Rentenpolitik: Die Rente war mal sicher – bis die Politik sie demontierte
Berlin. „Du hast die Zahlen vor dir und siehst: Wenn du das laufen lässt, knallt das irgendwann. Irgendeiner bezahlt das, im Zweifel die zukünftigen Generationen. Ich habe mir damals gesagt: Da darfst du nicht kneifen, du musst sagen, was Sache ist. Und ob man ein Sozialdemokrat ist oder nicht, ist dann egal.“ (Franz Müntefering zur Rente mit 67, 26.09.2025)
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Knallen hätte es auch an diesem Freitag können. Für 11.20 Uhr war die Abstimmung über das Rentenpaket im Bundestag angesetzt. Gegen 13:30 Uhr, herrschte Gewissheit: Die Regierung erreichte die Kanzlermehrheit. Friedrich Merz war nicht düpiert, die Koalition erst einmal gerettet. Doch eines hat die Junge Gruppe mit ihrem Protest trotzdem erreicht: die Rentendebatte in eine neue Richtung zu lenken.
Seit mehr als zehn Jahren folgt eine Rentenausweitung auf die nächste, mit immer neuen Begriffen: Mütterrente, Rente ab 63, Grundrente, doppelte Haltelinie. So erfinderisch wie in der Rentenpolitik waren Union und SPD sonst nirgends.
Die Konsequenzen werden jetzt deutlich sichtbar. Deutschland steht am Kipppunkt: Die Babyboomer gehen in Rente, die Beitragszahler werden weniger, der Beitragssatz könnte explodieren. Das stellt Union und SPD vor große Herausforderungen, die sie schon lange kennen – und lange ignorieren.
War die Rente Anfang der 2010er-Jahre solide aufgestellt, „hat die Politik dieses nachhaltige Rentensystem nach und nach kaputt gemacht“, lautet das Fazit des Rentenexperten Axel Börsch-Supan. In den 2000er-Jahren hatte die SPD die Rente mit der Einführung einer privaten Altersvorsorge, des „Nachhaltigkeitsfaktors“ und der Rente mit 67 noch entschlossen reformiert. Doch nach der Agenda 2010 waren die Rentenreformen eine weitere Zumutung für die Genossen.
Die in den 2010er-Jahren blendend laufende Konjunktur verschaffte Union und SPD vermeintlich den Spielraum, die Rentenkürzungen rückgängig zu machen. Die Hoffnung: Mehr Renten-Gerechtigkeit wird den Populismus zurückdrängen. Es kam anders. Die AfD wurde immer stärker, während die Probleme im Rentensystem immer größer wurden.
Das Handelsblatt hat rekonstruiert, wie Union und SPD ein funktionierendes Rentensystem über mehr als ein Jahrzehnt Schritt für Schritt destabilisiert haben – mit Entscheidungen, die heute Milliarden kosten und die nächste Generation massiv belasten könnten. Wie konnte ein im Kern solides System so aus dem Gleichgewicht geraten? Und lässt es sich überhaupt noch reparieren?