Dax-Umfrage: Anleger werden immer pessimistischer – doch die Rally könnte weitergehen
Dax-Anleger bleiben skeptisch.
Foto: dpaDüsseldorf. Je höher der Dax steigt, desto größer die Erwartung, dass der deutsche Leitindex bald wieder abrutscht. Das zeigen die Daten der aktuellen Handelsblattumfrage Dax-Sentiment.
Mit einem Wert von minus 2,6 notiert die Erwartung an die Dax-Entwicklung in drei Monaten auf dem niedrigsten Wert seit dem Sommer 2020. Damals, wenige Monate nach dem Corona-Crash, wollten die Anleger es nicht wahrhaben, dass die Pandemie an Schrecken verliert und der Dax wieder steigt.
Ansonsten gibt es zu dem aktuell hohen Zukunftspessimismus nur wenige Vergleichswerte. Sentimentexperte Stephan Heibel hat die Datenbank seiner AnimusX-Analysen durchsucht, die eine längere Historie als die Dax-Sentimenterhebung aufweist, die es erst seit September 2014 gibt.
So gab es bereits im Mai 2006 einen ähnlich hohen Wert, kurz vor Beginn der großen Immobilienkrise. „Die Sentimentdaten haben die Katastrophe damals offensichtlich vorausgesagt“, erläutert Heibel. Ähnliche Werte gab es im Juni 2009, drei Monate nach dem Tiefpunkt des Immobiliencrashs, sowie im Januar 2010.
Das zeigt: Im Nachgang einer großen Finanzkrise blieb der Pessimismus lange Zeit erhalten, die Erholung an den Finanzmärkten wurde ebenfalls ungläubig beobachtet. Schließlich gab es noch einen Extremwert im Juni 2022. Damals wurde den Anlegern allmählich klar, dass der russische Krieg gegen die Ukraine länger dauern dürfte.
Heibel vergleicht den heutigen extremen Pessimismus mit den Werten aus den Jahren 2009 und 2010, als die Erholung nach dem Crash schon deutliche Kursgewinne hervorbrachte und die vielen negativen Ereignisse, die zunächst ursächlich für den Crash waren, noch nicht gelöst waren. „Beispielsweise stolperte die Deutsche Bank nach der großen Finanzkrise über Jahre von einem Skandal zum anderen.“ Denn ein Tief im Aktienmarkt bildet sich nach Heibels Erfahrung nicht, wenn die Probleme gelöst werden. „Ein Tief bildet sich dann, wenn Anleger die Tragweite der Probleme abschätzen können.“
Die Aktienmärkte steigen bereits, während die Katastrophe erst Wirkung zeigt. Kommt dann irgendwann endlich eine Lösung in Sicht, so befindet sich der Aktienmarkt meist schon in der Nähe seines Hochs. „Alles in allem haben wir also eine durchaus konstruktive Stimmungsentwicklung“, meint Heibel. Zumindest kurzfristig dürften Rückschläge überschaubar bleiben. Offen bleibe aber, wie nah der Dax bereits am Hoch liegt und welche künftigen Krisen der Rally ein Ende setzen könnten.
Hinter Erhebungen wie dem Dax-Sentiment mit mehr als 8000 Teilnehmern stehen zwei Annahmen: Wenn viele Anlegerinnen und Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben nur wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben können. Umgekehrt gilt: Wenn die Anlegerinnen und Anleger pessimistisch sind, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.
Mit dem Ukrainekrieg, der Diskussion über die Unabhängigkeit von Taiwan und den Bankproblemen in den USA gibt es genügend Probleme und drohende Gefahren, um den extremen Pessimismus zu erklären. Doch solange die Situation nicht eskaliert, dürften die Aktienmärkte weiter steigen, meint der AnimusX-Inhaber.
Ebenfalls als Unterstützung für die derzeitige Rally dient die Tatsache, dass die steigenden Kurse vergangene Woche, inklusive neuer Jahreshochs, von Anlegern für Gewinnmitnahmen genutzt wurden. Die Investitionsquote, die zuvor noch auf extrem hohem Niveau lag, ist vergangene Woche deutlich zurückgegangen, ohne dass die Kurse abrutschten.
Das Anlegersentiment ist leicht auf 3,5 Punkte angestiegen, nach 2,7 Punkten in der Vorwoche. Erst ab einem Wert von vier herrscht Euphorie, die eher als Belastung für weiter steigende Kurse gilt. Die derzeitige Stimmung ist nur moderat positiv.
Auch die Selbstzufriedenheit ist mit einem Wert von plus 2,4 Punkten ähnlich. Ein Blick in die Historie zeigt aber: Seit November 2021 waren die Umfrageteilnehmer nicht mehr so selbstzufrieden wie Ende der vergangenen Woche. Im schwachen Börsenjahr 2021 schlug die Selbstzufriedenheit in Verunsicherung um und verharrte für ein Jahr kontinuierlich im negativen Bereich.
Selbst die seit Ende September angelaufene Rally konnte die Verunsicherung nur sehr langsam beseitigen. Erst jetzt herrscht moderate Selbstzufriedenheit.
Aufgrund des aktuell hohen Zukunftspessimismus will kaum ein Anleger noch kaufen. Die Investitionsbereitschaft liegt bei 0,0 Punkten, nach minus 0,1 in der Vorwoche. Beide Werte sind die niedrigsten seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges.
Privatanlegerinnen und -anleger sichern sich aktuell wieder etwas mehr gegen Kursrisiken ab. Das zeigt das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der private Investoren handeln. Dieser Indikator ist auf minus drei gefallen. Anleger kaufen also etwas mehr Put-Hebelprodukte, die bei sinkenden Kursen im Wert steigen.
Ein ähnliches Bild zeigt das Put/Call-Verhältnis der Frankfurter Terminbörse Eurex, über die sich institutionelle Anleger mit Put-Optionen gegen fallende Notierungen absichern. Der Wert von plus 2,3 zeigt eine verhältnismäßig starke Nachfrage. Und auch das Put/Call-Verhältnis der Chicagoer Terminbörse zeigt eine leicht erhöhte Absicherungsneigung an.
US-Fondsmanager haben ihre Investitionsquote um 14 Prozentpunkte auf 59 Prozent reduziert. Auch hier wird die defensive Ausrichtung sichtbar.
Die Bulle/Bär-Differenz der US-Privatanleger zeigt einen Schwund der Optimisten. Vor einer Woche war jeder dritte optimistisch gestimmt, nun sind es nur noch 26 Prozent. Die ehemaligen Bullen sind ins Lager der Neutralen gewechselt. Das Bärenlager bleibt unverändert bei 35 Prozent. Also ist nicht der Pessimismus gestiegen, sondern die Optimisten haben wohl Gewinne eingestrichen und warten auf den Wiedereinstieg.
Der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier-Indikator“ der US-Märkte notiert bei 67 Prozent und zeigt leichte Gier an. Der wesentlich schneller schwankende technische Indikator „Short Range Oscillator“ des US-Börsenbarometers S&P 500 ist trotz des kontinuierlichen Anstiegs der Aktienkurse leicht auf plus vier Prozent zurückgegangen. Der Markt gilt weiterhin als überkauft, ist also zu schnell zu hoch gestiegen. Doch die rückläufige Volatilität hat bei weiter moderat steigenden Kursen für eine leichte Normalisierung bei diesem Indikator gesorgt.
Positive Stimmung am Goldmarkt
Die Stimmung am Goldmarkt ist nun nachhaltig positiv. Nur neunmal in den vergangenen 17 Jahren war dieser Wert nachhaltig positiver. In sechs der neun Fälle gab es höhere Kurse sechs Monate später. Durchschnittlich legte der Goldpreis um 6,3 Prozent zu.
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