1. Startseite
  2. Arts und Style
  3. Literatur
  4. Buchkritik: „Zwischen Freiheit und Entfremdung“: Neue Perspektiven auf Geld und Kapitalismus

Buchkritik: „Zwischen Freiheit und Entfremdung“Neue Perspektiven auf Geld und Kapitalismus

Johannes Röß analysiert in Anlehnung an Georg Simmel, wie in der modernen wirtschaftlichen Welt Freiheit und der Verlust von Sinnbezügen zusammenhängen.Frank Wiebe 13.01.2024 - 10:43 Uhr

Frankfurt. Geld – das ist zunächst eine sehr praktische Angelegenheit. Als Wissenschaftler fühlen sich vor allem Ökonomen dafür zuständig, außerdem Wirtschaftshistoriker.

Aber Soziologen, Philosophen und Anthropologen wollen auch ein Wort mitreden, beanspruchen zuweilen sogar, den konkreten Charakter des Geldes und seine gesellschaftliche Grundlage besser zu verstehen als Volkswirte, die sich vor allem auf Funktionen wie Tausch, Wertmessung und -aufbewahrung beziehen.

Ein Klassiker in diesem Bereich ist „Die Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel. Was hat dieses Werk aus dem Jahr 1900 uns heute noch zu sagen? Eine Menge, sagt der Frankfurter Philosoph Johannes Röß und hat seine Doktorarbeit darüber geschrieben, die nun als Buch erschienen ist.

Der Titel „Zwischen Freiheit und Entfremdung“ verrät schon die beiden wesentlichen Fragestellungen, denen Röß im Anschluss an Simmel nachgeht. Befreit uns das Geld, weil es uns unabhängig von persönlichen Beziehungen macht? Oder zerstört es durch diese Beziehungslosigkeit wertvolle Sinnbezüge?

Geld befreit die, die genug davon haben

Beides trifft zu, schreibt der Autor. Dabei unterzieht er beide Aspekte einer gründlichen Kritik. Zunächst vereinfacht gesagt: Geld befreit vor allem die, die genug davon haben. Freiheit wird also mit Geld nicht immer und überall wirksam.

Röß diskutiert in dem Zusammenhang auch ausführlich die Konzepte der negativen und der positiven Freiheit, wie sie in einem klassischen Aufsatz der Philosoph Isaiah Berlin analysiert hat; in Deutschland auch als Gegenüberstellung von „Freiheit wovon“ und „Freiheit wozu“ bekannt.

Umgekehrt hat die Entfremdung, die aus marxistischer Sicht als typisch für den Kapitalismus gilt, laut Röß auch gute Aspekte – sie erlaubt es etwa, eine manchmal heilsame Distanz zur Arbeitswelt zu bewahren.

Johannes Röß: Zwischen Freiheit und Entfremdung. Eine Sozialphilosophie des Geldes nach Georg Simmel
Campus Verlag
Frankfurt 2023
256 Seiten
40 Euro

Die Arbeit von Röß lässt sich auf verschiedene Weisen lesen. Einmal als Einführung in den Klassiker von Simmel samt dem Umfeld der damaligen Zeit, zu der zum Beispiel die Neu-Kantianer wie auch Friedrich Nietzsche zählten. Das allein wäre schon verdienstvoll.

Gleichzeitig skizziert Röß aber auch, was Geld auch heute noch für gesellschaftliche Bezüge, die individuelle und gemeinsame Sinnfindung und insgesamt das menschliche Bestreben bedeutet, das Leben vernunftgemäß zu verstehen und zu gestalten.

Dabei kritisiert er, dass reine Geldbezüge, die zunächst überaus rational wirken, dahinterstehende, unter vernünftigen Gesichtspunkten eher„ pathologische“ gesellschaftliche Bezüge kaschieren können. Röß spricht von der „kapitalistischen Herrschaftslogik des Geldes“.

Im Zusammenhang mit diesem Anklang an Marx ist noch eine dritte Perspektive wichtig: Die Arbeit steht in der Tradition der Frankfurter Schule, die mit Namen wie Horkheimer und Adorno verbunden ist.

Röß arbeitet am Institut für Sozialforschung, das immer noch in dieser Tradition steht, seine Betreuer bei der Promotion waren Martin Saar und der frühere Institutsleiter Axel Honneth, die auch fleißig zitiert werden.

Röß führt eine kritische Tradition fort, die für ihre intellektuelle Flughöhe mit reichlichen Bezügen zu Hegel und Marx sowie für ein gewisses Festhalten an sozialistischen Vorstellungen bekannt ist, ohne dabei heute noch mit politischer Radikalität aufzufallen.

Honneth etwa, ein überaus produktiver Autor, heute mit Lehrstuhl an der Columbia-Universität in New York, hat 2013 mit „Das Recht der Freiheit“ eine an Hegel angelehnte Studie veröffentlicht, die rein politisch besehen nicht weit von einer gemäßigten Sozialdemokratie entfernt ist. Er hat dann zwei Jahre später mit „Die Idee des Sozialismus“ versucht, wenigstens etwas von der Grundidee dieses vielfach gescheiterten Konzepts zu retten.

Verwandte Themen
Berlin
Deutschland

Röß steht in dieser Tradition, verwendet zum Teil einen entsprechenden Jargon, schreibt aber insgesamt klar. Er vergleicht Erkenntnisse von Simmel mit denen von Marx und spricht das Konzept eines möglichst demokratisch gesteuerten „Marktsozialismus“ an, ohne es allerdings näher zu analysieren. Außerdem nimmt er Bezug auf das „bedingungslose Grundeinkommen“ und merkt dabei zu Recht an, dass dieses Konzept nicht nur im politisch linken Lager, sondern auch bei Konservativen und Liberalen seine Anhänger hat.

Insgesamt ist das Buch in erster Linie aber ein intellektuelles Werk, das neue Perspektiven auf das Thema Geld eröffnen kann – vielleicht gerade auch bei Lesern, die sonst eher in ökonomischem und praktischem Zusammenhang damit zu tun haben.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt