KfW-Kreditmarktausblick: Banken droht eine Flaute im wichtigen Kreditgeschäft
Das Geschäft mit Krediten und Einlagen ist derzeit die wichtigste Ertragsquelle der meisten Banken und Sparkassen. Doch dem Kreditgeschäft droht eine Flaute.
Foto: dpaFrankfurt. Das Wachstum bei neuen Krediten an deutsche Unternehmen und Selbstständige ist zum Erliegen gekommen. Im ersten und voraussichtlich auch im zweiten Quartal stagnierte die Vergabe neuer Darlehen auf dem Niveau des Vorjahres. Das geht aus dem jüngsten Kreditmarktausblick hervor, den die staatliche Förderbank KfW für das Handelsblatt exklusiv berechnet.
Für Banken ist das eine schlechte Nachricht. Das Geschäft mit Einlagen und Krediten ist aktuell ihre wichtigste Ertragssäule.
Die Flaute dürfte sich weiter fortsetzen: Für das dritte Quartal rechnet die KfW sogar mit einem Rückgang im Neugeschäft von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Minus kommt allerdings nur zustande, weil der Finanzierungsbedarf der Unternehmen im Herbst vergangenen Jahres außergewöhnlich hoch war. Damals mussten viele Firmen unter anderem wegen der Inflation und der hohen Energiekosten mehr für Vorprodukte zahlen.
„Wenn man das absolute Volumen der Neuzusagen von Krediten von Quartal zu Quartal vergleicht, dann sind diese seit dem vierten Quartal 2022 auf etwa gleichbleibendem Niveau recht stabil“, erläutert die Chefvolkswirtin der KfW, Fritzi Köhler-Geib.
Für die Ermittlung des Kreditneugeschäfts analysiert die KfW vierteljährlich die Veränderungen des von der Bundesbank erhobenen Kreditbestands und trifft Annahmen über die planmäßigen Tilgungen, also Kreditrückzahlungen, da diese dabei miteinkalkuliert werden müssen. Wohnungsbaudarlehen und Kredite an Versicherer und Finanzierungsinstitutionen rechnet die KfW aus den Bundesbank-Daten heraus.
Der Grund für die Entwicklung ist die geringe Kreditnachfrage vieler Unternehmen. „Hohe Zinsen und schwache Konjunkturaussichten dämpfen den Appetit auf Finanzierungen zu Investitionszwecken“, heißt es im Kreditmarktausblick.
Die Zinsen für Unternehmenskredite bewegen sich aufgrund der Zinserhöhungen durch die Notenbanken auf dem höchsten Stand seit 14 Jahren, zeigen Daten des Analysehauses Barkow Consulting. Für einen fünfjährigen Kredit mussten Unternehmen Ende Juli dieses Jahres im Durchschnitt 4,72 Prozent zahlen. Im Januar 2022 waren es noch 1,7 Prozent.
Die vierteljährliche Kreditumfrage der Bundesbank identifizierte im Juli die hohen Zinsen daher als Hauptgrund für das geringe Interesse von Unternehmen an neuen Darlehen. Der zweitwichtigste Grund waren die rückläufigen Anlageinvestitionen, wie aus der Bank Lending Survey hervorgeht.
Das Investitionsverhalten der Unternehmen spielt für die weitere Entwicklung am Kreditmarkt folglich eine wichtige Rolle. Die KfW ist verhalten optimistisch: Sie erwartet, dass sich „die Unternehmensinvestitionen 2023 preisbereinigt in etwa auf der Höhe des Vorjahres halten werden“, und verweist auf „Nachholbedarfe und Investitionserfordernisse aus Digitalisierung und grüner Transformation“.
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Die Förderbank rechnet damit, dass sich die Kreditneuzusagen – wenn man das Ausreißer-Quartal aus dem Vorjahr herausrechnet – auf ihrem aktuellen Niveau stabilisieren werden. Falls sich die Investitionstätigkeit der Unternehmen schwächer entwickle als erwartet, könne das Neugeschäft im dritten Quartal allerdings noch stärker schrumpfen als um die bislang prognostizierten zehn Prozent.
Die Kreditnachfrage vieler Unternehmen schwächt sich ab.
Foto: imago images/photothekFür Banken ist auch Stagnation eine schlechte Nachricht. Sie haben im vergangenen Jahr viele neue Darlehen vergeben, deren Laufzeit verhältnismäßig kurz war. Denn viele dieser Kredite dienten nur kurzfristigen Finanzierungsengpässen, weil Vorprodukte teurer waren oder weil die Unternehmen ihre Warenlager hochfahren wollten. Schon eine Stagnation würde die Ertragsaussichten daher dämpfen.
Davon wäre die wichtigste Ertragssäule der vergangenen Quartale für die Banken betroffen: Denn vor allem das Geschäft mit Krediten und Einlagen boomt derzeit. Zum einen ist das Kreditvolumen aufgrund der kurzfristigen Betriebsmittelkredite gewachsen. Zum anderen verdienten die Geldhäuser an neuen Krediten wegen der höheren Zinsen besser.
Schon jetzt zeigt sich bei einigen Instituten, dass der Nachschub an neuen Krediten bei ihnen nicht mehr ausreicht, um auslaufende Darlehen zu ersetzen. Bei der Deutschen Bank etwa schrumpft der Darlehensbestand im Firmenkundengeschäft seit Ende September 2022 Quartal für Quartal um beinahe zehn Prozent auf zuletzt 116,4 Milliarden Euro. Bei der Unicredit-Tochter Hypo-Vereinsbank betrug das Minus im Corporate-Bereich Ende Juni im Vergleich zum Jahresende 2022 etwa 2,7 Prozent.
Wettbewerb um Einlagen könnte sich verstärken
In den Gewinn- und Verlustrechnungen der Institute macht sich das Ende des Kreditbooms praktisch nicht bemerkbar – noch. Da sich viele Bankkunden noch immer mit den extrem niedrigen Einlagenzinsen vieler Institute zufriedengeben, verdienen die Banken an der Differenz noch immer sehr gut. Diese Einnahmen gleichen die Flaute im Kreditgeschäft mehr als aus.
Die hohen Zinsangebote einiger Geldhäuser haben bislang also noch nicht zu einem starken Wettbewerb um hohe Einlagen geführt. Nichtsdestotrotz gehen die meisten Kreditinstitute davon aus, dass sich das in den nächsten Monaten ändern könnte. Sparkassen und Volksbanken, die besonders niedrige Einlagenzinsen anbieten, haben in diesem Jahr bereits Einlagenabflüsse verbuchen müssen.
Wie wichtig die niedrigen Einlagenzinsen für die Institute sind, zeigt eine weitere Analyse von Barkow Consulting, die die durchschnittlichen Zinskosten für Unternehmenskredite mit den durchschnittlichen Zinskosten für Banken am Kapitalmarkt vergleicht. Diese Daten zeigen: Würden sich Banken am Kapitalmarkt und nicht über Kundeneinlagen finanzieren, würden sie von den höheren Zinsen nicht profitieren.
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Im Allgemeinen können sich Banken über den Kapitalmarkt oder eben über Einlagen finanzieren. Zwischen diesen Kosten und den Kreditzinsen gibt es eine Marge. Peter Barkow, Gründer und Geschäftsführer von Barkow Consulting, zeigt auf: Die kapitalmarktbasierte Marge ist trotz einer „deutlichen Erholung im laufenden Jahr immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau“.
Ursache für den „dramatischen Rückgang“ dieser Kreditmargen sei der deutliche Anstieg des Zinsniveaus gewesen. Banken haben diesen Zinsanstieg nicht vollständig an ihre Kreditnehmer weitergeben können. Im Gegenteil: Barkow geht sogar davon aus, dass Banken „einen Teil ihres Finanzierungsvorteils aus dem Einlagengeschäft an die Kreditkunden weitergegeben“ haben. Anders lässt sich das Ausmaß des Margenrückgangs im vergangenen Jahr aus seiner Sicht nicht vergleichen.
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Erstpublikation: 16.08.2023, 17:00 Uhr