Corona: Recherchen enthüllen Geheimdienst-Erkenntnisse zu Covid-Ursprung
Berlin, Peking, Washington. Die Corona-Pandemie hat seit ihrem Ausbruch Ende 2019 Schätzungen zufolge knapp sieben Millionen Menschen auf der Welt das Leben gekostet. Doch bis heute ist ungeklärt, woher das Sars-CoV-2-Virus stammt. Jetzt haben Medien-Recherchen neue Erkenntnisse ans Licht gebracht.
Eigentlich gingen viele Experten bislang von der Übertragung des Virus auf dem chinesischen Wildtiermarkt in Wuhan über ein Wirtstier an den Menschen aus. Das galt als plausibler als die andere Theorie: Dass das Virus durch einen Laborunfall im Wuhaner Institut für Virologie in die Welt gelangte.
Fundamental neue Einschätzung des BND
Doch nach Recherchen von „Zeit“ und „Süddeutscher Zeitung“ (SZ) hält der Bundesnachrichtendienst (BND) einen Laborunfall seit Jahren für wahrscheinlicher – und hat das bislang nicht kommuniziert.
Das ist eine bedeutende Veränderung. Zwar hatte Ende Januar bereits der US-Auslandsgeheimdienst CIA seine Einschätzung zum Ursprung des Corona-Virus geändert. Auch er hält nun einen Laborunfall für wahrscheinlicher, wenngleich mit „geringer Sicherheit“.
Für den BND wäre es aber eine fundamental andere Einschätzung als bisher bekannt. Im Mai 2020 – kurz nach Pandemiebeginn – hatte der deutsche Geheimdienst Abgeordnete über seine bis dato vorliegenden Erkenntnisse informiert und von einem „Informationskrieg“ zwischen Washington und Peking gesprochen. Für die These, das Virus stamme aus einem Labor, lägen keine Beweise vor.
Jetzt ändert sich diese Einschätzung, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – und macht das Thema wieder zum Politikum. Das chinesische Außenministerium spricht von „politischen Manövern“ und fordert, die Aufklärung Wissenschaftlern zu überlassen. Zugleich verweigert die Staatsführung eine unabhängige Untersuchung.
Das Handelsblatt gibt einen Überblick dazu, welche Informationen bekannt sind – und was weiter unklar ist.
Woher hat der BND die jetzt bekannt gewordenen Informationen?
Am Mittwoch hatten SZ und Zeit Berichte veröffentlicht, wonach BND-Agenten in einer Geheimoperation namens „Projekt Saaremaa“ bei der Suche in Wuhan auf unveröffentlichte Daten sowie interne Papiere chinesischer Forscher gestoßen seien.
Der BND stufte die Labortheorie demnach auf Grundlage dieses Materials und anderer Erkenntnisse als „wahrscheinlich“ ein. Der Nachrichtendienst sei sich zu „80 bis 95 Prozent“ sicher.
Einen endgültigen Beweis gebe es beim BND nicht. Die Neue Zürcher Zeitung schreibt, dass nicht alle beteiligten Forscher gleichermaßen überzeugt seien, dass das Virus eindeutig aus dem Labor komme. Details zu den neuen Informationen sind aber bislang nicht öffentlich.
Wie reagieren Politiker in Deutschland?
Die Veröffentlichung über die BND-Erkenntnisse kam für viele überraschend. Das für die Kontrolle der Geheimdienste zuständige Gremium im Bundestag kritisierte öffentlich, nicht vorab von der Bundesregierung darüber informiert worden zu sein, „welche konkreten Arbeitsthesen bezüglich des Ursprungs der Corona-Pandemie der Bundesnachrichtendienst prüft und aufklärt“.
FDP-Fraktionsvize Konstantin Kuhle, ein Mitglied des Geheimdienste-Kontrollgremiums, sagte dem Handelsblatt, die Bundesregierung müsse „alles tun, um die Öffentlichkeit über die Ergebnisse der Untersuchung des BND zu informieren“. Auch China müsse aktiv zur Aufklärung beitragen. „Nur wenn die Aufarbeitung in Deutschland transparent und nachvollziehbar erfolgt, kann die Bundesregierung auch gegenüber China auf Transparenz drängen“, sagte er.
Altkanzlerin Angela Merkel (CDU), wehrte sich angesichts der Berichte gegen Vertuschungsvorwürfe. Eine Sprecherin sagte dem Tagesspiegel: „Bundeskanzlerin a. D. Dr. Merkel weist den in Ihrer Frage formulierten Vorwurf ganz grundsätzlich zurück.“
Kanzler Olaf Scholz (SPD) sagte bei einem Pressetermin lediglich: „Was nachrichtendienstliche Erkenntnisse betrifft, ist dies nicht der Ort, darüber zu sprechen.“
Wie reagiert Peking?
Mao Ning, Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, sagte am Donnerstag, China wende sich „entschieden gegen alle Formen politischer Manöver bei der Rückverfolgung des neuen Coronavirus“. Sie verwies auf die internationale Expertengruppe, die Anfang 2020 unter gemeinsamer Leitung der Weltgesundheitsorganisation WHO und China nach Wuhan gereist war, um den Ursprung des Virus zu erforschen. In ihrem Abschlussbericht kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass das Virus wahrscheinlich natürlichen Ursprungs sei.
Allerdings kritisierte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus den Bericht und die Arbeitsbedingungen für die Experten. Es seien Rohdaten vorenthalten und Gespräche vor Ort von chinesischen Sicherheitsbehörden überwacht worden.
Die WHO hatte die Staatsführung Ende Dezember 2024 erneut aufgefordert, Daten über den Ursprung der Pandemie zu teilen. Dies sei ein „moralisches und wissenschaftliches Gebot“.
Das Misstrauen gegenüber China ist groß, auch weil lokale Behörden in Wuhan zu Beginn der Pandemie versucht hatten, den Ausbruch zu vertuschen.
Welche Position hat der BND nach bisherigen Erkenntnissen vertreten?
Der BND machte bereits im Januar 2020, kurz nach Ausbruch der Corona-Infektion im chinesischen Wuhan, die Frage zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit, woher das tödliche Virus stammte. In seiner Abteilung, die beispielsweise Waffen und Kampfstoffe analysiert, waren damals bereits zwei Virologen beschäftigt, die sich auch um Phänomene wie Epidemien kümmerten.
Schon bald diskutierten die Beamten dieser Abteilung die vor allem in den USA verbreitete Theorie, das Virus könne aus einem Labor in Wuhan entwichen sein. Dieses habe zwar die höchste Schutzstufe 4. Allerdings seien die Sicherheitsregeln des Öfteren missachtet worden – und Schutzanzüge nicht so getragen worden, wie es nötig gewesen wäre, hieß es aus westlichen Geheimdienstkreisen damals.
Der BND prüfte parallel stets auch die Theorie der Verbreitung des Virus über Tiere. Noch im Jahr 2021 hieß es in Geheimdienstkreisen, man schätze die Wahrscheinlichkeit eines Laborunfalls als Pandemieursache auf 50 Prozent ein.
Welche Einschätzung haben die US-Geheimdienste?
18 amerikanische Regierungsbehörden beschäftigen sich seit nunmehr fünf Jahren mit der Untersuchung zum Ursprung der Corona-Pandemie, darunter die verschiedenen Geheimdienste sowie Ministerien mit einer Geheimdienst-Abteilung.
Sie sind sich jedoch uneins. So stehen die Bundespolizei FBI und das Energieministerium bisher eher auf der Seite der Labortheorie-Befürworter, während andere Behörden den natürlichen Ursprung des Virus für das wahrscheinlichste Szenario halten. Der Auslandsgeheimdienst CIA war bis vor Kurzem unentschlossen.
Kurz nach Trumps Amtsantritt im Januar gab die CIA aber eine aktualisierte Einschätzung heraus: Man sei zu dem Schluss gekommen, dass das Covid-19-Virus „wahrscheinlich“ aus einem chinesischen Labor stamme. Allerdings könne man diesen Vorgang nur mit „geringer Sicherheit“ bestätigen. Die Variante eines natürlichen Ursprungs sei weiterhin „plausibel“. Es gebe keine neuen Erkenntnisse, die hinter der Kehrtwende der Behörde stehen, vielmehr habe man die vorhandenen Daten noch einmal genauer analysiert.
Die Neubewertung wurde kurz nach dem Amtsantritt des von US-Präsident Donald Trump berufenen CIA-Chef John Ratcliffe veröffentlicht. Dieser hatte bereits im Jahr 2020 die Ansicht vertreten, dass das Virus höchstwahrscheinlich durch einen Laborunfall entstanden sei. Trump hatte während seiner ersten Amtszeit die Corona-Pandemie lange heruntergespielt.