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Starregisseur im Interview Oliver Stone: „Kapitalismus ist in sich gewalttätig“

Der amerikanische Filmemacher hat ein Buch über sein Leben geschrieben. Ein Gespräch über die Wall Street, das System Hollywood und das große Trauma JFK.
24.10.2020 - 08:46 Uhr Kommentieren
„Ich schrieb das Buch, um vom Kino wegzukommen. Hin zu wirklich Wichtigem.“ Quelle: AFP
US-Regisseur Oliver Stone

„Ich schrieb das Buch, um vom Kino wegzukommen. Hin zu wirklich Wichtigem.“

(Foto: AFP)

München Es ist der letzte Tag für Oliver Stone nach zwei Wochen in Europa. Der US-Regisseur redet im Konferenzraum eines Münchener Hotels über seine Autobiografie. Sie blickt zurück auf wilde Jahre, auf ein Leben mit Partys, Drogen, Frauen. Er bedauere nichts, sagt der Oscar-Gewinner, schlimm sei nur die Abhängigkeit von Kokain gewesen. Deshalb zitiert er Robert De Niro aus dem Film „Heat“ so gerne: „Du musst von allem in zwei Minuten davonkommen.“

Mister Stone, Sie legen Ihre Autobiografie vor, die wirklich nichts auslässt. Wäre das ein guter Stoff für einen Film?
Oliver Stone: Die Antwort in Hollywood auf Ihre Frage lautet: Hängt vom Drehbuch ab. Und dann vom Schauspieler, vom Regisseur, vom Geld.

Das würde sich vermutlich lösen lassen.
Offen gestanden habe ich nicht an Verfilmung gedacht. Ich schrieb das Buch, um vom Kino wegzukommen. Hin zu wirklich Wichtigem. Ich habe die Vergangenheit noch mal erlebt, aus Neugier, nicht aus Nostalgie. Es ist so viel so schnell passiert.

Einen großen Raum nehmen Ihre aus Paris stammende Mutter und Ihr Vater ein, ein ehemaliger US-Armeeoffizier.
Ich habe viel über mich gelernt. Zum Beispiel was es bedeutet, halb amerikanisch, halb französisch zu sein. Mein Vater ist der Autor in mir, er hat mich früh zum Schreiben motiviert. Das ist meine dunkle, einsame Seite. Meine Mutter dagegen war glamourös und liebte Filme, sie brachte mich zum Kino. Das ist meine gesellige Seite.

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    Ihr Buch endet 1986. Da sind Sie 40 und haben erste Kinohits. Warum haben Sie nicht Ihr ganzes Leben betrachtet?
    Der Drehbuchautor-Impuls in mir fordert: Struktur, Struktur, Struktur. Diese ersten 40 Jahre sagen alles über meinen Charakter.

    Oder waren die folgenden 34 Jahre im Vergleich einfach zu langweilig?
    Die Dinge beschleunigten sich. Ich machte 16 weitere Filme und acht Dokumentationen. Mein Buch handelt von einer Person, die sich ihren Traum erfüllt. Es war eine lange, harte Suche, mit viel Ablehnung und Enttäuschung. Am Anfang, mit 23, stand das Drehbruch zu einem Film namens „Break“, aus dem nichts wurde. Und dann, mit 40, war ich auf dem Gipfel der Welt.

    Aus „Break“ machten Sie „Platoon“– die radikale Abrechnung mit dem Vietnamkrieg. Die Schlachten im Dschungel hatten Sie als Freiwilliger selbst erlebt.
    „Platoon“ war die Nummer drei in den USA und lief überall auf der Welt. Dafür habe ich einen Oscar von Elizabeth Taylor überreicht bekommen – die ich als Junge so sehr liebte. Zum einzigen Mal in meinem Leben waren sich die Filmkritiker einig: Das ist ein Klassiker. Ich wusste aber gleichzeitig: Jetzt komme ich wieder in tieferes Wasser.

    In Ihrer Oscar-Dankesrede erklärten Sie, so etwas wie ein zweites Vietnam solle nie mehr passieren. Sehr erfolgreich waren Sie mit diesem Wunsch nicht.
    Meine Absicht war, die USA als Imperium zu hinterfragen. Warum verhielt sich das Land so wie in Vietnam und in El Salvador?

    Das sind Beispiele, in denen Washington mit Waffen eingriff. Sie verbinden Amerika immer wieder mit Gewalt.
    Ja, Aggressivität macht die Natur dieser Nation aus. Es gibt ja auch etwas Deutschland in Amerika, nicht wenige der Vorfahren kamen von dort (lacht). Tatsächlich bekommen viele Kinder in den USA schon früh im Fernsehen viel Gewalt mit. Da werden in Shows Menschen im Namen der Unterhaltung getötet. Das wird man nicht mehr los.

    So erklären Sie die Liebe zu Waffen?
    Gewalt hat in den USA etwas Erlösendes. Der Held darf den anderen töten, weil der zuerst etwas Böses gemacht hat. Geschockt bin ich über Werbung für das Militär im TV und über Videospiele, die den Krieg simulieren. Wir haben keine Feinde, Terroristen gibt es zu wenige, also haben wir uns mit den Russen, Chinesen, Iranern, Nordkoreanern, Venezolanern und wem sonst noch angelegt.

    Gewalt hat in den USA etwas Erlösendes. Der Held darf den anderen töten, weil der zuerst etwas Böses gemacht hat.

    Mit Deutschland gibt es Streit wegen der russischen Pipeline Nord Stream 2.
    Das wurde auch zu einer Angelegenheit internationaler Wichtigkeit. Die USA sagen den Deutschen, was zu tun ist, und die scheinen zu gehorchen.

    Was ist los mit Ihrer Heimat?
    Die USA sind ein solch gigantisch weites Land. Da ist Fernsehen das einzige verbindende Element. Doch dort werden kaum Informationen vermittelt. Das ist im Internet viel besser, aber das Netz ist stärker fragmentiert. Da viele Amerikaner auch nicht ins Ausland reisen, kommen viele Missverständnisse auf. Eine Person wie Donald Trump nutzt das aus. Er kann mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger schmähen, dabei hat das Land gut von Migration gelebt.

    Wenn wir schon bei Gewalt sind: Wie drückt sich das in der Wirtschaft aus?
    Kapitalismus ist in sich gewalttätig. Der Einfluss von Banken, Finanzfirmen und Zentralbanken wächst und wächst. Die Konservativen haben es geschafft, die Regulierung zu dämpfen. Das große Geld geht in die Märkte. Schauen Sie sich Amy Coney Barrett an, die künftige Richterin am Supreme Court: Mich besorgt nicht, was sie über Abtreibung denkt, sondern wie sie große Konzerne vorbehaltlos unterstützt.

    Ihr Vater arbeitete als Broker an der Wall Street. Wie erlebten Sie den Wandel zur riesigen Finanzindustrie?
    Alles veränderte sich radikal in den 1980er-Jahren durch Präsident Ronald Reagan. Auf einmal zierten Geschäftsleute statt Filmstars die Titelseiten der Zeitschriften. Leute wie Donald Trump kamen auf, die laut ihre Deals ausriefen. Junge Leute machten von jetzt auf gleich Millionen. Das war lächerlich! Insiderinformationen wurden illegalerweise verkauft, Finanzkapitalisten räuberten Firmen aus. Kurzum: Aktionäre wurden reich auf Kosten des Landes. Diese Kultur breitete sich dann schnell auch in Europa aus.

    Oliver Stone: Chasing the Light. Die offizielle Autobiografie.
    FBV
    München 2020
    350 Seiten
    24,99 Euro

    Damals formte Sandy Weill, der letzte Arbeitgeber Ihres Vaters, die Citigroup.
    Weill verband viele Firmen zum Konglomerat und stellte das Land auf den Kopf. Das Berufsbild des stolzen Brokers war passé.

    Im Film „Wall Street“ haben Sie mit dem Spekulanten Gordon Gekko die Symbolfigur für Finanzexzesse geschaffen. Jeder kennt Gekkos Spruch: „Gier ist gut.“
    Beabsichtigt war die Botschaft: „Gier ist nicht gut.“ Aber manchmal verstehen die Leute das nicht. Wie mein Vater glaube ich an Kapitalismus und freie Märkte. Dinge müssen fair im offenen Wettbewerb gehandelt werden. Aber was heißt heute „fair“? So, wie sich Wirtschaft ins Extreme auswächst, hat sie keinen Nutzen für die Gesellschaft. Rockefeller würde sich im Grab umdrehen.

    Haben Sie Hoffnung auf Änderung?
    Mein Film „Wall Street II“ handelt davon, wie Gekko alt wird und seinen Schneid verliert. Er wird aus dem Geschäft gedrängt. Es gibt sofort neue Gesichter der Gier.

    Ihre ersten Filme „Salvador“ und „Platoon“ wurden von der britischen Firma Hemdale produziert. Konnten Sie nur jenseits von Hollywood Erfolg haben?
    Hemdale-Eigentümer John Daly war ein Träumer. Er hatte das Geld nicht, aber er organisierte es. Es waren Low-Budget-Filme, von denen man keinen großen Erfolg erwartete. Kein Studio hat mich am Anfang als Regisseur unterstützt. Hollywood finanzierte später auch meinen Film über den Whistleblower Edward Snowden nicht.

    Wie ist das US-Filmsystem heute?
    Hollywood ist eine amorphe Masse. Vieles wiederholt sich. Alle sind an einem Ort versammelt: Schauspieler, Drehbuchautoren, Regisseure, Studiobosse. Der Output ist beeinflusst von der Zeit und dem Umfeld. Amerika lebt von Fetischen, schnell entwickelt sich etwas wie #MeToo oder Black Lives Matter. Und dann greift TV auch noch eine erfolgreiche Idee aus einem Film sofort auf. Warum aber soll man aus zwei Stunden Kino eine Zehn-Stunden-Serie machen?

    So, wie sich Wirtschaft ins Extreme auswächst, hat sie keinen Nutzen für die Gesellschaft. Rockefeller würde sich im Grab umdrehen.

    Ihr Buch haben Sie „Chasing the Light“ genannt. Geht es um die Jagd nach Ruhm, nach dem Scheinwerferlicht?
    … eher um das innere Licht (lacht). Als Regisseur hat man das Problem, eine Szene an einem Tag abzudrehen. Um drei Uhr nachmittags hat man fünf Shots vor sich, um fünf Uhr noch drei, und das Licht verschwindet um sechs. Wie schaffst du das? Das ist immer ein Rennen gegen die Zeit. Du kriegst nur, was du brauchst, und nicht, was du willst.

    Offenbar ist diese Jagd nach Licht Ihr Weg, mit den zwei Traumata Ihres Lebens fertig zu werden: der Scheidung Ihrer Eltern und dem Vietnamkrieg.
    Ja, aber da ist noch ein drittes Trauma. Das ist die Ermordung von Präsident John F. Kennedy 1963. Mir ist erst viel später klar geworden, was das für mich bedeutet. Sie töteten damals den Geist von Amerika. Sie töteten den Mann, der in seiner zweiten Amtsperiode mutig Frieden mit Russland gesucht und die Militärpolitik geändert hätte. Das Attentat wurde nie richtig untersucht. Und dann hätte nach JFK sein Bruder Robert noch acht Jahre regieren können. Jesus Christus, wie hätte sich das Land verändert!

    Später kam Richard Nixon, der nach der Watergate-Affäre zurücktreten musste.
    Nixon hat auch gute Sachen getan. Aber natürlich war es ein großer Schaden für das Land, dass er den Vietnamkrieg verlängert hat. Und er hat viel gelogen. Danach hat mein Land nicht mehr aufgehört zu lügen.

    Herr Stone, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Schauspielerin Jella Haase: „Die Pandemie war für das Kino Glück im Unglück“

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