor. Dass sich ein Besuch lohnen kann, zeigen diese imposanten Superyachten.

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