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Josef AckermannZu viel Glanz – zu wenig Elend

Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef hat seine Autobiografie geschrieben. Seinem Ruf tut er mit dem Buch keinen großen Gefallen. Zu sehr berauscht er sich am eigenen Erfolg, zu wenig reflektiert er seine Fehler.Michael Maisch 14.03.2024 - 14:57 Uhr
Josef Ackermann: Sein Victory-Zeichen beim Mannesmann-Prozess im Jahr 2004 wird zum Sinnbild für die Arroganz der Wirtschaftsgrößen. Foto: AP

Frankfurt. „Deutsche, Deutsche, Deutsche!“, schallt es durch den größten Ballsaal Londons. Im Grosvenor House, direkt am Hyde Park, empfängt Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, aus der Hand von Princess Anne den Preis der Fachzeitschrift „International Financing Review“ als „Beste Bank des Jahres“ – eine Art Oscar der Finanzbranche. Seine Leute jubeln ihm zu. Das war 2006 – und einer der Höhepunkte in Ackermanns Karriere.

Zehn Jahre später steckt die Bank in einer existenzbedrohenden Krise, die Manager des Geldhauses heute als „Nahtoderfahrung“ beschreiben. Die US-Aufseher stellen für Schummeleien am Hypothekenmarkt eine Geldbuße von 14 Milliarden Dollar in den Raum – eine Summe, die das Institut schlicht überfordert hätte. 2016 ist Ackermann längst nicht mehr Vorstandschef, aber die Vergehen, die die US-Aufseher bestrafen wollen, fallen zum großen Teil in seine Amtszeit.

Noch einmal acht Jahre später sitzt der inzwischen 76-Jährige auf einem Podium in Berlin mit Roland Koch (CDU), dem ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten. Ackermann stellt seine Autobiografie vor, er hat ihr den Titel „Mein Weg“ gegeben. Koch spricht vom Buch eines Wirtschaftsführers, der stark am eigenen Leben argumentiert: „Er hat bezahlt mit viel Ärger und viel Erfolg gewonnen.“ Ackermann sagt, er habe seinen Freunden und Weggefährten seine eigene Geschichte erzählen wollen.

Viel zu oft seien seine gemeinnützigen Absichten missverstanden worden. Schon immer sei es sein Anspruch gewesen, „einen Beitrag für den Staat und fürs Gesamtwohl“ zu leisten, sagt Ackermann. „Ich habe mich sehr stark in Deutschland eingebracht, um eine Bank zu bauen, die global mithalten kann.“ Und ein Bestandteil des Strebens sei auch, dass man sich mal irrt. 

„Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten“, mit diesen Worten beginnt Charles Dickens seinen Roman „Eine Geschichte aus zwei Städten“. Es wäre ein gutes Motto für Ackermanns Buch gewesen. Stattdessen hat sich der Banker für einen Satz des Philosophen Francis Bacon entschieden: „Jeder Mensch schuldet es seinem Berufsstand, die Dinge festzuhalten, die er getan hat und die anderen von Nutzen sein können.“ Genau hier beginnen die Probleme.

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Ackermanns Name steht synonym für Glanz und Elend der Deutschen Bank. Vom Glanz findet sich auf den 463 Seiten jede Menge, vom Elend eher wenig – und das ist schade. Noch heute ringt die Bank mit den Widersprüchen, die sie nach der Finanzkrise beinahe zerrissen hätten.

Haben Ackermann und seine Vorgänger das Geldhaus an die angelsächsischen Investmentbanker verkauft, die die üppige Bilanz skrupellos missbrauchten, um sich zu bereichern, und die mit ihren Skandalen auch gleich noch den Ruf der Bank ruinierten? Oder war der Einstieg ins Investmentbanking im großen Stil der einzige Weg, um das Geldhaus aus seiner Nebenrolle in der deutschen Provinz zu befreien und auf die Weltbühne zu schubsen?

Verdienste bis zum Überdruss

Leider entpuppt sich der Autobiograf Ackermann als Manager voller Selbstgewissheit, die zu oft in Selbstgerechtigkeit kippt. Eigene Fehler? Räumt der Banker nur verbrämt und zögerlich ein, zu oft schiebt er die Verantwortung anderen zu.

Josef Ackermann ist ehemaliger Chef der Deutschen Bank. Foto: Bloomberg

Eigene Verdienste? Die finden sich im Überfluss und bis zum Überdruss des Lesers. Selbstreflexion? Leider nur in homöopathischen Dosen. Stattdessen präsentiert sich der Sohn eines Landarztes aus dem schweizerischen Melk, der in der Finanzwelt zu Ruhm und Reichtum kam, als europäischer Superbanker und Finanzweltenretter.

Ackermanns Reise in die lichten Höhen der globalen Finanzelite beginnt mit dem Studium an der Manager-Kaderschmiede St. Gallen. Seinen ersten Job als Banker bekommt er bei der Schweizerischen Kreditanstalt, einem Vorläuferinstitut der Credit Suisse, dort steigt er 1990 in den Vorstand auf und übernimmt 1993 den Posten des Vorsitzenden. Damit gilt er nach Rainer Gut als Nummer zwei der Muttergesellschaft CS Holding.

Drei Jahre später kehrt Ackermann nach einem Streit mit dem Verwaltungsrat der Schweiz den Rücken und heuert als Vorstand bei der Deutschen Bank an. 2002 gelingt ihm als Nachfolger von Rolf Breuer der Aufstieg an die Spitze des größten heimischen Geldhauses. Der Ausstieg 2012 verläuft alles andere als harmonisch.

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Eigentlich hätte Ackermann gerne den ehemaligen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber als Nachfolger gesehen, doch der ging lieber zur Schweizer UBS. Stattdessen übernahm nach unwürdigem Gerangel eine Doppelspitze aus Jürgen Fitschen und Anshu Jain die Führung, Letzterer war der von Ackermann viele Jahre geförderte Chef des Investmentbankings. Die Dekade dazwischen war die glanzvollste der Deutschen Bank, aber sie war auch die Wurzel für das Elend danach.

Teure Klagen – Aktienkurs in Not

„Ich habe die mir vom Leben zugewiesene Rolle angenommen und stets gut zu spielen versucht. Und der Erfolg bestätigte mich häufig genug“, so fällt Ackermanns Fazit am Ende des Buchs aus. Und weil Erfolg im Banking nun einmal in harter Währung gemessen wird, rechnet der Ex-Vorstandschef en détail vor, welch großen Sprung nach vorn die von ihm angeleitete Deutsche Bank gemacht hat.

Ein kleiner Ausschnitt aus einer langen Liste: „In meiner Amtszeit wurden Erträge von insgesamt 270 Milliarden Euro erwirtschaftet. Der Jahresüberschuss von 400 Millionen Euro im Jahr 2002 wurde bis 2011 auf 4,3 Milliarden verzehnfacht und trotz der Finanzkrise zwischen 2002 und 2012 rund 44 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern erzielt. International wettbewerbsfähige Eigenkapitalrenditen wurden erreicht.“

Höhepunkt: Im Jahr 2006 überreicht die britische Prinzessin Anne dem Deutsche-Bank-Chef Ackermann den Preis der Fachzeitschrift „International Financing Review“ als „Beste Bank des Jahres“. Foto: Handelsblatt

Und damit keinem Leser entgeht, was diese Zahlen bedeuten, zitiert Ackermann die Weltpresse: „Das angesehene ‚Wall Street Journal‘ verlieh mir den Titel ,Einer der mächtigsten Banker der Welt‘ … und die ‚NZZ‘ schrieb: Die Deutsche Bank hat es unter Josef Ackermann an die Weltspitze geschafft.“

Das ist das helle Bild der Ackermann-Jahre, aber es gibt auch eine deutlich düsterere Version.

Zwar hatte das Geldhaus die Finanzkrise glimpflich und ohne Staatshilfen überstanden (ein Fakt, auf den Ackermann noch immer sehr stolz ist), aber es wurde danach mit einer schier endlosen Reihe von Klagen, Strafen und teuren Vergleichen überzogen, weil seine Beschäftigten während Ackermanns Amtszeit Referenzzinssätze und Wechselkurse manipuliert hatten, weil sie sich auf dubiose Geschäfte mit faulen Hypotheken in den USA einließen und weil sie versuchten, diese Vergehen zu vertuschen.

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Nach der Finanzkrise musste die Bank mehr als 16 Milliarden Euro für Straf- und Vergleichszahlungen aufbringen und ihre Aktionäre um weit mehr als 30 Milliarden Euro an frischem Kapital bitten, um wieder in die Spur zu kommen. Der Aktienkurs stürzte von seinem Rekordhoch von über 90 Euro 2007 bis 2020 auf ein Tief von unter fünf Euro.

Aber es hätte noch schlimmer kommen können.

Am 15. September 2016 sickerte durch, dass das US-Justizministerium 14 Milliarden Dollar von der Deutschen Bank fordert, um Vorwürfe wegen unzulässiger Praktiken im Geschäft mit Hypothekenpapieren vor und während der Finanzkrise beizulegen. Die Höhe der Summe überraschte nicht nur die Bank, die nur 5,5 Milliarden Euro für juristische Streitigkeiten zur Seite gelegt hatte. Sie schockierte vor allem Investoren, Kunden und Aufseher.

Zehn Jahre nach ihrem Höhepunkt 2006 steckte die Bank in einer existenzbedrohenden Krise. Foto: Bloomberg

Wie prekär die Situation war, zeigt ein Satz des damaligen Aufsichtsratschefs Paul Achleitner: „Das war für die Bank die vielleicht schwierigste Zeit, die Anspannung war enorm, denn ein Verlust der Eigenständigkeit war durchaus denkbar.“ Erst als sich die Bank mit den US-Behörden kurz vor Weihnachten 2016 auf einen deutlich niedrigeren Vergleich von sieben Milliarden Dollar einigte, war die größte Gefahr überstanden.

Auf solche Argumente will sich Ackermann gar nicht erst einlassen. Seine Zeitrechnung endet 2014, und da sei im Wesentlichen alles in Ordnung gewesen, die Bank intakt, die Führung stark, die Strategie weitgehend unverändert. „Zu der Zeit zwischen 2015 und 2018 will ich mich nicht äußern, da ich schon zu weit weg war“, lässt der Ex-Banker wissen. Im Übrigen bedaure er es, dass die Strafen nicht schon während seiner Amtszeit anfielen, dann nämlich hätte er „einen Großteil über Bonusreduktion“ aufgefangen.

Skandale und Schuldzuweisungen

„Der Deutschen Bank kann man wirklich nicht vorwerfen, dass sie irgendwelche unrechtmäßigen Geschäfte gemacht hat“ – ein Satz, den man 2024 kaum mehr für möglich hält, und doch sagt Ackermann am vergangenen Dienstagabend im Fernsehen als Talkgast von Sandra Maischberger genau diese Worte. 

Im Buch fällt die Aufarbeitung der langen Liste der Skandale glücklicherweise etwas differenzierter aus. „Meine größte Niederlage waren die hohen Rechtskosten, besonders in den USA; meine größte Enttäuschung, dass wir bei Exzessen mitgemacht hatten“, schreibt der Schweizer.

Der Deutschen Bank kann man wirklich nicht vorwerfen, dass sie irgendwelche unrechtmäßigen Geschäfte gemacht hat.
Josef Ackermann
Ex-Chef der Deutschen Bank

Und er räumt ein, dass er „im Rückblick das US-Handelsgeschäft enger führen und kontrollieren würde“. Doch schuld seien letztlich andere: „Streitfälle und Rechtskosten entstanden insbesondere in der Handelsabteilung unter Jains Verantwortung“, heißt es lapidar auf Seite 286 der Autobiografie.

Ein Ratgeber, der nicht mehr gefragt ist

Ironischerweise ist die Finanzkrise die vielleicht glanzvollste Zeit für Ackermann. Damals schien die Bank noch Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein, und so stieg ihr weltläufiger und charmanter Vorstandschef zum gefragten Ratgeber von Aufsehern und Politik auf, der sogar CDU-Kanzlerin Angela Merkel beeindruckte.

So sehr, dass die Regierungschefin, als es Ende 2008 gilt, in letzter Sekunde einen Kompromiss für die Rettung der Krisenbank HRE zu finden, um Mitternacht direkt auf Ackermanns Handy anruft. Die Einigung gelingt, und der Deutsche-Bank-Chef hat nicht nur den Tag gerettet, sondern unendlich viel mehr – zumindest zitiert der Schweizer den damaligen Chef der deutschen Finanzaufsicht, Jochen Sanio, mit dem Satz: „Dr. Ackermann, Sie haben die Welt gerettet!“

Foto: Handelsblatt

Heute sind solche Anrufe offenbar selten geworden. Zumindest beschwert sich Ackermann in seinem Buch, dass die Schweizer Politiker, Aufseher und Notenbanker vor dem Beinahekollaps der Credit Suisse und der Rettung durch den Konkurrenten UBS im vergangenen Frühjahr nicht den Kontakt zu erfahrenen Bankern suchten: „Keiner der Verantwortlichen konnte oder wollte mit krisenerprobten Spezialisten aus der Bankenbranche reden. Rat war nicht gefragt.“ Ackermanns Autobiografie gibt unfreiwillig eine Art Antwort auf die Frage, wo die Gründe dafür gelegen haben könnten.

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Der Schweizer ist ohne Frage einer der talentiertesten Banker seiner Generation. Für zwei Stunden ist er im Konferenzraum der. Bundespressekonferenz noch einmal zurück in jener Zeit. „Mein Buch ist überhaupt nicht mit der Idee verbunden jemanden anzuschwärzen oder negativ darzustellen, sondern eine Betrachtung nach hinten, in der ich mich mit jedem im reinen sehe. Es ist ein nettes Buch, wenn man so will“, sagt er. Mit ein bisschen mehr Selbstreflexion und einer zusätzlichen Prise intellektueller Redlichkeit hätte er nach seinem Karriereende zu einem großen Banker werden können.

Mitarbeit: Lina Knees

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