Strategie: EZB-Kaufprogramme werden die Renditen noch für einige Jahre kräftig drücken
Katharina Uthermöhl ist Senior Economist bei der Allianz.
Foto: Allianz SEFrankfurt. Katharina Utermöhl spricht Klartext: Die Hoffnung auf höhere Zinsen können sich Anleger vorerst abschminken. Die Coronakrise hat dazu geführt, dass die Europäische Zentralbank noch mehr Geld in die Märkte fließen lässt. Der Effekt daraus ist groß und währt lange, sagt die Allianz-Ökonomin.
Am Jahresende dürften die Anleihezinsen zwei Prozentpunkte niedriger sein, als sie ohne den Eingriff der Geldpolitiker wären, und noch in zehn Jahren dürfte dieser Druck fast einen Prozentpunkt ausmachen. Immerhin: Die Inflation wird auf absehbare Zeit nicht anziehen. Längerfristig könnten die Preise wieder etwas mehr steigen.
Lesen Sie hier das gesamte Interview:
Frau Utermöhl, wie lange müssen Sparer noch unter Null- und Minuszinsen leiden?
Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft im Euro-Raum bis 2023 brauchen wird, um wieder ihr Vorkrisenniveau zu erreichen. So lange dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) am heutigen Zinsniveau festhalten.
Wie sieht es bei Anleihen aus? Die Regierungen werfen riesige Volumina auf den Markt, das müsste zu höheren Renditen führen.
Dagegen stehen aber die massiven Käufe der EZB. Die derzeit laufenden Kaufprogramme zusammen mit der Wiederanlage fälliger Wertpapiere werden die Renditen noch für einige Jahre kräftig drücken. Bei der zehnjährigen Bundesanleihe etwa dürfte der zinssenkende Effekt nach unserer Kalkulation sogar im Jahr 2030 noch rund 90 Basispunkte (0,9 Prozentpunkte) betragen, nach etwa 200 Basispunkten Ende 2020.
Andere Euro-Länder müssen den Anleiheinvestoren mehr Rendite bieten. Vielfach heißt es aber, dass die EZB zu hohe Risikoaufschläge gar nicht zulassen kann, um die Stabilität dieser Staaten nicht zu gefährden.
Wir beobachten, dass die EZB für italienische Staatsanleihen den Aufschlag gegenüber der Bundesanleihe bei 2,8 bis 3,0 Prozentpunkten begrenzt.
Betreibt die EZB auf diese Weise implizit eine Art Steuerung der Zinskurve?
Es handelt sich hierbei eher um eine Steuerung der Risikoprämien. Ein konkretes Ziel wird zwar nicht kommuniziert, doch angesichts klarer Äußerungen vonseiten der EZB, jedweder Fragmentierung im Euro-Raum entgegenzutreten, haben die Märkte mittlerweile gut verstanden, wo sie die Linie im Sand gezogen hat.
Für die Anleger sind vor allem die Realzinsen wichtig, also der ausgewiesene Prozentsatz minus der Inflationsrate. Welche Preissteigerungen erwarten Sie in der Zukunft?
Die Krise belastet die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen mehr als das Angebot, daher ist kurzfristig kaum ein stärkerer Preisauftrieb zu erwarten. Für 2021 rechnen wir angesichts anhaltender Überkapazitäten, auch auf dem Arbeitsmarkt, mit nur 1,2 Prozent Inflation im Euro-Raum.
Aber wie sieht es längerfristig aus?
Der Ausstieg aus diesen bisher noch nicht da gewesenen Stützungsmaßnahmen, zu denen ja zum Beispiel auch Kurzarbeitergeld und staatliche Kreditgarantien gehören, wird sehr schwierig. Nach bisheriger Erfahrung werden die Entscheidungsträger sehr vorsichtig agieren, denn niemand will die Erholung aufs Spiel setzen. Daher sehe ich längerfristig eher das Risiko einer etwas höheren Inflation.