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Buchrezension Ist Fortschritt durch Marktwirtschaft eine Illusion?

Der Soziologe Andreas Reckwitz analysiert den Strukturwandel der Gesellschaft. Dabei bricht er mit häufigen Vorstellungen über die Marktwirtschaft.
11.09.2020 - 17:27 Uhr Kommentieren
Laut Andreas Reckwitz sollte man die Illusion von unendlicher Zufriedenheit und Fortschritt in der freien Marktwirtschaft aufgeben. Quelle: dpa
Mehr Zufriedenheit durch freie Marktwirtschaft?

Laut Andreas Reckwitz sollte man die Illusion von unendlicher Zufriedenheit und Fortschritt in der freien Marktwirtschaft aufgeben.

(Foto: dpa)

Frankfurt Andreas Reckwitz hat sich viel vorgenommen. Der Soziologe will Politik, Wirtschaft, soziale Schichtung und Kultur der Gegenwart zugleich in den Blick nehmen. Der Buchtitel „Das Ende der Illusionen“ gibt dabei gut seinen Grundgedanken wieder: Reckwitz will den Lesern die Illusion nehmen, dass eine freie, marktwirtschaftlich organisierte Welt zu immer weiterem Fortschritt und zunehmender Zufriedenheit führt.

Der Professor der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder belässt es allerdings nicht bei Analyse und Anklage, sondern zeigt gleichzeitig einen Weg nach vorn auf. Der Autor hat das Buch dafür in fünf Kapitel mit den Schwerpunkten Kultur, Klassengesellschaft, Kapitalismus, Selbstverwirklichung und Liberalismus gegliedert.

Sie sind jeweils in sich abgeschlossen, was die Lesbarkeit erhöht. Allerdings überschneiden sie sich inhaltlich auch hin und wieder. Reckwitz“ Sprache ist trotz mitunter ausgeprägter Lust an abstrakten Begriffen flüssig und relativ gut verständlich.

Das zeigt zum Beispiel der folgende Satz, der zugleich ein wesentliches Thema des Buchs präsentiert: „Im Zuge der Postindustrialisierung der Ökonomie haben sich in den westlichen Gesellschaften die Lebenswelten zunehmend auseinanderentwickelt, der neuen Mittelklasse von Hochqualifizierten steht eine neue prekäre Klasse gegenüber, während zwischen diesen beiden „eingezwängt“ eine zahlenmäßig reduzierte alte Mittelklasse zwischen Statuserhalt, Statusverlust und kulturellen Entwertungserfahrungen schwankt.“

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    Das größte Verdienst des Autors ist, dass er gängige Denkschemata aufzubrechen sucht. Dass sich mit „rechts“ und „links“ oder „oben“ und „unten“ allein weder Politik noch Gesellschaft zureichend beschreiben lassen, ist nicht neu. Reckwitz nimmt die Herausforderung an, die sich daraus ergibt.

    Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne.
    edition suhrkamp
    305 Seiten
    18 Euro

    So stellt er beispielsweise die alte der neuen Mittelklasse gegenüber: Die Vertreter beider Bereiche können rein wirtschaftlich zwar ähnlich gestellt sein, trotzdem haben sie andere Berufe, Lebensweisen, Einstellungen, Vorurteile.

    Auf der einen Seite die alte, aus der klassischen Industriegesellschaft übrig gebliebene Mittelklasse mit zum Teil doch konservativeren Einstellungen, auch was die Arbeitsteilung in der Familie angeht. Dagegen die neue, aufstrebende Klasse, die sich in der ganzen Welt, vor allem aber in der neuen Wissensgesellschaft zu Hause fühlt.

    Diese Einteilung überschneidet sich nur zum Teil mit der in Liberalismus und Populismus – von beiden gibt es jeweils eine rechte und eine linke Variante. In Frankreich, stellt er fest, hat sich die Parteienlandschaft schon früh entlang dieser neuen Gegensätze organisiert. Die Schwäche der Volksparteien in Deutschland ist dem Umstand geschuldet, dass sie von ihrer Struktur her zum Teil noch die Gesellschaft von gestern abbilden.

    Die Entwicklung der Gesellschaft analysiert Reckwitz vor allem mithilfe der Soziologie, bedient sich zusätzlich aber auch anderer Wissenschaften – quasi als Feldstecher für die Betrachtung der Details. Außer der Ökonomie spielen dabei zum Beispiel auch Psychologie und sogar Psychoanalyse eine Rolle. Diese Vielfalt lässt Konturen erkennen, die sonst verborgen bleiben, zugleich verdeckt sie manchmal aber auch, dass die Soziologie reicher an Begriffen als an wirklich eigenständigen Methoden ist.

    Wie so oft fallen die Lösungsvorschläge weniger überzeugend aus als die Darstellung der Probleme. Wenn zum Beispiel der Buddhismus die Erschöpfung des modernen, auf Selbstverwirklichung fixierten Menschen heilen soll, fragt man sich, ob diese Religion in ihrer westlichen Form nicht längst Teil der Selbstverwirklichungskultur geworden ist.

    Oder wenn er dem heutigen „apertistischen“ (auf Öffnung, Deregulierung angelegten) Liberalismus gegenüber eine „einbettende“ Variante empfiehlt, dann stellt sich schon die Frage, ob sich das wirklich vom alten, weitgehend untergegangenen Sozialliberalismus unterscheidet. Unabhängig davon liefert Reckwitz aber zahlreiche Denkanstöße.

    Welches ist das beste Wirtschaftsbuch des Jahres? Zehn Finalisten gehen ins Rennen um den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis, der im Rahmen der Frankfurter Buchmesse im Oktober verliehen wird. Bis dahin werden die zehn Finalisten der Shortlist vorgestellt.

    Mehr: An wen geht der Deutsche Wirtschaftsbuchpreis 2020? Lesen Sie hier, welche Werke in diesem Jahr noch auf der Shortlist stehen.

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