Neue Bücher: Dramen, Untergangsszenarien, Krisen – Drei Romane für die Ostertage
Düsseldorf. Romane bergen oft krisenbehaftete Geschichten. Einfach ist es dort eigentlich nie. Die Protagonisten haben ihre Päckchen zu tragen, die Zeiten sind oft schwierig.
Dennoch kann es großen Spaß bringen, diese Geschichten zu lesen. Weil sie gut geschrieben sind, tiefgründige Figuren entwerfen, zum Nachdenken und Lachen anregen. So wie diese drei Romane:
Paul Murray: Der Stich der Biene
Ist wirklich die Finanzkrise schuld? Schuld, dass Cass, die Teenie-Tochter der Familie Barnes, kurz vor dem Abitur in Alkoholexzessen zu versinken droht? Dass der zwölfjährige Sohn PJ sich völlig unverstanden und alleingelassen fühlt – und daher seine Flucht plant? Dass die Mutter, Imelda, die eigentlich den Bruder ihres Mannes geheiratet hätte, wäre dieser nicht gestorben, nun ihren Schmuck verscherbelt? Und dass das Autohaus des Vaters, Dickie, pleitezugehen droht?
Schon einmal hat Paul Murray ein Buch zur Zeit der Finanzkrise spielen lassen: „Der gute Banker“ ist eine bitterböse Komödie über die Krise einer ganzen Branche. Nun, in „Der Stich der Biene“, zeigt der irische Autor, was die Krise mit einer gut situierten Familie in den Midlands zu vollbringen vermag. Mit den Barnes.
„Wenn das Leben und die Welt auseinanderfallen, stellen sich die großen Fragen: Wann und warum begann der Untergang? Was hätte man tun können und wie weit müsste man zurückgehen, um die Geschichte zu ändern?“, heißt es im Intro des Buches. Und schnell wird klar, der Zerfall der Familie nahm seinen Ursprung weit vor der Finanzkrise.
Paul Murray: Der Stich der Biene
Übersetzung: Wolfgang Müller
Verlag Antje Kunstmann
München 2024
700 Seiten
30 Euro
Schon eine der vier Figuren bietet genug Stoff für ein großes Drama. Murray gibt jedem von ihnen den entsprechenden Raum, indem er die Kapitel abwechselnd aus Sicht der einzelnen Familienmitglieder erzählen lässt. Der Zeitraum ist immer der gleiche, die Perspektive eine andere.
Das macht es nicht immer einfach, dem Geschehen zu folgen, schließlich wechseln neben der Perspektive auch Zeit und Erzählstil. Im Part von Mutter Imelda verzichtet Murray gar ganz auf Interpunktion. Aber das Leben ist nun mal nicht einfach, erst recht nicht in der Krise. Murray schafft mit seinem scharfen Humor und der einfühlsamen Ausarbeitung der Charaktere trotz aller Probleme dennoch eine gewisse Leichtigkeit.
Isaac Rosa: Ein sicherer Ort
Wenn der globale Kollaps droht, lassen sich damit doch gute Geschäfte machen. So zumindest das Kalkül von Segismundo García, dem Protagonisten aus Isaac Rosas Roman „Ein sicherer Ort“. Der sichere Ort, das will er seinen Kunden weismachen, ist ein Minibunker, den sie in Keller, Tiefgarage oder Garten einbauen können. In den Mittelstandsvierteln Madrids läuft er von Tür zu Tür, als wollte er etwas so Gewöhnliches wie Staubsauger verkaufen.
Als wäre das nicht schon skurriler Plot genug, setzt der spanische Autor noch eins drauf: Segismundo García gibt es nämlich gleich drei Mal. Segismundo den Mittleren, den, der die Geschäftsidee ersonnen hat, Segismundo den Alten, seinen gleichnamigen Vater, von dem er sich den Hinweis auf ein Geldversteck aus Gaunereien vergangener Tage erhofft, und Segismundo junior, seinen gleichnamigen Sohn, der in der Schule statt mit guten Noten mehr mit seinen illegalen Sportwetten auffällt. Eine Handlung, die Rosa anhand eines einzigen Tages erzählt.
Isaac Rosa: Ein sicherer Ort
Übersetzung: Luis Ruby
Liebeskind
München 2024
320 Seiten
24 Euro
Der preisgekrönte Roman ist Drei-Generationen-Erzählung, Gesellschaftsporträt und Sozialstudie in einem. Einer übersättigten, zur Egozentrik neigenden Gesellschaft begegnet Segismundo mit einem „zum Skelett abgemagerten Gewissen“. Dies birgt so viel Witz, so viel Tragik, und gleichzeitig so viel Tiefgang, dass das Lesen zum reinen Vergnügen wird.
Margaret Atwood, Douglas Preston: Vierzehn Tage
Bitte nicht noch ein Corona-Roman? Doch, dieser muss unbedingt sein. Wenn Margaret Atwood ihre Finger im Spiel hat, dann ist es mehr als lohnenswert. Wenn sie sich mit Douglas Preston zusammentut, noch viel mehr. Hier die Grand Dame der Frauenrechtsliteratur, vielfach preisgekrönt, dort der renommierte Thriller-Autor, ehemaliger Präsident der Authors Guild Foundation, die sich gegen das Bücherverbot an US-Schulen einsetzt und der der Erlös des Buches zugutekommt.
Margaret Atwood, Douglas Preston (Hrsg.): Vierzehn Tage. Ein Gemeinschaftsroman
Übersetzung: P. Biermann, C. Blum, C. Burkhardt u.a.
dtv Verlagsgesellschaft
Berlin 2024
480 Seiten
25 Euro
In „Vierzehn Tage“ wagen Atwood und Preston das Experiment eines Gemeinschaftsromans. Er hat die Rahmenhandlung entworfen, sie einen Großteil der 36 amerikanischen und kanadischen Autorinnen und Autoren rekrutiert, im Alter zwischen Anfang 30 und Mitte 80, die die Handlung mit Protagonisten und Leben füllen. Dave Eggers ist dabei, John Grisham, Celeste Ng oder James Shapiro, aber auch in Deutschland unbekanntere Schriftsteller.
Jede und jeder von ihnen gibt einer Figur eine Stimme. Diese treffen sich im ersten Corona-Lockdown auf dem Dach ihres New Yorker Mietshauses, fünfstöckig, ohne Aufzug, eine wahre Bruchbude. Erst wollen sie nur Luft schnappen und für die Einsatzkräfte klatschen, so wie viele es getan haben. Dann aber fangen sie an, sich ihre Geschichten zu erzählen. Die Hausmeisterin zeichnet sie mit dem Handy auf, transkribiert sie später.
Die Geschichten sind so vielschichtig und unterschiedlich wie ihre Autoren, oft sind sie düster, handeln vom Tod, wenn auch nicht durch Corona verursacht, doch nicht weniger tragisch, nicht weniger prägend. Die Gesellschaft, eine Bruchbude. Aber nicht alle Geschichten enden schlecht. Die Hoffnung stirbt zuletzt.