Dax-Konzern: Deutsche Börse erwartet Rückenwind durch die Zinswende
Der Konzern hat am Mittwochabend Zahlen vorgelegt.
Foto: dpaFrankfurt. Die Deutsche Börse rechnet nach einem mühsamen Jahr 2021 mit einer deutlichen Geschäftsbelebung. Wegen der geopolitischen Unsicherheit und der Zinswende erwartet der Konzern im laufenden Jahr stärkere Ausschläge an den Märkten und eine höhere Handelsaktivität.
Im vergangenen Jahr habe dem Unternehmen wegen der gesunkenen Volatilität an den Märkten und der weltweiten Niedrigzinsen ordentlich Gegenwind ins Gesicht geblasen, sagte Finanzchef Gregor Pottmeyer. „Das wird sich jetzt komplett drehen in Rückenwind.“ Von der Zinswende werde die Börse in vielen Bereichen profitieren.
Dank Zinserhöhungen in den USA werde die Wertpapierverwahrtochter Clearstream mit den Bareinlagen ihrer Kunden deutlich mehr verdienen. Wegen einer möglichen Zinswende in Europa ziehe zudem der Handel mit Zinspapieren an der Derivatebörse Eurex kräftig an. „In den ersten Februartagen haben wir eine Steigerung in unseren Fixed-Income-Produkten von 60 bis 70 Prozent“, so Pottmeyer. Experten erwarten in den USA in diesem Jahr vier bis fünf Zinserhöhungen und im Euro-Raum ein bis zwei.
Ihren Gewinn will die Deutsche Börse in den kommenden Jahren auch durch eigene Wachstumsinitiativen und Zukäufe ausbauen. Große Deals, um den Rückstand bei der Marktkapitalisierung auf Konkurrenten wie die Londoner Börse zu reduzieren, stünden aktuell jedoch nicht auf der Agenda, sagte Vorstandschef Theodor Weimer.
Um die mittelfristigen Ziele zu erreichen, müsse die Deutsche Börse bis 2023 lediglich Firmen mit einem Umsatzbeitrag von 150 bis 200 Millionen Euro zukaufen. „Sie können große Deals auch nicht planen“, betonte Weimer. Dazu komme es nur, wenn es entsprechende Opportunitäten gebe. „Das können Sie nicht erzwingen. Und wenn man anfängt, es zu erzwingen, geht es meist schief.“
Deutsche Börse muss 2023 nochmals zulegen
Im vergangenen Jahr schloss die Deutsche Börse den mehrheitlichen Erwerb des US-Stimmrechtsberaters ISS und des Schweizer Fintechs Crypto Finance ab und übernahm die Plattform Fund Centre von der Schweizer Großbank UBS komplett.
Dies trug maßgeblich dazu bei, dass der Konzern sein Ergebnis trotz Gegenwind von den Märkten ausbaute. Die Nettoerlöse kletterten um neun Prozent auf 3,51 Milliarden Euro, der Betriebsgewinn (Ebitda) ebenfalls um neun Prozent auf 2,04 Milliarden Euro – ein Rekordergebnis.
Mit beiden Kennzahlen übertraf Deutschlands größer Börsenbetreiber minimal die selbst gesteckten Ziele und die durchschnittlichen Analystenschätzungen. Mit der Dividende, die von drei auf 3,20 Euro je Aktie steigen soll, blieb der Konzern dagegen leicht hinter den Markterwartungen zurück.
Für das laufende Jahr kalkuliert das Unternehmen mit einem Anstieg der Nettoerlöse um acht Prozent auf rund 3,8 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll ebenfalls um acht Prozent auf 2,2 Milliarden Euro zulegen.
Wenn sich der Konzern wie prognostiziert entwickelt, würde das bedeuten, dass die Deutsche Börse im kommenden Jahr deutlicher zulegen müsste als 2021 und 2022, um ihre mittelfristigen Ziele zu erreichen. Vorstandschef Weimer hatte im Rahmen der Strategie „Compass 2023“ im November 2020 nämlich in Aussicht gestellt, dass der Konzern seine Nettoerlöse und seinen Betriebsgewinn bis 2023 pro Jahr um durchschnittlich zehn Prozent ausbauen werde.
Dank der jüngsten Zukäufe hat das Unternehmen aus Eschborn bei Frankfurt auch seine Abhängigkeit von Marktschwankungen reduziert, was Analysten seit Langem fordern. Der Anteil von wiederkehrenden Einnahmen an den gesamten Nettoerlösen stieg im vergangenen Jahr von 49 auf 55 Prozent.
Weimer sieht keinen Dissens mit Börsenaufsicht
Intensiv beschäftigt hat sich die Deutsche Börse in den vergangenen Jahren auch mit ihrer Rolle bei Cum-Ex-Geschäften. Dabei haben Banken und Investoren den Staat jahrelang um Milliarden geschröpft, indem sie sich bei Dividendengeschäften eine nur einmal abgeführte Kapitalertragsteuer mehrfach erstatten ließen.
Die Staatsanwaltschaft hat die Deutsche Börse im Sommer 2019 durchsucht und ermittelt gegen mehrere Mitarbeiter. Das Unternehmen leitete daraufhin eine interne Untersuchung ein, bei der es laut Weimer unter anderem darum ging, ob es Pflichtverletzungen des Vorstands gab und ob die Deutsche Börse beim Thema Cum-Ex als Organisation versagt habe. Beides sei laut dem vorläufigen Endbericht, der am Mittwoch im Aufsichtsrat vorgelegt wurde, nicht der Fall gewesen, erklärte Weimer. „Ich kann Ihnen sagen, dass der vorläufige Endbericht sehr positiv zu unseren Gunsten ausgefallen ist.“
Bei der Hypo-Vereinsbank (HVB), wo er einst als Vorstandschef ebenfalls Cum-Ex-Geschäfte aufarbeiten musste, sei das grundlegend anders gewesen. Da habe er nach der internen Untersuchung „faktisch eine Selbstanzeige gemacht“, sagte Weimer, der 2018 von der HVB zur Deutschen Börse gewechselt war. Neben der Staatsanwaltschaft geht auch die hessische Börsenaufsicht der Frage nach, ob es bei Cum-Ex-Geschäften Auffälligkeiten gab, bei denen das Unternehmen hätte Alarm schlagen können.
Laut Weimer geht es bei der Diskussion vor allem um die Frage, wie die Handelsüberwachungsstelle ihre Kontrollen durch den Einsatz neuer Technologien und Künstlicher Intelligenz verbessern könne. „Da gibt es überhaupt keinen Dissens zwischen der hessischen Börsenaufsicht und uns.“