Künstliche Intelligenz: Zweifel am Hype um KI-Aktien wachsen
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, die vergangenen Tage und Wochen hätten ihn erbracht. Künstliche Intelligenz (KI) ist und bleibt das spannendste Thema an den globalen Aktienmärkten. Wobei spannend zwei Bedeutungen hat – erfolgversprechend, aber auch nervenaufreibend.
Daten, die den Erfolg beweisen, sind leicht zu finden. Die Experten von Morningstar haben ausgerechnet, dass derzeit etwa 80 Prozent der globalen Mittelzuflüsse in Themenfonds auf KI-Investments entfallen. Bislang ist der Optimismus der Anleger belohnt worden, denn den Daten zufolge war KI in den vergangenen 18 Monaten das Investmentthema mit der besten Performance.
Das zeigt auch ein Projekt der Investmentbank Goldman Sachs, die im vergangenen Sommer einen Korb mit 50 Aktien vorstellte, die langfristig vom Megatrend KI profitieren sollen. Dieses Portfolio hat in diesem Jahr nach Zahlen des Informationsdienstes Bloomberg 22 Prozent an Wert gewonnen, deutlich mehr als die US-Technologiebörse Nasdaq.
Aber mit diesen Zahlen ist die KI-Gretchenfrage noch nicht beantwortet, und die lautet: Sind die Investoren zu euphorisch? Laufen die Aktienkurse den erhofften Produktivitätsgewinnen durch den breiten Einsatz von KI davon?
Energiefresser KI: Reicht unser Strom? / Warum die Zoll-Eskalation zwischen USA und China schlecht für Europa ist
Bloomberg hat einen originellen Ansatz gefunden, um zumindest ein bisschen mehr Klarheit zu gewinnen. Die Experten haben gezählt, wie oft das Schlagwort KI bei der Präsentation der Unternehmensergebnisse für die ersten drei Monate dieses Jahres auftauchte.
Das Ergebnis dieser Analyse für Firmen aus den Aktienindizes S&P 500, Nasdaq 100 und Stoxx Europe 600: In dieser Quartalssaison ist die Verwendung des Begriffs im Vergleich zu den vier vorangegangenen Berichtszeiträumen stark zurückgegangen. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Unternehmen skeptischer werden, was die Effizienz- und Erlöspotenziale von KI angeht.
Auf jeden Fall scheinen die Investoren kritischer zu werden. Als die Facebook-Mutter Meta hohe Investitionen in die Implementierung von KI ankündigte, stellten viele Anleger erstaunt fest, dass der Einsatz der Künstlichen Intelligenz erst einmal viel Geld kosten wird. Diese Kosten sind ein Fakt, während die wirtschaftlichen Vorteile erst einmal in die Kategorie Hoffnungswert fallen. Deshalb brach die Meta-Aktie nach den Quartalszahlen ein und hat sich von diesem Schock noch immer nicht vollständig erholt.
Wenn die Bewertungen und Erwartungen hoch sind, kann jede schlechte Nachricht das Vertrauen untergraben. Der Konzern ASML, der Maschinen für die Produktion von komplexen Chips herstellt, meldete etwas schwächere Aufträge als erwartet. Die Folge war ein Kursrutsch bei Chipherstellern wie Arm. Auch diese Aktie hat sich noch nicht vollständig von ihren Verlusten erholt, und die Experten von Morningstar bleiben misstrauisch, weil sie Arm für stark überbewertet halten.
Dass das Thema KI nicht mehr automatisch bei den Investoren zieht, zeigt auch das Beispiel Alphabet. Der Mutterkonzern von Google kündigte am Mittwoch an, seine dominierende Internet-Suchmaschine mit KI-Funktionen umzukrempeln. Diese News reichten nur für ein Plus von 0,7 Prozent an der Börse.
Kurz vor dem Ende der Quartalssaison lässt sich die Lage so zusammenfassen: Der KI-Boom ist nach wie vor in Takt, aber er ist fragiler geworden, und damit steigt auch die Gefahr von Rückschlägen an der Börse.
Der große Test steht allerdings noch aus. Am 22. Mai veröffentlicht Nvidia seine Zahlen, und der Weltmarktführer beim Thema KI-Computing hat jede Menge zu beweisen. Allein in diesem Jahr ist der Kurs um gut 90 Prozent gestiegen, und obwohl die Aktie deutlich höher bewertet ist als der Durchschnitt der Nasdaq, raten 90 Prozent der von Bloomberg erfassten Analysten noch immer zum Kauf.