Rezension: Stinnes, Havenstein, Tucholsky: Lebensläufe im ökonomischen Wendejahr 1923
Die Hyperinflation an ihrem Höhepunkt: Am 1. November 1923 kostete ein Brot in Deutschland 1 Billion Reichsmark.
Foto: imago images/Harald LangeDüsseldorf. Hugo Stinnes? Lange nicht mehr diesen Namen gehört. Rudolf Havenstein? Wer war das noch? Und Kurt Tucholsky? Ja, der große Schriftsteller. Aber war der wirklich auch zeitweise mal Banker?
Wer seine Erinnerung auffrischen oder Erkenntnisse gewinnen möchte über diese drei durchaus prägenden Gestalten deutscher (Wirtschafts-) Geschichte, dem sei Jutta Hoffritz“ neues Buch „Totentanz, 1923 und seine Folgen“ dringend zur Lektüre empfohlen.
Stinnes, der Großindustrielle aus dem Ruhrgebiet, Havenstein, der einstige Reichsbankpräsident, und Tucholsky, Sohn eines jüdischen Bankkaufmanns, hatten es vor fast genau 100 Jahren mit einer ähnlich komplexen geopolitischen Lage zu tun, wie sie sich heute in Deutschland und Europa darstellt. Kriegsgetöse allerorten, eine hohe Inflation und düstere Konjunkturaussichten setzten den drei Protagonisten in der Frühphase der Weimarer Republik bei ihrem jeweiligen Wirken tüchtig zu.
Tatsächlich wird 1923 zu einer Art ökonomischem Wendejahr in Deutschland: milliardenhohe Reparationszahlungen infolge des Versailler Vertrags, stetig steigende Inflationszahlen und das Rheinland ist französisch besetzt – Depression macht sich breit, in der Hauptstadt und im ganzen großen Land.
Hugo Stinnes, damals 52 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, beschäftigt in seinem weitverzweigten Konzern 600.000 Menschen und gilt weltweit als größter Arbeitgeber. Zu seinem Imperium gehören Werften, Hochöfen, Bergwerke und Hotels, etwa das renommierte Atlantic an Hamburgs Außenalster.
Tucholsky war ein Journalist, Literatur- und Theaterkritiker, Erzähler, Lyriker, Chanson- und Briefeschreiber. Er war einer der bedeutendsten deutschen Feuilletonisten des 20. Jahrhunderts.
Foto: imago images/KHARBINE-TAPABORDer eher klein gewachsene Mann mit den wachen Augen verfügt über beste Kontakte in die Politik. Und nutzt diese auch weithin. Er sitzt schon mit am Tisch, als die Regierung mit den siegreichen Alliierten über die Reparationsleistungen verhandelt.
Auch als die Gewerkschaften später auf eine Vergesellschaftung des Kapitals drängen. Und erst recht, als es darum geht, im Verbund mit rheinischen Provinzpolitikern den französischen Einfluss zurückzudrängen.
Das alles wird auch im (fernen) Ausland argwöhnisch registriert. Im März erscheint die dritte oder vierte Ausgabe des damals soeben gegründeten „Time Magazine“ – mit Hugo Stinnes auf dem Titel. Ein Kaufmann aus dem Rheinland auf dem Cover des New Yorker Nachrichtenmagazins?
Die amerikanischen Journalisten schreiben in Anlehnung an seine politischen Ambitionen vom „Kohlekönig“, der nun offenbar nach der „Kaiserkrone“ strebe. So weit ist es dann ja nie gekommen, aber es dokumentiert den ungeheuren Einfluss Stinnes“ zur damaligen Zeit.
Der Topbanker Rudolf Havenstein ist im Januar 1923 bereits seit 15 Jahren Chef der Reichsbank. Als deren Präsident, inzwischen 65 Jahre alt, fühlt sich der preußische Spitzenbeamte stets den Hohenzollern eng verbunden.
Hyperinflation: Schwarzbrot für 400 Mark
Fünf Jahre nachdem Kaiser Wilhelm II. mit seinem Abdanken das Ende der Monarchie eingeläutet hatte, steht Havenstein vor der schwersten Aufgabe seiner Bankerkarriere: Der Mann mit der hohen Stirn und dem gezwirbelten Schnurrbart muss Geld beschaffen. Geld für die Siegermächte und Geld zur Verteidigung gegen die neuen Besatzer an Rhein und Ruhr.
Und er muss gleichsam die Inflation bekämpfen. Ein Schwarzbrot kostet zu jener Zeit fast 400 Mark, und fast täglich wird es teurer.
Um den Wechselkurs zum Dollar zu stützen, verkauft Havenstein Gold und Devisen aus den Tresoren der Reichsbank, er begibt Anleihen, die sich auch an Kleinsparer richten – alles zunächst ohne den gewünschten nachhaltigen Erfolg: Die Bauern weigern sich, ihr Korn gegen Mark zu verkaufen. Sie wollen Dollar. Oder Gold. 1,6 Millionen Mark kostet in diesen Tagen ein Dollar. Und der Laib Brot 69.000 Mark.
Der damals schon bekannte Autor Kurt Tucholsky, gerade 33 Jahre alt, beschließt, seine Schriftstellerkarriere nach Bestsellern wie „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ zu beenden. Trotz aller Erfolge bleibt sein Wohlstand bescheiden, und er tauscht seine scharfe Ironie gegen den Posten eines Volontärs beim Bankhaus Bett, Simon & Co.
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Tucholsky lernt dort alles, was ein Lehrling lernen muss: Kurse berechnen, Coupons schneiden, Wechsel bearbeiten. Die Kundschaft bearbeitet er erfolgreich mit seinem Wortwitz. Das Bankhaus erkennt sein Talent, er steigt schnell auf und sein Lohn wird täglich an die Inflation angepasst.
Gleichsam versuchen ihn seine alten Auftraggeber aus den Verlagshäusern wieder zum Schreiben zu überreden. Was auch gelingt, als die Inflation langsam wieder unter Kontrolle zu geraten scheint. Tucholsky kündigt in der Bank, um wieder als Autor zu arbeiten. Aber nicht länger in Deutschland, sondern er wandert quasi aus.
Stinnes, Havenstein, Tucholsky: Wer wissen will, wie sich diese drei extrem spannenden Lebensläufe und Karrieren weiterentwickelt haben und daneben noch viele andere mehr, wie jene der Künstlerin Käthe Kollwitz, der Tänzerin Anita Berber oder des Separatistenführers Hans Adam Dorten, dem wird Jutta Hoffritz“ Buch Vergnügen und Gewinn bescheren.
Es ist nach dem großen Erfolg „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ von Florian Illies ein weiteres Buch, das die Historien eines einzelnen Jahres beschreibt. Dabei aber immer wieder auch weiter, oft bis zum Ersten Weltkrieg episodenhaft zurückblickt, sodass es dem Leser nicht immer ganz leichtfällt, sich stets zeitlich korrekt zu orientieren – vielleicht der einzige Makel einer ansonsten gelungenen geschichtlichen Erzählung.