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Produktion für KikMehr als 900 Tote in Bangladesch

In der vor rund zwei Wochen eingestürzten Textilfabrik in Bangladesch sind jetzt mehr als 900 Tote geborgen. Das Land schließt andere Fabriken aus Sicherheitsgründen. Und der Textilhändler Kik steht wieder in der Kritik.afp und Martin Dowideit 09.05.2013 - 09:11 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Die Aufräumarbeiten an der eingestürzten Fabrik in einem Vorort von Dhaka gehen auch am Mittwoch weiter.

Foto: AFP

Dhaka. Die Zahl der geborgenen Leichen nach dem verheerenden Fabrikeinsturzes in Bangladesch ist am Mittwoch auf mehr als 900 gestiegen. Es seien bislang 912 Leichen gefunden worden, sagte der Armeebeamte Sadiq Walid am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Das achtstöckige Gebäude in einem Vorort von Dhaka, das mehrere Textilfabriken beherbergte, war am 24. April eingestürzt. Zum Zeitpunkt des Unglücks sollen sich etwa 3.000 Menschen darin aufgehalten haben. 2.437 Menschen wurden nach offiziellen Angaben lebend geborgen. Zwölf mutmaßliche Verantwortliche für die Katastrophe sind mittlerweile festgenommen, darunter der Besitzer des Gebäudes und leitende Mitarbeiter mehrerer Textilfirmen.

Als Reaktion haben die Behörden des Landes 18 andere Textilfabriken aus Sicherheitsgründen geschlossen. Insgesamt 16 Fabriken seien in der Hauptstadt Dhaka und zwei weitere in der Stadt Chittagong im Südosten des Landes geschlossen worden, sagte Textilminister Abdul Latif Siddique. Seinen Worten nach soll auch die Arbeit in weiteren Werken aufgrund von neuen strengen Sicherheitsregeln eingestellt werden.

Textilproduktion und die Verantwortung des Verbrauchers
„Das meiste, was hier verkauft wird, kommt aus Asien“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Modeverbands GermanFashion, Thomas Rasch. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes importierte Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 1,17 Millionen Tonnen Bekleidung im Wert von fast 25,8 Milliarden Euro aus 130 Ländern. Etwa ein Drittel kam aus China, mit etwas Abstand folgen Bangladesch, die Türkei und Indien. Kleidung, die über die Niederlande, Italien und Frankreich eingeführt werde, komme oft auch aus Niedriglohnländern, sagt Rasch.
Viele Näherinnen bekommen nach Informationen der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) nicht genug Geld, um sich und ihre Familien ausreichend zu ernähren. „Der Lohn reicht nicht aus, um ein Leben in Würde zu führen“, sagt CCC-Expertin Kirsten Clodius. Dazu kämen sehr lange Arbeitszeiten und Sicherheitsmängel wie vergitterte Fenster und verriegelte Notausgänge. Fabrikbesitzer verböten den Näherinnen oft das Reden und kontrollierten Toilettengänge. In Kambodscha habe es sogar Massen-Ohnmachtsanfälle gegeben. Menschenrechtler und Umweltschützer warnen zudem vor womöglich giftigen Farben und Kinderarbeit.
Auch hochpreisige Kleidung wird oft in Asien genäht. „Der Verkaufspreis eines T-Shirts bei uns gibt keinen Aufschluss darüber, wo es hergestellt ist“, sagt Clodius. In einer Fabrik werde oft für mehrere Auftraggeber gearbeitet. Darunter seien auch hochwertige Markenhersteller, räumt auch Rasch ein. Diese Markenhersteller machen ein besonders gutes Geschäft: Die Kampagne für Saubere Kleidung rechnet damit, dass die Lohnkosten einer in Asien genähten 100-Euro-Jeans bei nur einem Euro liegen. Die Werbung mache 25 Euro aus, satte 50 Euro stecke der Handel ein.
Nein. Die Näherinnen hätten ihre Organisation selbst darum gebeten, keine Boykottaufrufe zu starten, berichtet Clodius. Sie hätten Angst, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Laut Rasch könnte ein Boykott in Bangladesch 70 Prozent der Textil-Industrie zusammenbrechen lassen.
Darüber gibt es Streit. Der Modeverband sieht Produktionschefs und Politiker in den Herstellerländern in der Pflicht. Hier herrsche viel zu oft „ein Raubtierkapitalismus“, sagt Rasch. Auch Kunden aus Deutschland könnten helfen: „Ich darf keine Jeans für 9,90 Euro kaufen!“ Diese Preise seien mit normalen Arbeitsbedingungen nicht zu erreichen. Die Kampagne für Saubere Kleidung hält dagegen, dass auch hochpreisige Kleidung in den asiatischen Fabriken produziert werden. Die Unternehmen dürften sich nicht dahinter verstecken, dass sie lediglich Auftrag- und nicht Arbeitgeber seien. Die Gewerkschaft Verdi will mit ihrer Initiative „exchains“ über Gewerkschaften und Arbeitssicherheit aufklären.
Nach Verdi-Berechnungen würden ein T-Shirt oder eine Bluse nur 12 Cent mehr kosten, wenn deutsche Textilhändler in ihrer Kalkulation für jede Näherin im Monat 50 Euro mehr berücksichtigen würden. Damit würden viele Arbeiter etwa doppelt so viel verdienen wie jetzt. Rasch gibt aber zu bedenken, dass es das Lohngefüge im Land durcheinanderbringen könne, wenn nur die Näherinnen, nicht aber Bauern oder Rikscha-Fahrer plötzlich mehr Geld bekämen.
Es gibt für Mode kein einheitliches Siegel, das sowohl Umwelt- als auch Arbeitsstandards zusammenfasst. Ein grünes Label mit weißem Hemd steht für „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) - zu den Kriterien gehören das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ein rot-weißes Label mit dem Aufdruck „IVN zertifiziert NATURTEXTIL“ findet sich auf Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Seide. Es steht auch für die Einhaltung von Sozialstandards am Arbeitsplatz und die Einhaltung geregelter Arbeitszeiten. Auch das Öko-Zeichen „Textiles Vertrauen nach Oeko-Tex Standard 100plus“ steht mit für die Einhaltung von Sozialkriterien.

Das NDR-Magazin „Panorama“ berichtet über ein Foto, das nahelegt, dass auch Kleidungsstücke der aktuellen Kollektion der Textilhandelskette Kik in den Trümmern der eingestürzten Fabrik gefunden wurden. Das Bild zeige eine Bluse aus der aktuellen „Verona Pooth Kollektion 2013“.

Zunächst hatte Kik gesagt, seit 2008 keine direkten Beziehung zu der Fabrik mehr zu haben. Der „Panorama“-Redaktion teilte das Unternehmen jetzt mit: „Unsere Nachforschungen haben (...) ergeben, dass indirekt über einen unserer Importeure bis Anfang dieses Jahres dort produziert wurde. Obwohl zum Zeitpunkt des Unglücks alle unsere Waren bereits verschifft und auch über diesen Importeur keine neuen Aufträge platziert waren, müssen wir jetzt kritisch hinterfragen: Warum ließ dieser Importeur dort Ware produzieren?“

Am Donnerstag ereignete sich ein weiteres Unglück in einer Textilfabrik in Bangladesch. Bei einem Brand in einem Werk in der Hauptstadt Dhaka wurden mindestens acht Menschen getötet. Nach Angaben der Feuerwehr erstickten die Opfer. Unter den Toten waren laut Polizei keine Arbeiter, da der Brand in der Nacht ausbrach, als die Produktion ruhte. Zu den Opfern zählen demnach der Besitzer der Fabrik, vier seiner Mitarbeiter sowie zwei Polizisten. Die Ursache für den Brand war zunächst unklar.

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