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Neal Stephenson: Termination ShockDer Schwefelgeruch der Klimahölle

Was, wenn ein Ölmilliardär Rechtslücken nutzt und einfach das Erdklima verändert? Der Autor von „Snow Crash“ blickt in eine Zukunft voller Manipulation, Hitze – und mörderischer Wildschweine.Alexander Möthe 28.01.2024 - 16:34 Uhr
In „Termination Shock“ versucht ein texanischer Milliardär, den Klimawandel aufzuhalten. Foto: dpa

Düsseldorf. 500 Seiten braucht „Termination Shock“, bis es richtig Fahrt aufnimmt. Nicht, dass Neal Stephensons neuester Roman in der ersten Hälfte unspektakulär wäre. Immerhin beginnt die Science-Fiction-Geschichte damit, dass die niederländische Königin auf Geheimmission in Texas ihren Privatjet in einer Rotte übergroßer Wildschwein-Mischlinge bruchlandet. Zu wenig Drama kann man dem Autor nicht vorhalten.

Aber Stephenson nimmt sich Zeit, lässt die Handlung nach dem ruppigen Aufsetzen auf der Landebahn, anders als die Maschine selbst, etwas ausrollen, bevor es wieder in die Luft geht. Und irgendwo im letzten Drittel des gut 1000 Seiten schweren Buches wird klar: Er nimmt sich die Zeit für den Aufbau der Charaktere, weil er noch verflixt viel mit ihnen vorhat.

Die Grundhandlung ist einfacher, als diese Einleitung befürchten lässt. In naher, unbestimmter Zukunft hat der Klimawandel die Erde so aufgeheizt, dass etwa die südlichen USA im Sommer kaum mehr bewohnbar sind. Die - ganz logische - Folge: Eine Ameisenplage legt die Klimaanlagen lahm, die Menschen flüchten aus den Städten, drogenabhängige, aggressive Alligatoren ziehen die Flussläufe hinauf, wo sie riesige Wildhausschwein-Hybriden jagen, die ihrerseits die Farmen vernichten und Geschmack an Kinderfleisch gefunden haben.

Wie bitte?

Okay, doch nicht so einfach. Jedenfalls schickt sich ein texanischer Milliardär namens T. R. Schmidt an, den Klimawandel aufzuhalten. Schmidt, bei dem sich andeutungsweise Anspielungen auf selbstbewusste Milliardäre wie Elon Musk und Peter Thiel ausmachen lassen, baut die größte Kanone der Welt und lässt stündlich Schwefel in die Luft schießen, um in der nördlichen Hemisphäre Wolken zu erzeugen, was die Sonneneinstrahlung verringert. Das verlangsamt die Gletscher- und Polkappenschmelze. Demokratische Legitimation braucht Schmidt dafür nicht – die USA sind in dieser Zukunft unregierbar, die Uno eine Pappkulisse.

Stattdessen schafft er Fakten und holt sich die Unterstützung von Staaten, Städten und Stadtstaaten, die ohne seine Kanone zeitnah überspült würden, darunter die Niederlande und Venedig. Doch die schwefelgetriebene Klimapanscherei ruft auch Indien und China auf den Plan, die unterschiedlich davon profitieren würden. Und dann, ja dann wird es am Ende noch richtig wild, wenn die Handlungsfäden zusammenlaufen.

Stephensons große Stärke ist die augenzwinkernde, bald banale Fortschreibung der Gegenwart in eine mehr oder minder dystopische Zukunft. In seinem Roman „Snow Crash" prägte er schon Anfang der 1990er-Jahre den Begriff des Metaverse. Auch in „Termination Shock“ sind seine Gedankenspiele oftmals treffend, etwa wenn es darum geht, wie viel reale Macht Monarchien noch haben können oder wie weit Menschen und Regierungen und Schattenorganisationen gehen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Neal Stephenson: Termination Shock
Goldmann Verlag
München 2023
1008 Seiten
32 Euro

Grenzgeniale Momente gibt es, wenn etwa China und Indien, in Anspielung auf Einsteins Weissagung zum 4. Weltkrieg, ihre Grenzkonflikte mit Stöcken und Steinen austragen. Oder wenn die rechtsextreme Opposition in den Niederlanden sich dem Klimawandel entgegenstellt, als eine Flutkatastrophe beinahe Rotterdam überrollt. Schon gruselig authentisch zeichnet Stephenson den bereits heute zu beobachtenden Kampf um Deutungshoheit, die zunehmende Manipulation mittels Social Media und Deepfakes. Es geht um die Macht von Bildern und Kampagnen und ebenso darum, dass manches nur noch hingenommen werden kann – und so tatsächlich Realität erzeugt wird.

Ist das durch und durch visionär? Nein. Das Buch, 2021 im englischen Original erschienen und nun in deutscher Übersetzung veröffentlicht, hat sich teils schon überholt. Das liegt daran, dass sich seither viel verändert hat: Covid ist nur noch eine Randnotiz, es sind Kriege in der Ukraine und Nahost ausgebrochen, KI ist Megatrend, Bitcoin ist es nicht mehr, und China ist insgesamt nicht mehr so kurz davor, zum Bond-Bösewicht zu werden. Wasserstoff? Eher Alltagsthema als Zukunftsmusik.

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Dennoch macht es überwiegend Spaß, zu bemängeln ist aber die Übersetzung, die den Leser vor allem bei popkulturellen Anspielungen wie Internet-Memes vor Rätsel stellt. Fraglich ist zudem, ob manch detailversessener Exkurs, manch exzessive Hintergrundgeschichte hätte sein müssen. Und nahezu peinlich ist es zu lesen, wie Stephenson, ein Mittsechziger, sich das promiskuitive Leben der niederländischen Königin samt Chatverkehr mit ihrer Teenager-Tochter ausmalt.

Insgesamt ist die Lektüre ein guter Zeitvertreib, die nebenher ein bisschen bildet und auf die mit dem Titel „Termination Shock“ implizierte Frage hinausläuft: Was ist schlimmer - wenn wir das Klima beeinflussen oder wenn wir es lassen?

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