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Nostalgie-Chic Warum wir uns nach Retro und Vintage sehnen

Bei Mode und Interior ist der Nostalgie-Trend auf seinem Höhepunkt. Und auch Technik erscheint im Retro-Design. Warum brauchen wir Nostalgie fürs Wohlbefinden?
06.12.2019 - 11:05 Uhr Kommentieren
Es sind nicht mehr nur Sammler, die den Vintagetrend und Antikmärkte für sich entdecken. (Foto: Clem Onojeghuo)
Vinyl

Es sind nicht mehr nur Sammler, die den Vintagetrend und Antikmärkte für sich entdecken.

(Foto: Clem Onojeghuo)

In einer Welt, in der sich in den vergangenen 20 Jahren Plastik, Massenmode und schnelle Wegwerfprodukte durchgesetzt haben, scheint es, als ob sich die Gesellschaft nun nach Qualität, nach Wertigkeit sehnen würde. Ob Plattenspieler, Tweed-Jacken oder handgemachte Lederaccessoires aus kleinen Manufakturen: In Mode und Lifestyle ist es ein immer wiederkehrendes Phänomen, dass man sich an alten Trends orientiert und diese neu auflegt.

Neu ist hingegen, dass es in der Mode derzeit sehr klassische Schnitte und besonders hochwertige, vintage-inspirierte Materialien sind, wie Tweed, Leder und Cord, die sich in den Männer- und Frauenkollektion von Chanel bis Ralph Lauren durchsetzen.

„In unserer schnelllebigen Zeit hageln fortwährend Eindrücke, Meinungen, neue Trends auf uns ein. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich immer mehr Menschen nach Entschleunigung und Halt sehnen und sich zurückbesinnen auf alte Werte, auf das, was auch früher schon gut funktioniert hat“, erklärt Moritz Fuchs, Initiator des „New Heritage Festivals“ in München und Düsseldorf, das sich auf Manufakturen, Handgemachtes und Vintagestücke fokussiert.

„Es gibt zum einen Firmen, die bereits seit Jahren oder Jahrhunderten bestehen und aktuell ein Revival erleben. Auf der anderen Seite entstehen neue Marken wie zum Beispiel Blaumann Jeanshosen oder Zeha Berlin, die Produkte vergangener Zeiten wieder neu aufleben lassen oder sich an althergebrachten Materialien und Produktionsweisen orientieren und so neue Produkte entwickeln“, erklärt der Experte.

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    Neben der Mode erkennt man das Revival des „Alten und Schönen“ auch besonders im Interior, wie der Hype um runde Formen zeigt. Beispiele sind hier die Kühlschränke von Smeg und Bosch. Oder der Erfolg der Lautsprecher von Marshall im Fernsprecher-Look. Oder die steigenden Besucherzahlen von Floh- und Antikmärkten.

    Kopien aus Asien sind nicht das Gleiche

    Das Festival findet am 7. und 8. Dezember 2019 zum dritten Mal in Düsseldorf statt. ( Credit: New Heritage Festival)
    Auf dem „New Heritage Festival“

    Das Festival findet am 7. und 8. Dezember 2019 zum dritten Mal in Düsseldorf statt. (Credit: New Heritage Festival)

    Ist man auf der Suche, beschäftigt man sich länger mit der Auswahl des Produkts. Denn so hochwertig wie die neuen „Heritage-Modemarken“ ihre Produktion angehen, rückt auch der Prozess der Entstehung deutlich mehr in den Vordergrund. Es geht nicht darum, günstig oder schnell hergestellte Plagiate von Vintagestücken aus dem Ausland zu importieren.

    Viel mehr ist der Nostalgie-Trend mit dem nachhaltigen Konsum und dem Kauf von zeitüberdauernden Produkten verbunden, was sich in den Köpfen der Gesellschaft zunehmend verankert: „Auch das Konsumverhalten ändert sich. Der bewusste Konsum, Nachhaltigkeit und Individualität werden immer wichtiger. Auf qualitativ hochwertige und langlebige Produkte zu setzen, ist ein Aspekt von Nachhaltigkeit – und langfristig auch günstiger als ständig Neues zu kaufen“, so Fuchs, dessen Festivalkonzept seit 2017 stetig wächst.

    Vergangenheit bedeutet Sicherheit

    Neben der optischen Komponente wirkt das Traditionelle auch auf unsere Psyche. Eine Studie aus dem Jahr 2012 im „Journal of Human Research“ ergab, dass Nostalgie tatsächlich „ein Gefühl der sozialen Verbundenheit fördert“ und unser Mitgefühl erhöht.

    Es ist leicht zu verstehen, warum die Vergangenheit in ihrer zuvor verdauten, glänzenden, zeitversetzten Form ein sichereres und beruhigenderes Gefühl vermittelt als die unsichere Gegenwart, die noch eine große Unsicherheit in Richtung der Zukunft birgt. Kate Nelson Best, Expertin für Modekultur und Autorin des Buchs „The History of Fashion Journalism“, bemerkte in diesem Zusammenhang: „Wir schauen in die Vergangenheit, um entweder dem zu widerstehen, was gerade passiert, oder um die Dinge in einem stabileren Umfeld zu verankern“.

    Auch beim Logo spielt Nostalgie eine Rolle

    Runde Formen und alteingesessene Logos, wie hier bei dem Coca-Cola-Kühlschrank, sind bei Interior-Fans in. (Foto: Alex Gorey)
    Coca-Cola

    Runde Formen und alteingesessene Logos, wie hier bei dem Coca-Cola-Kühlschrank, sind bei Interior-Fans in.

    (Foto: Alex Gorey)

    Denn Nostalgie bedeutet nicht, dass es sich um Trends aus dem früheren und mittleren 20. Jahrhundert handeln muss. Unter den Begriff „Retro“ fallen bereits Produkte, die sich an den Looks der 1980- und 1990er-Jahre orientieren.

    Marken aus allen Branchen experimentieren derzeit mit Nostalgie-Optiken und nutzen positive kulturelle Erinnerungen aus vergangenen Jahrzehnten, um Zuspruch für aktuelle Kampagnen zu gewinnen. Coca-Cola, Microsoft, Lego, Zara oder auch die Haarpflegeprodukte von Herbal Essences sind nur einige der Marken, die versuchen, in ihren Logos und Werbungen in der Zeit zurück zu reisen.

    Nostalgie in Film und Technik

    In der Film- und Fernsehwelt greift der Wunsch nach Nostalgie ebenfalls um sich. So legte Netflix beliebte Serien wie „Full House“ und „Gilmore Girls“ neu auf und erzielte damit enorme Klickzahlen. Und mit künstlerischer Absicht wurde die Optik der Serien möglichst wenig in die Neuzeit versetzt.

    Auch in der Tech-Branche gibt es einen Aufschwung der Nostalgie, zumindest wenn es um die Optik geht. Ein Beispiel ist, dass Nintendo versucht, Spieler mit einer neuen Konsole im Originallook zu begeistern.

    Oder dass die Polaroid-Kamera – inklusive digitalen Uploadfunktionen und einer neuen „Impossible“-App, versteht sich – zurück auf dem Markt ist. Oder Huji, eine App, mit der man Fotos in körnige Schnappschüsse verwandeln kann, die an eine Einwegkamera von 1999 erinnern. Sie konnte im vergangenen Jahr über 16 Millionen Downloads pro Monat verzeichnen. Intelligente Marken nutzen den Nostalgie-Trend für ihr Produktdesign – und haben damit Erfolg.

    So kam zum Beispiel Motorola zurück auf den Zeitgeist-Radar, als die beinahe schon in Vergessenheit geratene Marke bekannt gab, dass sie die Ära des Klapphandys mit ihrem einstigen Erfolgsmodell „Razr“ zurückbringen werde.

    Die Kehrseite der Nostalgie

    Interessant ist: So sehr die Retro- und Vintage-Liebhaberei eine sicherheitsvermittelnde Flucht in die Vergangenheit ermöglicht, so sehr kann dieser Effekt auch ins Gegenteil umschwenken und Leuten eine Zukunft ausmalen, die so positiv nicht eintreten kann.

    Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 aus dem Magazin „Bulletin Personality and Social Psychology“ hat die Nostalgie auch einen Einfluss auf die Zukunft: „Nostalgie fördert die soziale Verbundenheit, die später das Selbstwertgefühl erhöht und dann den Optimismus fördert“, heißt es in der Studie.

    Analoge Apparate werden neu aufgelegt: von Leica, Fujfilm und Polaroid. (Foto: Luca Bravo)
    Kameras

    Analoge Apparate werden neu aufgelegt: von Leica, Fujfilm und Polaroid.

    (Foto: Luca Bravo)

    Weiter gedacht bedeutet das, wenn Nostalgie Optimismus bedeutet, kann die imaginäre Zukunft, welche die Nostalgie vermittelt, im Kopf deutlich rosiger aussehen als die tatsächliche Gegenwart und die Zukunft. Unwahrscheinlich, dass die optimistischen Erwartungen in Gänze erfüllt werden können.

    Bis diese Zukunft aber eintritt, bleiben einem glücklicherweise die vielen schönen neuen Dinge zur Aufmunterung, die man sich im Nostalgie-Delirium gekauft hat. Und die man an die nächste Generation weitervererben kann, damit diese wieder von der guten alten Zeit, die dann Vergangenheit ist, träumen kann.

    Mehr: Wer quer durch alle Sparten sammelt, ist mit der Cologne Fine Art & Design gut bedient. Die 50. Ausgabe lässt sich vom Geist der Bauhaus-Zeit inspirieren.

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