Aktienhandel: Wie das Coronavirus die chinesischen Märkte trifft
Ökonomen tun sich schwer mit einer Einschätzung der Situation, weil sie den Verlauf der Epidemie nicht vorhersehen können.
Foto: dpaPeking, Düsseldorf. Am Montag hätte eigentlich der Alltag langsam wieder anlaufen sollen in China. Doch die Straßen in Millionenmetropolen wie Peking und Schanghai, die U-Bahnen, in denen sich sonst Menschen auf dem Weg ins Büro aneinanderquetschen, sie blieben leer.
Obwohl die Ferien offiziell wieder vorbei sind, haben sehr viele Provinzen den Unternehmen empfohlen oder vorgeschrieben, ihre Geschäfte wegen des Coronavirus nicht wieder aufzunehmen. Fast alle sind dem gefolgt und haben die Betriebsferien bis Anfang nächster Woche verlängert.
Auch viele deutsche Unternehmen sind betroffen. Volkswagen und BMW verlängerten die Werksferien in China bis zum 10. Februar. Shenyang ist mit 18.000 Mitarbeitern der weltweit größte BMW-Standort. Der Pharmakonzern Merck setzt in den kommenden 14 Tagen auf Homeoffice für seine rund 4000 Beschäftigten in China. (Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen beim Thema Coronavirus in unserem Newsblog).
Nur vereinzelte Einrichtungen und Firmen mit Ausnahmegenehmigung starteten den Betrieb wieder. Eine davon war das Telekommunikationsunternehmen Huawei, ebenso wie die Börsen in Schanghai und Shenzhen: Was darauf folgte, war ein Absturz um bis zu neun Prozent im Tagesverlauf, bei dem die Kurse das nachholten, was mit der Börsenschließung aufgeschoben worden war.
Dabei hatte die chinesische Regierung zuvor noch versucht, die Lage zu beruhigen. Gleich am Morgen versorgte die chinesische Zentralbank die Märkte mit mehr Liquidität. Analysten zufolge hat sie damit immerhin Schlimmeres verhindert. Zur Wiedereröffnung der Börsen stellte die Zentralbank den Geschäftsbanken 1,2 Billionen Yuan (rund 156 Milliarden Euro) an liquiden Mitteln zur Verfügung. Laut dem Finanzdienst Bloomberg ist das die größte Unterstützung durch die chinesische Regierung seit 2004.
Neben den monetären Maßnahmen erwarten Experten nun vor allem fiskalische Hilfen, etwa Steuererleichterungen. Viele Zentralabteilungen und Regionalregierungen setzten bereits Maßnahmen ein, um Unternehmen beim Export zu unterstützen, sagte Chinas Vize-Wirtschaftsminister Wang Bingnan am Montag.
Kritik an Börsenhandel während Corona-Krise
Die Ökonomen tun sich schwer mit einer Einschätzung der Situation, weil sie den Verlauf der Epidemie nicht vorhersehen können. Karsten Junius vom Bankhaus Sarasin nennt als schlechtesten Fall: „Wenn die Probleme mit dem Coronavirus in den nächsten Monaten nicht gelöst werden, ist eine Rezession in China möglich. Die Gefahr ist, dass dadurch Lieferketten unterbrochen werden. Das hätte drastische Auswirkungen auf den Welthandel und Deutschland.“
Chefvolkswirt John Lonski von Moody’s Capital Markets hatte schon vor dem Wochenende gewarnt: „Eine Coronavirus-Pandemie könnte ein größerer ‚Schwarzer Schwan‘ als die globale Finanzkrise und die große Rezession von 2008 und 2009 werden.“ Als „Schwarzer Schwan“ wird an den Finanzmärkten ein unerwartetes Ereignis von enormer Tragweite bezeichnet.
Holger Schmieding von Berenberg sieht die möglichen Probleme auch, fügt aber hinzu: „Ich wäre bei der jetzigen Nachrichtenlage nicht überrascht, wenn der Coronaeffekt das deutsche Wachstum im ersten Quartal um etwas weniger als 0,1 Prozentpunkt vermindern würde.“
Jörg Krämer von der Commerzbank sagt: „Anders als bei zurückliegenden Krisen hat Corona bisher nicht zu einem weltweiten Vertrauenseinbruch geführt“. Er kalkuliert: „Im ersten Quartal würden in unserer Beispielrechnung die deutschen Exporte nach China um drei Prozent sinken. Aber weil nur acht Prozent der deutschen Exporte nach China gehen, geht es am Ende beim deutschen Bruttoinlandsprodukt um Zehntelprozentpunkte.“
Der Kursverfall am Montag trieb auch die Menschen in China um. Am Morgen gehörte die Börse zu den zehn meistkommentierten Themen auf dem chinesischen sozialen Netzwerk Weibo. Einige kritisierten, dass die Märkte in einer solch kritischen Phase überhaupt geöffnet haben.
Über das Wochenende war die Zahl der Todesopfer auf über 360 und die der Infizierten auf mehr als 17.000 Menschen angestiegen. Das Coronavirus und die damit verbundenen Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Erregers setzen den Unternehmen in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt weiter zu.
„Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat die Epidemie immer größere Auswirkungen auf die Wirtschaft“, sagte Lian Weiliang, Vize-Chef der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) Chinas auf einer Pressekonferenz. Insbesondere das Transportwesen, die Kultur und das Reisewesen, das Hotel- und Gaststättengewerbe, Film und Fernsehen, Unterhaltung sowie andere Bereiche des Gastgewerbes seien betroffen, sagte Lian. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft seien jedoch temporär und kurzfristig.
Wachstums-Einbruch erwartet
Weniger betroffen als der Tourismussektor ist bislang das produzierende Gewerbe. „Man darf nicht vergessen, dass nach dem chinesischen Neujahrsfest die Produktionstätigkeit in dieser Zeit normalerweise gering ist und nicht sofort wiederkommt“, sagte Tao Wang, China-Chefvolkswirtin bei der Schweizer Großbank UBS. Eine Auswertung der Bank zeigt auch: China trägt ein Fünftel zur globalen Wirtschaftsleistung und zu den Tourismusausgaben bei. Der Anteil am Welthandel hat sich seit 2003, als die Sars-Epidemie ausbrach, mehr als verdoppelt.
Ökonomen schätzen, dass Sars die Weltwirtschaft rund 40 Milliarden Dollar gekostet hat; allein China büßte damals den Schätzungen zufolge 17,5 Milliarden Dollar seines Bruttoinlandsprodukts ein. Das Coronavirus trifft zudem die Märkte in einer Phase, in der die Aktienindizes von Rekord zu Rekord eilen und die Bewertungen ausgereizt scheinen. Das macht das Virus für die Finanzmärkte gefährlicher als Sars damals, vor allem für die konjunktursensitiven Bereiche.
Ökonomen gehen davon aus, dass sich das Wachstum Chinas im ersten Quartal deutlich verlangsamt. So rechnet UBS mit einem Wirtschaftswachstum von nur 3,8 Prozent. Im vierten Quartal hatte es noch bei sechs Prozent gelegen. Schwieriger zu prognostizieren ist, wie sich die Folgen des Virus auf den Rest des Jahres auswirken werden.
Nach der Überwindung der Sars-Krise hatte es eine deutliche Erholung der Märkte gegeben. Doch dieses Mal hat sich das Virus bereits weiter verbreitet als seinerzeit Sars. Je nachdem, wie schnell sich die Situation normalisiert, rechnet die UBS mit einem Wachstum von 5,4 Prozent im Gesamtjahr.
Goldman Sachs hat die Wachstumsprognose für China für das erste Quartal von 5,6 auf 4,0 Prozent gekürzt. Selbst unter optimistischen Annahmen über den Verlauf der Epidemie sei für das Gesamtjahr nur mit 5,5 Prozent zu rechnen, heißt es in einer Studie vom Montag – zuvor lag die Schätzung bei 5,9 Prozent.
Ein Prozentpunkt Wachstum weniger in China bedeute gut ein Zehntelprozentpunkt weniger in der Euro-Zone. Dabei seien Deutschland und Italien relativ stark, Frankreich und Spanien dagegen weniger betroffen, schreiben die Goldman-Experten. Das Wachstum der Weltwirtschaft könne 2020 trotz der Epidemie noch leicht auf 3,25 Prozent zulegen. Grundlage der Schätzungen ist die Annahme, dass die Regierungen es schaffen, die Rate neuer Infektionen gegen Ende des ersten Quartals „scharf nach unten“ zu bringen.
Ob das gelingt – davon hängt alles ab. Bei einer Pandemie wie der Spanischen Grippe nach dem Ersten Weltkrieg mit mindestens 25 Millionen Todesfällen würde die Weltwirtschaft um fast fünf Prozent einbrechen, hat die Weltbank ausgerechnet.