Gesundheit: Gebäudereiniger fordern Ende der telefonischen Krankschreibung
Berlin. Das laufende Jahr dürfte einen neuen Rekordstand bei den Krankmeldungen von Beschäftigten bringen. Denn schon zwischen Januar und August – also vor der Grippesaison – kamen laut AOK-Bundesverband auf 100 Versicherte rund 225 krankheitsbedingte Arbeitsausfälle. Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2021 waren es nur knapp 160 Krankheitsfälle auf 100 Versicherte pro Jahr.
Der Bundesinnungsverband der Gebäudedienstleister führt den Anstieg auch auf die Möglichkeit zurück, sich telefonisch krankzumelden. Diese wurde in der Coronapandemie als Sonderregelung eingeführt und mehrfach verlängert. Seit Dezember 2023 ist die Krankschreibung per Telefon wieder grundsätzlich möglich.
Und seither hat sich der Krankenstand bei den Gebäudereinigern deutlich erhöht. Gut 71 Prozent der bundesweit mehr als 400 Mitgliedsunternehmen, die der Innungsverband im September online befragt hat, berichten von einem Anstieg. Bei knapp 29 Prozent der Unternehmen ist der Krankenstand konstant geblieben, bei 0,8 Prozent gesunken. Bei rund jedem 13. betroffenen Betrieb hat sich der Krankenstand sogar um bis zu 30 Prozent erhöht. Die Befragungsergebnisse liegen dem Handelsblatt vorab vor.
Christian Lindner ist für eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung
„Die telefonische Krankschreibung war in der Pandemie sinnvoll – nun gereicht sie unseren Betrieben den Zahlen nach aber eindeutig zum Nachteil“, sagt Bundesinnungsmeister Thomas Dietrich. Es sei deshalb richtig, dass die Bundesregierung im Rahmen ihrer Wachstumsinitiative die telefonische Krankschreibung überprüfen wolle.
Gut acht von zehn der befragten Gebäudedienstleister sind für die Abschaffung. Finanzminister und FDP-Chef Christian Lindner hatte sich ebenfalls dafür ausgesprochen. Allerdings geht der AOK-Bundesverband bisher nicht davon aus, dass das Instrument in nennenswertem Umfang missbräuchlich genutzt wird.
Vielmehr könne es sein, dass durch die elektronische Krankschreibung und die automatische Übermittlung an die Versicherungen Krankheitsfälle nun umfassender erfasst würden. Allerdings wissen die Kassen in der Regel gar nicht, auf welchem Weg die Krankschreibung erfolgt ist.
Denn in den Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen, die Ärzte an die Kassen verschicken, ist nicht vermerkt, ob es einen persönlichen Besuch in der Praxis, eine Videosprechstunde oder nur einen Telefonanruf gab. Daten darüber würden nicht erfasst, teilte beispielsweise die Barmer auf Anfrage mit.
Sorge bereitet den Gebäudereinigern der hohe Krankenstand aber auch, weil sie stark steigende Kosten im Sozialversicherungssystem fürchten. Auf einer Skala von 1 bis 10 rangiert dieses Thema mit 7,8 Punkten an zweiter Stelle – nur getoppt von der Sorge vor zunehmenden Eingriffen der Politik in die Tarifautonomie.
Erstpublikation: 10.10.2024, 04:15 Uhr