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Buchtipp: „Stresstest 2020“Führung in Corona-Zeiten: Die Sinnfrage wird in der Krise zentraler denn je

Zur wichtigsten Fähigkeit einer Führungskraft wird während der Pandemie die Ungewissheitskompetenz. Was genau ist das? Und wie lässt sie sich erlernen? Peter Brors 13.08.2020 - 12:57 Uhr

Selbst durchdachte Notfallpläne könnten in Tiefenkrisen manchmal nicht weiterhelfen, so Klaus Schweinsberg in seinem neuen Ratgeber.

Foto: Unsplash/airfocus

Düsseldorf. Wie führen in Zeiten der Pandemie und Ungewissheit? Dieser zentralen Frage geht der Wirtschaftsprofessor und Gründer des Centrums für Strategie und Höhere Führung, Klaus Schweinsberg, in seinem neuen Buch „Stresstest 2020“ nach.

Der frühere Verlagsmanager und Journalist („Capital“) macht sich kurzweilig und mit vielen lebhaften Beispielen an die Beantwortung dieser Frage. Dramaturgisch geschickt erinnert er zunächst an die vier Vorbeben der aktuellen Pandemie: die Terroranschläge von 2001, die Sars-Pandemie 2002/2003, die Weltfinanzkrise infolge der Lehman-Pleite 2008 und die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011.

Jedes seriös geführte Unternehmen arbeitet mit einem sogenannten Worst-Case-Szenario, das aus umfassender Unsicherheit stets und ad hoc eine gewisse Planbarkeit herstellen sollte. Dass diese Notfallpläne dann aber in aller Regel doch nicht wirklich weiterhelfen, eben weil sich die Krise anders darstellt als in den Annahmen geplant, daraus leitet Schweinsberg für Topmanager die überlebenswichtige Notwendigkeit ab, Unsicherheitskompetenz zu entwickeln. „Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt“, zitiert der Autor den renommierten Zukunftsforscher Matthias Horx.

Dabei steht vor der Gestaltung der Zukunft die Bestandsaufnahme, in der Corona gnadenlos die Schwächen im Immunsystem vieler Unternehmen freilegt. Das Virus bedroht vor allem Leib und Leben jener Firmen, die schon vorher Schwächen zeigten: in sensiblen globalen Lieferketten, einer hinfälligen IT-Infrastruktur, einem nicht ausreichenden Cashflow und, für den Befund besonders wesentlich, einer fragilen mentalen Verfassung, mithin einer gewissen Orientierungslosigkeit bei der Suche nach dem tieferen Sinne im Arbeitsalltag.

„Menschen können den Marsch durch eine Wüste durchaus ertragen“, schreibt der persönliche Berater etlicher Dax-Vorstände, „wenn sich am Horizont das gelobte Land abzeichnet“. Dazu muss das Leitbild, dem die Belegschaft bereit ist zu folgen, stark und klar umrissen sein. „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“, verweist der Autor auf den verstorbenen tschechischen Schriftsteller und Regimekritiker Vaclav Havel.

Tatsächlich verordneten sich etliche Unternehmen in den vergangenen Jahren einen höheren Zweck („Purpose“) und formulierten gefällige Leitbilder, die allerdings vor allem eines waren: austauschbar. Kein Leitbild ohne die übliche mentale Akrobatik aus Integrität, Verantwortung, Offenheit, Vielfalt, Teamgeist samt agiler Arbeitsweise und – natürlich – strikter Kundenorientierung. Für Marketingzwecke mag das ausreichen, für Haltung und damit auch Führung in Krisenzeiten ist es unzureichend. Die Sinnfrage wird für Unternehmen deshalb noch zentraler werden.

Denjenigen Firmen, die diese Frage inhaltlich schlüssig beantworten, wird es künftig entsprechend leichter fallen, in Zeiten konjunktureller Ungewissheiten zu arbeiten und zu prosperieren.

Um nun aber zunächst die aktuelle Krise mit all ihren Unwägbarkeiten zu meistern, empfiehlt der Autor, der selbst in der Generalstabsausbildung der Bundeswehr wirkt und dort über militärische Vorbilder doziert: „In aller Kürze konzentriert sich strategische Führung auf Gefolgschaft, Vision und Veränderung.“

Übersetzt aus dem Militärischen als praxistaugliche Handreichung für den Alltag in Unternehmen soll das heißen: Führung muss ein klares Ziel haben, das jeder versteht; sie muss hart daran arbeiten, dass sich alle Mitstreiter hinter diesem Ziel versammeln und dafür mit Feuereifer kämpfen, um Veränderungen mutig herbeizuführen. Mithin geht es um Handlungskraft, Hingabe und Haftung – eben um Führungskunst, die hilft, Ungewissheitskompetenz in Stresstestzeiten wie diesen zu entwickeln.

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