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Emerging Markets„Kein guter Zeitpunkt“ – Investments in Schwellenländern könnten für Anleger zum Risiko werden

Investoren ziehen wie 2013 und 2015 massiv Geld aus Schwellenländern ab. Sie fürchten, sich dort die Finger zu verbrennen. Anleger sollten daher sehr vorsichtig agieren.Frank Wiebe und Jan Mallien 03.10.2020 - 20:12 Uhr Artikel anhören

Die Finanzierung aus dem Ausland spielt in der Türkei eine große Rolle.

Foto: AP

Frankfurt. Robin Brooks ist besorgt: „Da braut sich ein ‚Risk-off‘ in den Schwellenländern zusammen“, twitterte der Chefvolkswirt der Großbanken-Organisation IIF in Washington am Mittwoch. „Risk-off“ ist die Kurzformel dafür, dass die Investoren kalte Füße bekommen und ihr Geld abziehen – was im Ergebnis zu entsprechenden Kurseinbrüchen führt.

Brooks vergleicht das Ausmaß der Abflüsse mit ähnlich dramatischen Verschiebungen in den Jahren 2013 und 2015. Vor gut sieben Jahren hatte Ben Bernanke, der damalige Chef der US-Notenbank (Fed), das sogenannte Taper Tantrum ausgelöst: eine Schockreaktion der Märkte infolge der Ankündigung, die Fed werde ihre lockere Geldpolitik wieder etwas zurückfahren. Im Jahr 2015 sorgte China für Verunsicherung. Damals kam Sorge auf, die Chinesen könnten ihre eigene Währung massiv abwerten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Es war eine Art Vorspiel zum heutigen Handelskonflikt mit den USA.

Die gegenwärtigen Abflüsse kommentierte Brooks mit den Worten: „Und das passiert, während die Unsicherheit rund um die US-Wahlen gerade erst auf den Schirm kommt.“ Erst danach wurde bekannt, dass sich US-Präsident Donald Trump das Coronavirus eingefangen hat. Das potenziert die Unsicherheit einmal mehr.

Ähnlich äußert sich der Vermögensverwalter Jupiter AM: „Schwellenländeraktien sind stark in den Monat September gestartet, doch die Gewinne seit dem Monatsbeginn wurden durch den breiten Marktausverkauf Anfang vergangener Woche wieder zunichte gemacht.“ Gefährlich wurde es überall, wo die Finanzierung aus dem Ausland eine große Rolle spielt, zum Beispiel auf globaler Ebene bei Banken und Rohstoffunternehmen und insgesamt in der Türkei.

Das IIF hat einen Tag nach Brooks Warnruf die zugehörigen Daten veröffentlicht. Sie bestätigen: Die Dramatik ist eine sehr neue Entwicklung. Sie zeigt sich in den High-Frequency-Daten, also den Informationen, die quasi in Echtzeit das Geschehen abbilden. Für den gesamten September schätzen die IIF-Ökonomen den Zufluss an Kapital in Schwellenländer-Wertpapiere noch auf 2,1 Milliarden Dollar. Das liegt erheblich über dem August-Wert von 0,7 Milliarden Dollar. Erst im späteren Verlauf des Monats schlug die Angst der Investoren durch, die zuvor noch durchaus optimistisch waren.

Die Daten zeigen aber auch ein sehr gespaltenes Bild. Denn die Aktienmärkte der Schwellenländer verloren im gesamten Monat 10,8 Milliarden Dollar. Anleihemärkte hingegen legten um 12,9 Milliarden Dollar zu. Raus aus Aktien, rein in Anleihen: Auch das symbolisiert, dass der größte Optimismus ein Ende hat. Allein vier Milliarden Dollar flossen aus dem chinesischen Aktienmarkt heraus – ein Hinweis darauf, wie sehr geopolitische Spannungen mit dem daraus entspringenden Handels- und Technologiekrieg eine Rolle spielen.

Schwellenländer sind immer wieder stark von Ereignissen abhängig, die sich vor allem in den entwickelten Ländern abspielen. Die US-Investoren, die allein vom Volumen her weitgehend die Märkte beherrschen, reagieren nach einem simplen Schema: Wenn sie zuversichtlich sind, gehen sie Risiken ein und investieren auch in wirtschaftlich schwächeren Regionen. Sobald die Sorgen zunehmen, heißt es „Risk-off“ – sie holen das Geld nach Hause.

Die Schwellenländer, deren Kapitalmärkte noch relativ klein sind, spüren die Wucht besonders. Eine minimale Bewegung gemessen am US-Kapitalmarkt kann für einzelne Emerging Markets verheerende Auswirkungen haben. Das hat sich bereits in der großen Finanzkrise nach 2008 gezeigt: In einzelnen Ländern wie etwa Ägypten wurde der Aktienmarkt zuvor dramatisch aufgepumpt, was viele lokale Kleinanleger an die Börse lockte. Dann brach der Markt quasi zusammen, und die mutigen Investoren vor Ort wurden praktisch enteignet.

Für private Anleger ist die heutige Situation der Schwellenländer schwer einzuordnen. Der Chefvolkswirt der US-Investmentfirma MFS, Eric Weisman, ist skeptisch. „Das ist kein guter Zeitpunkt, um dort zu investieren,“ sagt er. Was Länder wie Brasilien, Südafrika oder Mexiko aus seiner Sicht benötigen, ist ein Umfeld, in dem der Rest der Welt wächst und der US-Dollar schwächer tendiert.

Die US-Währung hat zwar seit Anfang Mai im Vergleich zum Euro an Wert verloren. Gegenüber den meisten Schwellenländer-Währungen aber legte sie auf Jahressicht kräftig zu. Das bremst die Wirtschaft, denn viele Unternehmen und Staaten haben sich in US-Dollar verschuldet. Optimistisch ist Weismann jedoch für China. Dort erwartet er bald wieder ein Wachstum von fünf bis sechs Prozent.

Gegen den Strom schwimmen?

Wer jetzt noch schnell aus den Schwellenregionen aussteigt, tut dies unter Umständen mit Verlust – und stellt dann fest, dass sich die Situation in einigen Wochen oder Monaten wieder umdreht. Schließlich ist es möglich, dass die US-Wahl ohne juristischen Streit über den Ausgang verläuft.

Was bleibt, sind die in einigen Ländern sicher verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie. Viele Schwellenländer haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, den dadurch entstehenden Problemen durch hohe Schuldenaufnahmen entgegenzuwirken. So ist die die momentane Krise allenfalls eine Chance für Anleger, die buchstäblich gegen den Kapitalstrom schwimmen wollen, um sich günstige Einstiegskurse zu sichern.

Das führt zwangsläufig zur Frage, wozu ein Investment in Schwellenländern überhaupt gut sein kann. Für fast alle Investoren – und das gilt noch mehr für Privatanleger – eignen sich diese Regionen kaum als Kern eines Portfolios, sondern eher als Beimischung.

Die amerikanische Allianztochter Pimco führt als mögliche Motive für den Kauf von Schwellenländer-Anleihen einerseits die Suche nach Rendite an, etwa bei China-Bonds. Andererseits kann durch ein Investment ein Teil des Portfolios so angelegt werden, dass sich der Wert entgegengesetzt zum Aktienmarkt bewegt. Wie die IIF-Daten zeigen, bewegen sich Anleihen und Aktien innerhalb der Schwellenländer tatsächlich zum Teil gegenläufig. Bei einem Risk-off jedoch fliehen die Anleger aus beiden Bereichen.

In der Tat bieten Anleihen der Schwellenregionen wenigstens noch etwas laufende Rendite. Darauf weist auch der Experte David Furey von der US-Bank State Street hin. Er warnt allerdings: „Für einige Länder, die sich in harter Währung verschuldet haben, sind die Herausforderungen groß.“

Wie Anleger investieren könnten

Als ein drastisches Beispiel nennt er das kleine Land Belize, das zu 90 Prozent vom Tourismus lebt, der aktuell praktisch nicht stattfindet. Der State-Street-Experte empfiehlt daher eher Anleihen in lokaler Währung. Auf den ersten Blick sind die zwar risikoreicher als die in harter Währung, womit vor allem der Dollar gemeint ist. Schließlich leiden bei einem Risk-off auch die Währungen der Schwellenländer. Auf der anderen Seite kann es bei Zinspapieren in harter Währung eher zu Zahlungsschwierigkeiten kommen, wenn der jeweiligen Regierung das Geld ausgeht.

Die Entwicklung in den vergangenen Wochen bestätigt die allgemeine Wahrnehmung: Schwellenländer sind ein heißes Thema. Derzeit haben viele Investoren Angst, sich dort die Finger zu verbrennen. Doch wer viel Mut und etwas Geld übrig hat, kann darin auch eine Chance sehen.

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Furley rät, in Indizes statt in einzelne Papiere zu investieren. Weil es sehr schwierig ist, Länder und Regionen mit ihren jeweils sehr unterschiedlichen Problemen richtig einzuschätzen, sei in dem Bereich „das aktive Management sehr teuer“, betont er. State Street nennt in dem Zusammenhang Indizes wie den JP GBI-EM Global Diversified für Staatsanleihen in lokalen Währungen und den JP EMBI Global Diversified für Staatspapiere in harter Währung.

Beide lassen sich durch börsengehandelte Fonds (ETFs) abbilden. Die lokale Variante ist zum Beispiel als iShares J.P.Morgan EM Local Govt Bond ETF zu haben (Wertpapierkennnummer A1JADV). Ganz ähnlich lassen sich die Schwellenländer-Aktien über den MSCI Emerging Markets Index kaufen. Einen entsprechenden ETF bietet unter anderem Lyxor an (ISIN FR001042906).

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