Buchkritik: Aufruf zur politisch gesteuerten Geldschöpfung
Die Modern Monetary Theory vertauscht die herkömmlichen Rollen von Geld- und Finanzpolitik.
Foto: dpaFrankfurt. Wenn Soziologen sich mit Wirtschaft beschäftigen, stehen sie häufig unter dem Druck zu beweisen, dass ihre Wissenschaft unabhängig von der Zunft der Ökonomen einen eigenständigen Beitrag zum Verständnis dieses Bereichs leisten kann.
Zugleich geben sie sich gerne einen philosophischen Touch. Am Ende landen sie, wenn auch zuweilen erst nach einem Dickicht komplizierter Begriffe, dann meist doch wieder bei ökonomischen Theorien.
Der Wirtschaftssoziologe Aaron Sahr ist mit seinem Buch „Die monetäre Maschine“, einer „Kritik der finanziellen Vernunft“, keine Ausnahme. Er versucht, Geld neu zu definieren und landet bei der umstrittenen Modern Monetary Theory (MMT). Er vertieft sich ausgiebig in Bankbilanzen und taucht zur Erklärung des Zusammenhangs von Geld und Schulden in die Geschichte ab, wobei er auch auf den Anthropologen David Graeber verweist.
Sahr verbringt einen großen Teil seines Buchs damit, die konventionelle Auffassung von Geld als Tauschmittel als ideologisch verzerrt darzustellen. Dagegen erklärt er unermüdlich, dass Buchgeld durch Kreditvergabe von Banken entsteht und schließt sich damit Graeber an, nach dessen Auffassung die Menschen erst Schulden gemacht und dann das Geld, unter anderem zur Schuldentilgung, erfunden haben.
Allerdings ist der Vorgang der Geldschöpfung Ökonomen bisher auch nicht entgangen, wenngleich dieser Aspekt in schlechten Lehrbüchern zu kurz kommt. Außerdem ist diese Deutung kein Widerspruch zur Funktion des Gelds als Tauschmittel, beides ergänzt sich.
MMT lässt grüßen
Modernes Geld wird von Sahr also im Wesentlichen als Forderung an Banken definiert, was aus Sicht der Bank wiederum eine Verbindlichkeit ist. So funktioniert halt jedes Girokonto. Im soziologischen Text klingt das so: „Der Begriff ‚Geld‘ bezeichnet gesellschaftliche Praxen der Produktion, Distribution und Eliminierung generalisierter Gläubigerinnenpositionen.“
Die Betonung, dass Banken jederzeit Buchgeld schaffen können, passt zur MMT. Diese Theorie vertauscht die herkömmlichen Rollen von Geld- und Finanzpolitik. Danach schafft die Geldpolitik das Geld, mit dem der Staat seine Rechnungen bezahlt, während mit Steuern wieder Geld abgesaugt wird, damit es keine Inflation gibt. Für eine Unabhängigkeit der Notenbank ist dabei kein Platz. Die Anhänger von MMT sehen ihr Konzept als „kopernikanische Wende“, manche ihrer Kritiker halten es für Unsinn.
Hält man MMT und die konventionelle Auffassung – Geldpolitik als Hüterin des Geldes und Steuern als Finanzierung des Staates – nebeneinander und denkt beide konsequent zu Ende, stellt man fest, dass sie im Wesentlichen auf dasselbe hinauslaufen: Staatsschulden sind nicht per se ein Problem, aber wenn der Staat ungebremst Geld ausgibt, kommt es zur Inflation.
Denkt man beides nur halb zu Ende, dann spricht die konventionelle Auffassung eher für mehr und die MMT eher für weniger Vorsicht beim Aufblähen der Staatsverschuldung.
Aufgebaut wie ein Krimi
Sahrs Buch liest sich bis zu einem gewissen Grad wie ein Krimi: Man fragt sich die ganze Zeit, wie das alles endet, und am Schluss kommt es so aus, wie sich bereits angedeutet hat – plus einigen Überraschungen. Sahr möchte die Geldschöpfung politisch gezielt beeinflussen, vor allem durch Kreditbegrenzung, Kapitalkontrollen und gezielte Kreditprogramme für bestimmte Zwecke.
Was bisher durch Steuern und Subventionen geschieht, möchte er gleich bei der Geldschöpfung erledigen, die Steuern aber auch als Steuerungsmittel erhalten. Außerdem schlägt er vor, Schuldenstreichungen gezielt einzusetzen, auch hier nach Graeber mit Bezug auf Vorbilder im alten Mesopotamien.
Auf diese Weise möchte Sahr das Geld bewusst politisieren und damit der Macht der Banken entreißen. Die Finanzbranche schafft seiner Meinung nach zwar Reichtum für wenige, aber keinen Wohlstand für viele. Er sieht Geld als „Infrastruktur“, die ähnlich wie die Stromversorgung auch öffentlich kontrolliert sein sollte.
Wie dieses Konzept praktisch umgesetzt werden soll, erfährt der Leser jedoch nicht. Denkbar wäre natürlich, einen großen Beamtenapparat damit zu beschäftigen, Geldschöpfung, Ausgaben und Steuern synchron so zu steuern, dass dabei nicht allzu viel schiefgeht.
Kann so ein System funktionieren? Klar ist zumindest: Es wäre noch viel komplizierter und für die Bürger schwerer zu verstehen als das, was wir heute haben.