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BankengipfelDeutsche-Bank-Chef sieht Standort Deutschland in Gefahr

Vorstandschef Christian Sewing warnt vor politischer Instabilität in Deutschland. Zudem fordert er die Bevölkerung auf, „mehr und wieder härter zu arbeiten“.Andreas Kröner, Yasmin Osman 05.09.2024 - 14:53 Uhr Artikel anhören
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing (links) mit Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes auf dem Bankengipfel. Foto: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Frankfurt. Die Deutsche Bank warnt nach den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen vor einem weiteren Abstieg der Bundesrepublik im globalen Standortwettbewerb. „Der Rest der Welt blickt schon seit einiger Zeit immer skeptischer auf Deutschland“, sagte Vorstandschef Christian Sewing am Mittwoch beim Bankengipfel des Handelsblatts.

Hinzu komme jetzt noch die Sorge um die politische Stabilität. „Die war – neben unseren exzellenten Unternehmen – stets eines der stärksten Argumente, um hier zu investieren“, sagte Sewing. „Jetzt aber ist dieses Argument teilweise infrage gestellt.“

Bei den Wahlen in Thüringen und Sachsen war die in beiden Bundesländern als rechtsextrem eingestufte AfD stärkste beziehungsweise zweitstärkste Partei geworden. Das Bündnis Sahra Wagenknecht erzielte in beiden Ländern aus dem Stand zweistellige Ergebnisse. Eine Regierungsbildung gilt als sehr schwierig.

Die Ergebnisse der Landtagswahlen hätten ihn schockiert, sagte Sewing. „Ich bedaure den starken Zulauf für Parteien mit extremen Positionen und hätte mir – wie sicher die allermeisten von uns – einen anderen Ausgang gewünscht.“

Deutschland müsse das Wählervotum als Weckruf begreifen, um nun endlich gegenzusteuern, forderte der Deutsche-Bank-Chef. „Wir müssen den Menschen zeigen, dass die Lösung für ihre Probleme in der gesellschaftlichen Mitte und nicht an ihren Rändern liegt.“ Dazu gehöre, dass Deutschland dauerhaft wettbewerbsfähig bleibe.

Mit durchschnittlich 28 Stunden pro Woche und einer Rente mit 63 werden wir es nicht schaffen.
Christian Sewing
Deutsche-Bank-Chef

Bereits heute würden Investoren an der Reformfähigkeit, „aber insbesondere immer mehr an unserer Leistungsfähigkeit und unserem Leistungswillen zweifeln“, sagte Sewing. „Das ist alarmierend.“ Zu mehr Wachstum in Deutschland werde es nur kommen, „wenn wir auch unsere Haltung zur Arbeit ändern; wenn wir bereit sind, sicherlich anders, aber insgesamt mehr und wieder härter zu arbeiten“, so die Einschätzung des Managers.

„Hierfür brauchen wir endlich mehr Anreize, die Arbeit und Leistung honorieren.“ Die Wochen- und Lebensarbeitszeit müsse erhöht werden. „Mit durchschnittlich 28 Stunden pro Woche und einer Rente mit 63 werden wir es nicht schaffen.“ In einem ersten Schritt müsse Deutschland den EU-Durchschnitt von 33 bis 34 Arbeitsstunden pro Woche erreichen.

Sewing mahnte darüber hinaus Reformen für bezahlbare Energie, weniger Bürokratie, angemessene Regulierung, moderne Infrastruktur und bessere Finanzierungsbedingungen an.

Die Banken müssten in Berlin und Brüssel noch deutlicher machen, „dass Europa ohne eine starke Finanzindustrie in dieser geopolitischen Lage noch mehr Schwierigkeiten bekommen wird“, sagte Sewing. „Ebenso müssen wir klarmachen, dass wir uns ohne global relevante Banken zu sehr von ausländischen Anbietern abhängig machen.“

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Internationale Investoren würden künftig einen Bogen um Europa machen, wenn es keinen Finanzplatz habe, der mit New York, London oder Singapur mithalten könne, sagte Sewing. In Deutschland müssten alle gemeinsam daran arbeiten, dass das Zentrum der europäischen Finanzindustrie „hier in Frankfurt am Main sitzt“.

Kein Interesse an einem Kauf der Commerzbank

Zurückhaltend äußerte sich der Vorstandschef zur Frage, ob die Deutsche Bank einen neuen Fusionsanlauf mit der Commerzbank unternehmen könnte. Die Bundesregierung hatte am Dienstagabend angekündigt, ihren Anteil zu reduzieren.

Für die Deutsche Bank habe es Priorität, ihre Eigenkapitalrendite von aktuell acht Prozent bis 2025 aus eigener Kraft auf über zehn Prozent zu erhöhen, sagte Sewing. Darauf werde in den kommenden 18 bis 24 Monaten seine volle Aufmerksamkeit liegen. „Das, was außen passiert, hat nicht meinen Fokus.“

Sollte eine ausländische Bank – wie die italienische Unicredit – die Commerzbank übernehmen, hätte Sewing damit nach eigenem Bekunden kein Problem. Bereits heute gebe es in Deutschland starke Auslandsbanken, sagte er. Das sei per se nichts, „was schlecht ist. Ich glaube, Konkurrenz belebt das Geschäft.“

Er gehe grundsätzlich davon aus, dass es in Europa in den nächsten Jahren zu einer Konsolidierung des Bankensektors komme, wenn die Regulatoren dafür die richtigen Weichen stellten. Es bleibe jedoch eine Herausforderung, Übernahmen gut zu managen. Solange es die Chance gebe, die Bank aus eigener Kraft deutlich nach vorne bringen, konzentriere er sich darauf.

Sewing steht seit 2018 an der Spitze der Deutschen Bank und hat ihr 2019 einen radikalen Schrumpfkurs mit Tausenden Stellenstreichungen verordnet. Der größte Teil der Restrukturierung ist inzwischen abgeschlossen. Mehrere Investoren wünschen sich von Sewing nun neue Impulse für die Weiterentwicklung des Geldhauses.

Die Aktie der Deutschen Bank hat seit Jahresbeginn zwar rund 20 Prozent zugelegt. Im Vergleich zu seinem Eigenkapital wird das Institut jedoch weiter extrem niedrig bewertet. Bei der Deutschen Bank beträgt das Kurs-Buchwert-Verhältnis lediglich 0,46 – verglichen mit 0,54 bei der Commerzbank, 1,05 bei der niederländischen ING und 2,02 beim größten US-Institut JP Morgan.

Mit dem Kurs-Buchwert-Verhältnis könne er nicht zufrieden sein, räumte Sewing ein. Auf der anderen Seite sei die Aktie der Deutschen Bank im zurückliegenden Jahr gestiegen und liege nun bei rund 14,50 Euro. „Das ist jetzt erst mal gar nicht so schlecht.“

Bedarf für eine neue Strategie sieht Sewing nicht, stattdessen brauche es eine „konsequente Abarbeitung der Agenda, die wir uns gegeben haben“, sagte der Vorstandschef. Er sei zuversichtlich, dass die Bewertung der Bank anziehen wird, wenn die Bank bis 2025 die angepeilte Eigenkapitalrendite erreicht.

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Erstpublikation: 05.09.2024, 11:45 Uhr

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