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Buchrezension Robin DiAngelos Rassismus-Bestseller geht an den Debatten in Deutschland vorbei

„Wir müssen über Rassismus sprechen“, fordert US-Autorin Robin DiAngelo. Doch ihr Buch, das nun auf Deutsch erschien, funktioniert nur mit Blick auf die USA.
23.07.2020 - 17:28 Uhr Kommentieren
DiAngelos Buch, das bereits 2018 in den USA erschien, ist noch immer brandaktuell. Quelle: action press
Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt in New York

DiAngelos Buch, das bereits 2018 in den USA erschien, ist noch immer brandaktuell.

(Foto: action press)

Darum geht es: Weiße sind per se Rassisten. Diese ziemlich steile These vertritt die US-amerikanische Soziologin Robin DiAngelo in ihrem Buch „Wir müssen über Rassismus sprechen“. Im Verlaufe des Buches relativiert sie ihre Aussage immerhin ein wenig, indem sie den Beschuldigten zugesteht, dass sie gar nicht anders können, als Rassisten zu sein.

Aber auch das ist kein Freispruch. Denn Rassismus ist in ihren Augen nicht bloß eine Gesinnung, etwa die der Anhänger Donald Trumps, Björn Höckes oder Jair Bolsonaros, die bei rechtsextremen Fanatikern zum Teil in Terrorakten gipfeln kann.

Er ist laut DiAngelo genauso wie Kapitalismus, Kommunismus oder Liberalismus ein Gesellschaftssystem. Und zwar ein rassenhierarchisches, das nur noch nicht als solches identifiziert wurde und deshalb noch immer nicht überwunden ist.

Das ist die Autorin: DiAngelo lehrt Erziehungswissenschaften an der University of Washington und arbeitet als Anti-Rassismus-Trainerin. Über Soziologenkreise hinaus bekannt wurde DiAngelo 2011 mit einem wissenschaftlichen Aufsatz, in dem sie ihr „White Fragility“-Konzept darlegt.

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    Die 63-Jährige versucht darin, das ablehnende, beleidigte, oftmals aggressive Verhalten auf Rassismus angesprochener Weißer zu beschreiben. Sie erklärt, dass die Reaktionen nicht von Scham herrühren, weil die Angesprochenen sich ertappt fühlen. Es sei vielmehr von einer Angst vor dem Verlust eigener Privilegien geprägt.

    Ihr Konzept wird in den USA auch als Erklärungen für den Wahlsieg Donald Trumps herangezogen sowie für den anschwellenden offenen Rassenhass, der sich immer häufiger in gewalttätigen Ausschreitungen von Rechtsextremen äußert.

    Robin DiAngelo: Wir müssen über Rassismus sprechen.
    Hoffmann und Campe
    224 Seiten
    25 Euro

    Das überrascht: DiAngelo zählt selbst nicht zu jener Gruppe, für die sie eintritt: den Schwarzen, Latinos, Asian Americans und all denjenigen, die in Ländern mit überwiegend weißer Bevölkerung wegen ihres Aussehens, ihres Namens, ihrer Religion oder ihrer Herkunft Diskriminierungserfahrungen machen.

    Sie ist weiß, gehört zu jenem Bevölkerungsteil, der in den USA zahlenmäßig zwar nur noch knapp die Mehrheit bildet, jedoch in allen wichtigen gesellschaftlichen Ämtern und Positionen überrepräsentiert ist. Der Erfolg von DiAngelos Buch legt nahe, dass Weiße am ehesten bereit sind, sich mit strukturellem Rassismus zu beschäftigen, wenn die Kritik selbst von Weißen kommt.

    Das stört: DiAngelos Buch, das bereits 2018 in den USA erschien, dort seither auf der „New York Times“-Bestsellerliste steht und jetzt in deutscher Übersetzung auf den Markt kommt, ist brandaktuell – könnte man meinen. Einerseits stimmt das auch: Hierzulande ist Rassismus gleichermaßen derzeit eines der zentralen Themen.

    Die Abstände werden kürzer, in denen Rechtsextremisten Gewalttaten begehen. Es wird über strukturellen Rassismus debattiert, etwa bei der Polizei. Und auch hier gibt es Menschen, die davor noch immer die Augen verschließen, wie es etwa Bundesinnenminister Horst Seehofer unterstellt wird.

    Allerdings ist DiAngelos Buch zu USA-fokussiert, als dass es für die deutsche Debatte hilfreich wäre. Zumal sie im Vorwort zur deutschen Ausgabe mit dem Vorschlag, die hiesigen Leser mögen „Afroamerikaner“ gedanklich doch einfach durch „Migranten“ ersetzen, eine fatale Vereinfachung vornimmt. Als könne man beides gleichsetzen.

    Dass die Rassismusdebatten in den USA und bei uns höchst unterschiedlich geführt werden, sollte eigentlich schon die Historie Deutschlands nahelegen. Wenngleich die Grenzöffnung für Geflüchtete und Schutzsuchende in den Jahren 2015/2016 offenbarte, dass wir keinesfalls schon so unbelastet sind, wie wir es von uns selbst gedacht haben.

    Der zentrale Unterschied ist jedoch: Rassismus äußert sich bei uns im Land vor allem als Fremdenfeindlichkeit. In den USA hingegen ist er strukturell gegen Menschen gerichtet, die wie Afroamerikaner von Geburt an Bürger des Landes sind.

    Dennoch: DiAngelo betont das zentrale Problem von uns Menschen, das da lautet, Unterschiede, die etwa durch Einwanderung sichtbar werden, produzieren Ungleichheit. Deshalb ist ihr Buch wichtig.

    Mehr: Der Chef von Ben & Jerry's fordert Haltung gegen Rassismus ein

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