Buchrezension: Im Staat der Superreichen
„Das Geld landet immer an denselben Orten."
Foto: Getty ImagesFrankfurt. Stellen Sie sich vor, Sie müssten keine Steuern zahlen oder zumindest nur auf einen kleinen Teil Ihres Vermögens. Ein Traum, oder? Genießen Sie den Gedanken kurz. Stellen Sie sich jetzt vor, niemand würde mehr Steuern zahlen.
Weniger schön, wenn Sie an die Gemeinschaft denken – denn wer will schon mit seinem vielen Geld in einem Staat ohne Polizei, mit schlechten Straßen und heruntergekommenen Krankenhäusern leben? Für die allermeisten von uns dürfte ein solches Gedankenspiel absurd erscheinen, zahlt doch der der größte Teil der deutschen Bevölkerung mehr oder minder brav seine Steuern im eigenen Land.
Nicht aber weltweit viele Superreichen, wie Oliver Bullough in seinem Buch „Land des Geldes“ aufzeigt. Und schlimmer noch: Unter der massiven Steuerflucht und Verheimlichung von Vermögen leiden all jene besonders, die auf funktionierende öffentliche Strukturen angewiesen sind, sei es für Bildung, Gesundheit oder Sicherheit.
Warum nur kann sich ein Teil der globalen Bevölkerung dieser Verantwortung entziehen? Der Untertitel des Buches ist Bulloughs Programm: „Warum Diebe und Betrüger die Welt beherrschen“. Um diese Frage zu beantworten, nimmt uns der britische Journalist mit auf eine Reise, auf der sichtbar wird, was von Unsichtbarkeit lebt.
Es sind Orte, die die Ungerechtigkeiten des globalen Kampfs gegen Steuerhinterziehung und Finanzkriminalität verkörpern: die Villen des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, Briefkastenfirmen im Karibikstaat Nevis, auch Luxusimmobilien mitten in London, deren wahre Besitzer sich hinter den immer gleichen Offshore-Firmen verstecken, bis hin in die Schweiz und zum „Steuerparadies USA“, wie Bullough es formuliert.
London, New York, Miami: Das Geld endet immer an denselben Orten
Der Autor mischt geschickt Reportage-Elemente, historische Einordnungen und politische Analyse. So schreibt er über das Anwesen Janukowitschs, das er kurz nach dem Sturz des Politikers Anfang 2014 besucht. Detailliert beschreibt er ein Vorgehen, das er später an vielen Stellen wiedertrifft: Eine globale Superelite veruntreut Geld.
Politiker eignen sich Vermögen an, die der Bevölkerung zustünden, um ein opulentes Luxusleben zu führen. Janukowitsch wird bis heute vorgeworfen, die Staatskassen geplündert zu haben. Den Ort, an dem all das Geld zusammenkommt, nennt Bullough „Land des Geldes“.
Wer genug Geld hat, kann sich den Zugang zu „Moneyland“, so der Originaltitel des Buches, leisten und die heimischen Regeln hinter sich lassen: „Die Pässe aus Malta, die Diffamierungsgesetzgebung aus Großbritannien, die Privatsphäre der Vereinigten Staaten, die Briefkastenfirmen aus Panama, Treuhandgesellschaften auf Jersey, die Stiftungen aus Liechtenstein“, listet Bullough all die käuflichen Vorteile auf.
„Zusammengenommen ergeben sie einen virtuellen Ort, der viel größer ist als die Summe seiner Teile. Im ‚Land des Geldes‘ gelten Gesetze, die den Reichen gerade gelegen kommen.“ Bullough beschreibt, wie kleine Staaten davon leben, ihre Gesetze an diesem fiktiven Land auszurichten.
So zeigt er anhand der Geschichte eines Krankenhauses in der Ukraine die globalen Ausmaße der Korruption in dem Land als exemplarisch auf für das, was passiert, wenn sich die globale Elite bereichert. Sein Fazit: „Egal, wo das Geld gestohlen wird, es endet immer an denselben Orten: London, New York, Miami. Und egal, wo es landet, es wird auf dieselbe Weise gewaschen, nämlich mithilfe von Briefkastenfirmen und anderen juristischen Konstrukten in einer Handvoll Ländern.“
Globalisierung funktioniere im „Land des Geldes“ letztendlich anders als in der Realwirtschaft: „Es geht nicht darum, Kapital dahin zu bewegen, wo es die größten Erträge bringt, sondern darum, Kapital dahin zu verschieben, wo es den größten Schutz genießt.“
Einerseits gelingt Bullough, woran viele seiner Kollegen scheitern: Wie ein Kaleidoskop zeigt er unterhaltsam all die Facetten des komplexen Systems auf, wie viele der mächtigsten Unternehmer und Politiker dieser Welt Steueroasen und Offshore-Firmen dafür nutzen, Geld aus dem eigenen Land verschwinden zu lassen.
Mit Leichtigkeit und Witz beschreibt er auch seine eigene Rolle als Journalist, etwa bei Recherchen im Steuerparadies Nevis. Ohne den Ernst der Lage zu verkennen, gelingt es Bullough, auf dem schmalen Grat zwischen Ironie und Akribie zu unterhalten, ohne belehrend zu wirken.
Andererseits erwartet er viel – vielleicht zu viel – von seinen Lesern. Der Einstieg ins Buch ist nicht leicht: Unvermittelt aus Janukowitschs Villa herausgerissen, konfrontiert Bullough seine Leser mit den teils wirren historischen Zusammenhängen, die die Entstehung des „Landes des Geldes“ erst möglich machten.
Disneyland vor den Toren von Kiew.
Foto: Getty Images; Per-Anders PetterssonDa geht es von Ausführungen über internationale Verhandlungen über die Entstehung des Breton-Woods-Systems, der internationalen Währungsordnung mit dem US-Dollar als Anker, bis hin zur Entstehung von Offshore-Sendern. Wer dabeibleibt, wird belohnt: Mit jeder Seite wird das Buch spannender.
Doch es bietet kaum Lösungsansätze. Bullough bringt zwar das Problem des Systems auf den Punkt: „ Das Geld ist international, die Gesetze sind es nicht.“ Sein Fazit aber ernüchtert: „Wenn der erste Schritt zur Lösung eines Problems darin besteht, es überhaupt zu erkennen, dann sind wir vielleicht jetzt auf einem guten Weg.“ Optimismus sieht anders aus.