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Filmkritik Edward SnowdenLehrjahre eines Patrioten

Seinem Land wollte Edward Snowden dienen. Doch je mehr Einblicke er in die Welt der Geheimdienste bekam, desto mehr zweifelte er. Oliver Stone hat aus der Erfahrung des jungen Agenten einen sehenswerten Film gemacht.Sönke Iwersen 22.09.2016 - 06:10 Uhr Artikel anhören

München.

Die Regeln, die Edward Snowden beim US-Geheimdienst lernt, sind einfach. Im Kampf gegen den Terror müssen die USA auf alles vorbereitet sein. Maximale Vorbereitung bedeutet maximale Überwachung. Würde die Öffentlichkeit von dieser Überwachung erfahren, wäre auch der Feind gewarnt. Also bleibt sie geheim. Die Absolutheit, mit der Snowdens Ausbilder im neuen Kinofilm von Oliver Stone seinem Schützling die Welt erklärt, lassen keine Nachfragen zu.

Eine Geschichte zu erzählen, die jeder kennt, ist keine leichte Aufgabe. Oliver Stone hat sie mit Bravour gemeistert. Der inzwischen 70-jährige Regisseur zeichnet das Bild eines jungen Patrioten, der noch keine Ahnung hat, auf was er sich mit seiner Bewerbung bei der CIA eigentlich einlässt. Anfangs voller Überzeugung an das Gute, das die USA in der Welt repräsentieren, wachsen mit jedem Schritt seine Zweifel. Neun Jahre dauert seine Reise vom Naivling zum Whistleblower. Es ist eine klassische Heldengeschichte.

Stone kennt diese Geschichte gut, er hat die selbst erlebt. Der New Yorker meldete sich 1967 zum Militärdienst. Da war er 21. Stone wollte in Vietnam kämpfen – für sein Land und gegen die kommunistische Weltbedrohung, wie er glaubte. 1968 kehrte Stone mehrfach verwundet und mit mehreren Tapferkeitsmedaillen an der Brust zurück. Er wurde zum Regierungskritiker – und zum Regisseur. Zwar dauerte es fast 20 Jahre, bis er der ganzen Welt zeigen konnte, was er vom Vietnamkrieg hielt. Aber dann nahm sie Notiz. Stones Film „Platoon“ spielte 138 Millionen Dollar ein und gewann 1987 vier Oscars. Stone war ein Star. 27 Jahre später traf er auf Snowden, und wusste sofort, dass er einen Film über ihn machen musste.

„Du kannst Patriot sein und trotzdem deine Regierung kritisieren“, lautet ein Schlüsselzitat in Stones fast zweieinhalb stündigen Werk. Es ist ein Satz, den Snowden vor gar nicht allzu langer Zeit niemals über die Lippen gebracht hätte.

Stones Film zeigt dies brillant. 2004 schreibt Snowden sich bei der US-Armee ein, in der Hoffnung, in einer Spezialeinheit im Irak kämpfen zu dürfen. Doch Snowden, im Film gespielt von Joseph Gordon-Levitt, ist mit seinem schmächtigen Körper den Torturen der Militärausbildung nicht gewachsen. Er bricht sich beide Beine und ist am Boden zerstört, als die Armee ihn ausmustert. Dann sagt ihm sein Arzt: „Es gibt viele Wege, deinem Land zu dienen.“ Noch ein Schlüsselsatz.

Er hat zwar keinen High-School-Abschluss, ist aber ein Computergenie, das einen auf fünf Stunden ausgelegten Leistungstest nach 38 Minuten mit 100 Prozent Erfolg abschließt.

Foto: AP

Snowden geht zur CIA. Er hat zwar keinen High-School-Abschluss, ist aber ein Computergenie, das einen auf fünf Stunden ausgelegten Leistungstest nach 38 Minuten mit 100 Prozent Erfolg abschließt. Snowden, gefördert und angestachelt von seinen Mentoren Corbin O’Brian (gespielt von Rhys Ifans) und Hank Forrester (Nicolas Cage) nimmt den Weg nach oben in Laufschritten.

Dann trifft er eine Frau. Die Liebesgeschichte von Snowden und Lindsay Mills (gespielt von Shailene Woodley) ist der Kern des Films. Die beiden lernen sich, wo sonst, im Internet kennen. Schon im ersten persönlichen Gespräch zeigen sich dann dramatische Unterschiede der Weltanschauung der beiden. Doch Lindsay macht es zu ihrer Mission, Edward zum Guten zu bekehren. Dabei hat sie keine Ahnung, wie dunkel die Welt ist, in der sich ihr Freund bewegt.

Auch Snowden selbst begreift nur langsam, was seine Computerprogramme wirklich bewirken. Anfangs wundert er sich nur, welche enorme Reichweite und Tiefe die Suchmaschinen der Geheimdienste haben. Dann nutzt er sie aber nebenbei selbst, um sicherzugehen, dass seine Freundin ihn nicht betrügt. Telefonanrufe, E-Mails, Chats, die Datenbanken seines Arbeitgebers sind unerschöpflich. Sogar fremde Laptopkameras können seine Kollegen einschalten, ohne dass die Besitzer es merken. Snowden schaut sich das Ganze an und sieht dabei aus wie Alice im Wunderland. Ein Kumpel gibt ihm einen Spitznamen: Schneewittchen. Blütenweiß und unschuldig.

Oliver Stone macht in seinem Film keine Kompromisse. Bis ins Detail ließ sich der Regisseur von dem echten Edward Snowden im Exil in Moskau erklären, wie die Spähprogramme der US-Geheimdienste heißen, wie sie funktionieren und was sie leisten. Teils wirkt der Film wie ein Tutorial. Aber weil der Zuschauer weiß, dass es sich hier um die Realität handelt und nicht um die nächste Fortsetzung von Mission Impossible, ziehen die Einzelheiten das Publikum nur noch mehr in ihren Bann.

Genau darauf setzt Stone. „Würden sich die Leute einen Bourne-Film ohne die Schießerei und die Autojagten ansehen?“, fragt der Regisseur im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Dieser Film spricht für sich selbst. Sicher, wir haben ein paar Dinge ausgeschmückt und ein paar Dinge vereinfacht. Aber der Film spiegelt die Realität wieder. Er ist echt.“

IT-Sicherheit

Eine Frage an Edward Snowden

Das ist das zugleich Faszinierende und Traurige an „Snowden“. PRISM, XKEYSCORE und all die anderen Spähprogramme – sie existieren tatsächlich. Im Film taucht auch US-Präsident Barack Obama mehrfach auf. Als er gewählt wird, repräsentiert Amerikas erster schwarzer Präsident für Snowden eine große Hoffnung. Es ist 2008, Snowden hat schon viel von dem Schlimmsten gesehen, wozu sein Arbeitgeber fähig ist. Obamas Slogan war „Hope and Change“ – Hoffnung und Wandel. Es war das, wonach Snowden sich inzwischen sehnte.

Doch Snowden wartete vergeblich – eine Erfahrung, die er mit seinem Regisseur gemein hat. „Obama war auch für mich eine große Enttäuschung“, sagt Stone. „Ich bin sicher, er ist kein schlechter Mensch. Aber er hat kein Rückgrat. Alles, was vorher Bush gemacht hat, hat Obama weitergemacht.“

Und so treibt Edward Snowden in Stones Film immer weiter zu auf den Punkt ohne Wiederkehr. Er kopiert streng geheime Daten. Er findet einen Weg, sie aus dem Hochsicherheitstrakt in Hawaii zu schmuggeln. Er verabschiedet sich von seiner Freundin Lindsay und fliegt nach Hongkong, wo er sich mit Journalisten treffen wird. All das erzählt Stones Film mit viel Schwung und Geschick.

Gegen Ende der Geschichte passt die ganze Dramatik von Snowdens Flucht nicht mehr in den Film hinein. Eine krasse Fehleinschätzung seiner Lage zwingt Snowden dazu, Hals über Kopf aus seinem Hotel in Hongkong zu flüchten. Als Retter erscheint plötzlich der Menschenrechtsanwalt Robert Tibbo (gespielt von Ben Chaplin). Er lotst Snowden aus dem Hotel und bringt ihn bei Asylbewerbern in Hongkong unter. Zwölf Tage lang versteckte sich der Amerikaner bei Flüchtlingen aus Sri Lanka und den Philippinen. Für dieses besondere Drama im Snowden-Drama fand der Regisseur keine Zeit.

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Wer diese Einzelheiten nicht kennt, wird sie im Film nicht vermissen. Stone ist ein großer Erzähler. Man muss kein Fan von Edward Snowden sein, um sich von seiner Geschichte mitreißen zu lassen. Dass es Stone zum Abschluss der zerstörten Karriere des Amerikaners sogar gelingt, einen zugleich überraschenden wie hoffnungsvollen Ausblick zu setzen, ist seiner Kunst als Filmemacher geschuldet. Allein diese Pointe ist das Eintrittsgeld schon wert.

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